Übergewicht
Adipositasspezialist Fritz Horber im Interview
Der Zürcher Adipositasspezialist Fritz Horber fordert eine umfassende Ernährungsschulung: «Bereits Kinder müssen einen gesunden Lebensstil erlernen, bevor sich falsche Essgewohnheiten breit machen.»

Beobachter: Herr Horber, was macht dick?
Fritz Horber: Veranlagung und individuelles Fehlverhalten. Einerseits sind es die Gene, andererseits essen wir zu fett, trinken zu viel Alkohol und bewegen uns zu wenig. Etwas plakativ gesagt: Wir bestellen Hamburger per Computer – und die einzige Bewegung, die wir dafür machen, ist ein Tastendruck: Wir surfen im Internet statt auf dem See.
Beobachter: Eine genetische Veranlagung zu Ubergewicht kann sich heute stärker auswirken als früher, weil wir uns zu wenig bewegen?
Horber: Ja. Der Körper verfügt über eine Art Regler, der den Fettgehalt auf einem bestimmten Niveau zu halten versucht. Die Einstellung dieses Reglers stimmt nicht mehr überein mit unserer heutigen Lebensweise. Unser bequemer Lebensstil braucht weniger Energie.
Beobachter: Und dennoch fordert unser Hirn nach immer mehr Nachschub?
Horber: Ja, es fordert ständig. Das ist bei übergewichtigen Menschen mit einem Leidensdruck verbunden, der für schlanke Personen nicht nachvollziehbar ist.
Beobachter: Weshalb nützt ein starker Wille kaum, das Übergewicht in den Griff zu bekommen?
Horber: Mit Willen kann man das Gewicht reduzieren, aber es meist nicht langfristig halten. Die Signale des Fettmessers kommen 24 Stunden lang an 365 Tagen. Dauernd dagegen anzukämpfen ist unmöglich.
Beobachter: Eine ernüchternde Aussicht angesichts der zunehmenden Zahl übergewichtiger Menschen.
Horber: Es gibt einen Ausweg: endlich mehr zu forschen. Wir wissen noch immer viel zu wenig über jene Stoffwechselvorgänge im Körper, die das Gewicht regulieren. Aber für die Adipositasforschung wird sehr wenig Geld ausgegeben – obwohl kaum eine andere Krankheit so viele Kosten nach sich zieht. Weiter brauchen wir Früherziehung. Bereits die Kinder müssen einen gesunden Lebensstil erlernen, bevor sich falsche Essgewohnheiten breit machen. Aber in den Schulen wird die dritte Turnstunde ebenso gestrichen wie der Hauswirtschaftsunterricht.
Beobachter: Was fordern Sie konkret?
Horber: Wir brauchen eine umfassende Ernährungsschulung. Wir müssen darüber aufgeklärt werden, was und wie viel wir essen. Wer weiss das schon. So, wie wir die Höhe unseres Lohns auswendig kennen, genau so müssen wir über die Kalorien- und Fettaufnahme informiert sein. Zudem braucht der moderne Mensch mehr Bewegung. Fünf Mal pro Woche 30 Minuten Training mit einem Puls von 140 ist das Minimum.
Beobachter: Diäten haben also ausgedient?
Horber: Diäten allein funktionieren nicht, weil der Körper immer wieder danach strebt, seine alte Fettmenge zurückzugewinnen. Ohne körperliche Aktivität und Verhaltensveränderungen haben Diäten tatsächlich ausgedient.
Beobachter: Dafür gibt es nun Medikamente und chirurgische Möglichkeiten.
Horber: Medikamente sind keine Heiler, aber Helfer. Man muss sie aber richtig einsetzen. Wer 100 Gramm Fett isst und glaubt, dank Xenical abzunehmen, liegt falsch. Dasselbe gilt für Reductil. Zwar vermag das Medikament häufig das Sättigungsgefühl zu verbessern, doch ohne Umstellung der Ernährung und zusätzliche körperliche Aktivität tut sich nichts. Operative Massnahmen sind angesagt, wenn Übergewicht oder Folgekrankheiten die Gesundheit stark beeinträchtigen. Natürlich ermöglichen solche Operationen die dauerhaftesten Verbesserungen, aber sie bergen auch Risiken, die mit dem Patienten vorher eingehend besprochen werden müssen.
Beobachter: Die Novartis-Tochter Wander AG produziert die Energiebombe Ovomaltine, hat aber auch eine Diätlinie entwickelt und unterstützt die Schweizerische Adipositas-Stiftung. Das Geschäft rund um Kalorien boomt.
Horber: Wir leben in einer Gesellschaft mit pluralistischer Denkweise, jedem also das Seine. Wenn wir das Problem Übergewicht bewältigen wollen, müssen wir bei der Politik und beim Sozialsystem ansetzen. Beide haben bislang völlig versagt, weil immer noch die Meinung vorherrscht, mit weniger Essen allein sei das Problem gelöst – ein sehr naiver Ansatz. Ändert sich hier nichts, kommt es bald zur Katastrophe.
© Beobachter Ausgabe 25 vom 10. Dez 1999 - Alle Rechte vorbehalten
