Ernährung

Tête-à-Tête mit der Gesundheit

Text:
  • Marianne Botta Diener
  •  und Urs Zanoni
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
23/03

Beruhigt Nerven, hebt Stimmung, belebt Immunsystem: Wird gesundes Essen in stimmiger Atmosphäre serviert, kann es Wunder wirken. Wellfood nennen es Fachleute.

Ernährung: Tête-à-Tête mit der Gesundheit

Weder der Kellner noch der Blumenstrauss sind zum Verzehr gedacht. Und doch bestimmen sie zu einem Gutteil darüber, ob das Essen schmeckt. Denn wenn der Kellner schnoddrig ist und die Blumen welken, würde man den Fünfgänger im Gourmettempel gerne gegen eine Wurst vom Bahnhofgrill tauschen.

«Die Ernährung ist neben Bewegung, Entspannung und geistiger Aktivität das vierte Elemente, das die persönliche Wellness bestimmt», sagt die Tourismus-Expertin Eveline Lanz-Kaufmann. Weshalb für die wellnessgerechte Ernährung gleich ein Begriff kreiert wurde: Wellfood.

Damit ist weit mehr gemeint als die blossen Lebensmittel. Wellfood beginnt bei der Einstimmung aufs Essen, berücksichtigt die Atmosphäre am Tisch, stellt den Genuss in den Mittelpunkt und endet bei der Wirkung der einzelnen Nahrungsmittel auf die Gesundheit.

Wer das Essen ganz gezielt für sein Wohlbefinden einsetzen will, muss allerdings einiges beachten. Denn die einzelnen Inhaltsstoffe der Ernährung wirken ganz unterschiedlich:


  • Kohlenhydrate, am besten aus Früchten, Gemüse und Vollkornprodukten, sind wichtige Baustoffe, um die Produktion des Hirnbotenstoffs Serotonin anzuregen – Serotonin gilt als «Gute-Laune-Stoff» und verhindert Essattacken.

  • Vitamin B und C sind ebenfalls an der Produktion des Glückshormons Serotonin beteiligt. Deshalb sind Säfte, Früchte, Joghurt, Buttermilch oder Studentenfutter als Zwischenmahlzeit besonders geeignet.

  • Cholin, ein weiterer Botenstoff im Gehirn, kann die Gedächtnisleistung innerhalb von 90 Minuten auffrischen. Er findet sich vor allem in Weizenkeimen, Nüssen und Vollkornprodukten.

  • Magnesium beruhigt die Nerven, dämpft Stress und Aggressionen. Viel Magnesium enthalten Milch- und Vollkornprodukte, grünes Gemüse, Salate, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen. Magnesiummangel äussert sich häufig in Wadenkrämpfen.

  • Zink, Eisen und Calcium sind weitere Mineralstoffe, die sich positiv auf die Nerven auswirken. Müesliriegel mit Sonnenblumen- und Kürbiskernen, Sesam und Nüssen liefern den notwendigen Nachschub.

  • Ätherische Öle in Kräutern wirken besonders stark auf das seelische Wohlbefinden. Apiol in Petersilie und Linalol in Koriander schützen vor Depressionen, Gingerol in Ingwer entspannt, Capsaicin in Paprika und Chili hebt die Stimmung. Wer frische Kräuter verwendet, kann zudem den Salzkonsum massiv herabsetzen.

  • Koffein und Theobromin hellen die Stimmung auf und regen an. Sie sind in Kaffee, Tee und Schokolade enthalten, sollten allerdings mit Mass konsumiert werden.

  • Die leuchtenden Farben und starken Aromen von gut gereiften Tomaten, Peperoni, Oliven oder Artischocken signalisieren bioaktive Pflanzenstoffe, die die Zellen schützen und das Immunsystem beleben.

  • Ein ausgeglichener Blutzuckerspiegel hat grossen Einfluss aufs Wohlbefinden. Wer seinen Körper täglich starken Schwankungen aussetzt, ist häufiger müde, weniger konzentriert, nimmt stärker zu. Deshalb sollte man Produkte wie Weissmehl, Weissbrot, Cornflakes, Kuchen oder Süssigkeiten so weit wie möglich meiden.


Doch selbst die beste Zusammensetzung der Mahlzeiten verschafft kein wirkliches Wohlgefühl, wenn das schlechte Gewissen – zum Beispiel bei Übergewichtigen – mitisst.

