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Rohkost

Ungekochtes für Hartgesottene

Bild:
  • Kerstin Hess
  •  und Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
25/00

Wer ausschliesslich rohe Früchte und Gemüse isst, fühlt sich besser – behaupten die Anhänger. Doch Wissenschaftler warnen vor Gesundheitsschäden.

Rohkost: Ungekochtes für Hartgesottene

Esst nur noch rohe, naturbelassene Früchte und Gemüse! Dann verschwinden körperliche Beschwerden, und ernsthafte Krankheiten treten gar nicht erst auf.» So lautet das Kredo der Rohkostanhänger. Die wohltuende Wirkung führen sie unter anderem darauf zurück, dass in ungekochter Nahrung alle Nährstoffe erhalten bleiben, insbesondere Vitamine, Enzyme und Ballaststoffe. Gekochte Nahrung betrachten die Rohköstler als tot, unbrauchbar und schädlich für den Stoffwechsel.

 

Tönt wunderbar einfach – in der Praxis sieht es jedoch etwas anders aus. Denn Rohkost ist nicht gleich Rohkost. So gibts Rohköstler, die auf eine rein pflanzliche Nahrung, die vegane Rohkost, schwören. Andere setzen auch Milch und Milchprodukte oder Eier auf ihren Speiseplan, das heisst, sie ernähren sich ovo-lakto-vegetarisch. Bei manchen Rohkostformen sind gar Fleisch, Fisch oder Insekten erlaubt – natürlich roh! Unterschiedliche Ansichten gibt es auch hinsichtlich der Zubereitung: Mal dürfen die Nahrungsmittel zerkleinert und gewürzt werden, mal nicht. Ein angemachter Salat oder ein frisch gepresster Obstsaft liegen bei den einen drin, bei den anderen nicht.

 

Helmut Wandmaker ist ein Verfechter der rigorosen Rohkost. Der heute 83-jährige Unternehmer aus Norddeutschland propagiert in seinen Büchern vorwiegend eine Obstrohkost. Frisches Obst, das die volle Sonnenkraft besitzt, hat laut Wandmaker einen hohen gesundheitlichen Wert. Obst und Gemüse sollten im Verhältnis drei zu eins verzehrt werden. Getreide, Nüsse und Samen lehnt Wandmaker ab, da sie verdauungsstörende Stoffe enthalten. Auch Fleisch sowie Milch und Milchprodukte sind für ihn tabu.

 

Wissenschaftlich nicht bewiesen

Wandmakers Ernährungsplan basiert auf der Annahme, dass der Mensch sich genetisch nicht an gekochte Nahrung angepasst habe und diese daher nicht verwerten könne. Daher führten die durch das Kochen hervorgerufenen Veränderungen der Nahrung zu Degeneration und Krankheit. Nur rohe Nahrung enthalte die für die Verdauung notwendigen Enzyme.

 

Die Thesen von Wandmaker sind zwar wissenschaftlich nicht haltbar, faszinieren aber dennoch Menschen, die nach einer idealen Ernährung suchen oder sich von einer Krankheit heilen möchten. Sie erfahren die Umstellung auf eine reine Obst-Gemüse-Rohkost als revitalisierend. So berichtet Fritz im Naturkost-Forum auf dem Internet: «Ich lebe etwa schon fünf Jahre nach dem guten Helmut und darf sagen, dass ich mich pudelwohl fühle. Sein Grundprinzip des rohen Obstes, mit etwas Gemüse, scheint richtig zu sein.»

 

Barbara Simonsohn schreibt nach zwölf Jahren Wandmaker-Rohkost auf der Website des Bundes für Gesundheit (www.bfgev.de): «Ich kann sagen, dass ich Wandmaker mein jetziges Leben zu verdanken habe. Ich wäre sicherlich noch nicht gestorben, aber hätte nicht so viel Energie und Lebensfreude. Ich habe nur noch alle paar Jahre eine kleine Erkältung.»

 

Eine etwas grössere Nahrungsauswahl bietet die Instincto-Ernährung, die der französische Physiker und Musiker Guy-Claude Burger entwickelt hat. Wie Wand-makers «Sonnenkost» hat auch Burger die Ernährung der Urzeitmenschen zum Vorbild genommen. Gemäss seiner Theorie des «Ernährungsinstinkts» signalisieren Geruchs- und Geschmacksempfindungen dem Körper seine Nährstoffbedürfnisse.

 

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«Man muss sich vorstellen, dass die Menschen früher ohne Nährwerttabelle auf Nahrungssuche gingen», wird im Naturkost-Forum erklärt. «Um die momentan benötigten Nährstoffe für den Körper zu erhalten, mussten sie sich bei der Nahrungssuche auf den Instinkt verlassen.»

