Allergien
Falscher Alarm
Für Babys keine Kuhmilch, keine Nüsse, keine Eier: Diese alte Regel gilt ab sofort nicht mehr.
Rund zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer leiden an Allergien. Bei ihnen interpretiert das Immunsystem an sich harmlose Eiweissbestandteile aus Pollen, Lebensmitteln oder Hausstaubmilben als Krankheitserreger. Und bildet Antikörper dagegen, die so aggressiv sind, dass sie zu Schnupfen, Husten, tränenden Augen oder Ausschlägen führen.
Besonders mühsam sind Nahrungsmittelallergien, etwa auf Eier, Milch oder Soja. Sie können den Menüplan extrem beeinflussen. Logisch, dass Eltern ihre Kinder vor solchen Allergien bewahren möchten.
Jahrzehntelang gingen Forscher und Ärzte davon aus, dass es sinnvoll und nötig sei, Babys im ersten Lebensjahr vor besonders häufig Allergien auslösenden Lebensmitteln wie Nüssen oder Eiern zu schützen. Der Darm sei zu unausgereift, dadurch würden Nahrungsmittelallergien gerade in diesem Alter gefördert. Je später ein Kind also mit allergieauslösenden Esswaren in Kontakt komme, umso besser sei es für den Rest seines Lebens davor geschützt, allergisch auf sie zu reagieren.
Doch jetzt hat ein Umdenken stattgefunden. Die Europäische Pädiatrische Ernährungskommission rät neuerdings von Anti-Allergie-Diäten für Babys ab; dieselben Empfehlungen werden wohl bald auch von der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie übernommen.
Anzeige:
Denn der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel bewirkt offenbar nicht selten genau das Gegenteil dessen, was eigentlich erwünscht wäre: Statt weniger Nahrungsmittelallergien entstehen mehr. Das jedenfalls ist die Bilanz mehrerer Untersuchungen der letzten Jahre. Anscheinend lässt der frühe Kontakt mit möglichst vielen verschiedenen fremden Stoffen das Immunsystem toleranter werden.
Wahrscheinlich ist deshalb auch die Muttermilch die beste Vorbeugung gegen Allergien. Erstens enthält sie schützende Antikörper, die insbesondere Kuhmilchallergie und Neurodermitis vorbeugen. Zweitens enthält sie vom ersten Schluck an reichlich Spuren aus den verschiedensten Lebensmitteln, die die Mutter isst. Sowohl der Geschmackssinn als auch das Immunsystem des gestillten Babys lernen bereits von ganz früh an die unterschiedlichsten Facetten der Ernährung kennen. Kann und will eine Frau stillen, sollte sie ihrem Baby in den ersten sechs Monaten nichts anderes geben als Muttermilch.
Ab einem Jahr dürfen Kinder das Gleiche essen wie die Eltern. Aber bitte mit etwas weniger Salz, Gewürzen und Zucker!
© Beobachter Ausgabe 9 vom 29. Apr 2009 - Alle Rechte vorbehalten