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Denn Schuldgefühle erzeugen massiven, krank machenden Stress und können sogar zu Depressionen führen. Jede zweite Person, so zeigen Umfragen von Genussforschern, könnte alltägliche Essfreuden – Schokolade, Kaffee, Schlagrahm – mehr geniessen, wenn sie deswegen keine Schuldgefühle hätte.

Auch BSE und Hormonskandale können die Lust am Essen vergällen. Die Schweizerinnen und Schweizer scheinen diesbezüglich besonders gefährdet. «Unsere Gäste aus der Schweiz sind die kritischsten, wenn es um Herkunft und Produktionsbedingungen der Nahrungsmittel geht», sagt Katharina Pirktl, Juniorchefin im Hotel Schwarz im österreichischen Mieming. Es gebe auch deutlich mehr Vegetarier unter ihnen als unter den Deutschen, Italienern
oder Österreichern.

Schweizer sind schlechte Geniesser
Dabei ist die Genussfähigkeit einer der Schlüssel zum Wohlbefinden beim Essen. «Wenn jemand mit Genuss isst, werden mehr Magensaft und Enzyme für die Verdauung ausgeschüttet», sagt der Basler Ernährungswissenschaftler Paul Walter, «zudem wird das Immunsystem stimuliert.» Gerade in der Schweiz aber scheint die Fähigkeit zu geniessen nur mässig entwickelt zu sein: In einer Umfrage, an der 4000 Personen aus acht europäischen Ländern teilnahmen, figuriert die Schweiz im Mittelfeld. Die Befragten mussten auf einer Skala angeben, wie viel Genuss ihnen Alltägliches bereitet – zum Beispiel ein Glas Wein trinken, Musik hören oder Sex. Am Genussfreudigsten sind demnach die Holländer, gefolgt von den Briten.

Wellness nach Hause nehmen
Genuss verlangt Zeit und eine anregende Stimmung – beides fehlt aber oft im Alltag und in den eigenen vier Wänden. «Wir bekommen häufig die Rückmeldung von Gästen», so Katharina Pirktl, «dass sie bei uns viel langsamer essen als zu Hause.» Allerdings: Sie hat schon mehrfach beobachtet, dass ältere Ehepaare ungeduldig nach dem nächsten Gang fragen, wenn mehr als fünf oder zehn Minuten dazwischen verstreichen – offenbar haben sie sich schlicht weniger zu sagen als frisch Verliebte. Dabei wären gerade Wellnessferien dafür geeignet, die persönliche Lebensführung zu überdenken. Mit dem Ziel, mindestens zwei bis drei Dinge, die einem gut getan haben, in den Alltag und die eigene Küche mitzunehmen.

Alltag: Gesunde Strategien

Abschalten: Trotz Stress immer wieder eine Pause einlegen – dreimal täglich, raten Experten.

 

  • Sie stellen den Wecker so zeitig, dass Sie in Ruhe aufstehen und frühstücken können.

  • Sie beschliessen Ihre Morgendusche mit einem kalten Schauer.

  • Sie füllen die Kohlenhydratspeicher mit einem ausgiebigen Frühstück.

  • Sie gehen zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit.

  • Sie trinken den Tag durch mindestens zwei Liter ungesüssten Kräuter- oder Früchtetee, Mineral- oder Hahnenwasser.

  • Sie legen Entspannungspausen ein – mindestens dreimal am Tag je fünf Minuten.

  • Sie essen mittags einen Salat mit einer eiweissreichen Beilage (Ei, Mozzarella, Fleischsalat) und ein Vollkornbrötchen. Oder Fisch mit Gemüse.

  • Sie hören auf Ihren Körper und wissen, wann Sie satt sind.

  • Sie gehen über Mittag mindestens eine halbe Stunde nach draussen. Oder Sie machen ein Mittagsschläfchen von höchstens 30 Minuten.

  • Sie essen eine Reihe dunkle Schokolade, wenn Sie Lust auf Süsses haben.

  • Sie schlucken Frust am Arbeitsplatz nicht einfach runter, sondern verlassen den Arbeitsplatz regelmässig für einen kurzen Moment – Dauerstress steigert den Körperfettanteil.

  • Sie nehmen spätestens um 19 Uhr das Abendessen ein, idealerweise eine kohlenhydratreiche Mahlzeit wie Pasta mit Salat.

  • Sie hemmen den Appetit mittels Akupressur: Dazu drücken Sie 20 Sekunden mit dem Mittelfinger in die Vertiefung zwischen Nase und Oberlippe.

  • Sie wissen, wie viel Schlaf Sie benötigen, und halten sich daran.

© Beobachter Ausgabe 23 vom 13. Nov 2003 - Alle Rechte vorbehalten


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