 

Gemäss Instincto-Philosophie wird man durch eine «instinktive Sperre» davor bewahrt, nicht benötigte Lebensmittel oder schädliche Stoffe zu essen. Diese Sperre kann aus dem faden Geschmack oder dem unangenehmen Geruch resultieren.

Ein wichtiger Umstand bleibt dabei jedoch unerwähnt: Vermutlich verzehrten die Urmenschen einfach alles Essbare, das sie fanden, weil sie die meiste Zeit unter Nahrungsmangel litten.

 

Der Ernährungsinstinkt funktioniert laut Guy-Claude Burger nur bei naturbelassen rohen, ursprünglichen und natürlich angebauten Lebensmitteln. Deshalb lehnt er gekochte, gewürzte oder bearbeitete Speisen ab. Auch Milch und Milchprodukte sind seiner Auffassung nach für die menschliche Ernährung ungeeignet, während rohes Fleisch, roher Fisch, Eier oder auch Insekten als «Urnahrung» einen Platz in der Instincto-Ernährung haben.

 

Konsequentes Umsteigen ist teuer

Üben kann man die ursprüngliche Ernährungsform im Château de Montramé, dem Zentrum für Instincto-Ernährung in Frankreich. Wer konsequent umsteigen will, muss allerdings – neben viel gutem Willen – über ein dickes Portemonnaie verfügen. Denn Nahrungsmittel, die den Gesichtspunkten der Instincto-Ernährung entsprechen, gibt es nur beim Orkos-Vertrieb – zu happigen Preisen.

 

Auch Ernährungswissenschaftler empfehlen, einen Teil der täglichen Nahrung als Rohkost zu verzehren, da sie reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen ist. Eine extreme Rohkosternährung über einen längeren Zeitraum lehnen Experten jedoch ab. «Der ausschliessliche Verzehr von Früchten und Gemüsen ist zu einseitig und führt zu Mangelzuständen», kritisiert Beatrice Däppen von der Schweizerischen Vereinigung für Ernährung (SVE) in Bern. «Es fehlen wichtige Nährstoffe wie Eiweiss und essenzielle Fettsäuren, Kalzium, Jod und Zink, Vitamin B12 und Vitamin D.» Zudem sei die Energiezufuhr ungenügend.

 

Kochen wirkt gegen Giftstoffe

Daneben muss man bedenken, dass sich nicht alle Lebensmittel zum rohen Verzehr eignen. Rohe Hülsenfrüchte und Kartoffeln beispielsweise enthalten natürliche Giftstoffe, die schwere Magen-Darm-Störungen, Blutungen oder Kopfschmerzen hervorrufen können. Durch Kochen werden diese Stoffe grösstenteils zerstört und die Nährstoffe leichter verfügbar gemacht. In gekeimten Erbsen, Bohnen und Linsen sind die Gifte zwar reduziert, aber nicht vollständig abgebaut. Sprossen von Sojabohnen oder anderen Hülsenfrüchten sollten daher vor dem Verzehr kurz blanchiert werden, empfiehlt Beatrice Däppen.

 

Und abgesehen davon: Wer will schon bei nasskalter Witterung auf eine wärmende Suppe verzichten oder in der Vorweihnachtszeit Guetsli verschmähen?

 

Bilanz der Rohkosternährung


Eine reine Rohkosternährung ist insbesondere für Risikogruppen wie Schwangere, Stillende, Kinder und ältere Menschen als Dauerernährung nicht empfehlenswert. Dieses Fazit ziehen Carola Strassner, Corinna Koebnick und Claus Leitzmann, die im deutschen Giessen die erste umfassende Rohkoststudie durchgeführt haben. An der Studie nahmen Männer und Frauen teil, die mehr als 70 Prozent der täglichen Nahrungsmenge roh verzehrten. Die Nahrung der Rohköstler bestand im Durchschnitt aus rund zwei Dritteln Obst und etwa einem Viertel Gemüse und Hülsenfrüchte.

Diese einseitige Ernährung führte dazu, dass die Aufnahme von Nährstoffen unzureichend war, die überwiegend aus Getreide oder Lebensmitteln tierischer Herkunft stammen: die Vitamine D, B2, B12 und Niacin sowie Zink, Kalzium und Jod. Problematisch ist auch die Energie- und Eiweissversorgung der Rohköstler. Zeichen hierfür sind ein geringeres Körpergewicht, ein niedriger Grundumsatz und das Ausbleiben der Monatsblutung bei einigen Teilnehmerinnen.

Unabhängig von dieser Expertise wollten 98 Prozent der untersuchten Rohköstler ihre Ernährung beibehalten.

 

© Beobachter Ausgabe 25 vom 08. Dez 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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