Übergewicht
«Alle machen mir Vorwürfe»
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- 1/11
Brigitte F.: «Ich leide unter starkem Übergewicht und traue mich deshalb kaum mehr, am Schalter zu arbeiten – obwohl ich das sehr gerne tue. Immer wieder machen mir Leute Vorwürfe oder erteilen mir Ratschläge. Warum lassen sie mich nicht in Ruhe?»
Weil diese Leute selber Probleme mit ihrem Gewicht haben und das auf Sie projizieren. Es ist ein bekannter psychologischer Mechanismus, sich auf die Schwächen anderer zu konzentrieren, statt die eigenen zu sehen. Und es ist immer das, was man an sich selber nicht wahrnehmen will, was einen an den andern stört.
Das ist keine Entschuldigung für das Verhalten Ihrer Umgebung – bloss eine Erklärung. Sicher spielt auch die strenge soziale Norm, dass man schlank sein muss, eine Rolle, wenn stark Übergewichtige zur Zielscheibe von abwertenden Bemerkungen werden.
Es ist falsch zu sagen, wer zu dick sei, sei selber schuld. Es gibt eine ganze Reihe von «Schuldigen», zuallererst die Natur des Menschen. Unser Organismus ist darauf eingerichtet, in Zeiten des Nährstoffüberflusses Reserven in Form von Fettpolstern anzulegen. Der evolutionäre Vorteil liegt auf der Hand: Mit diesem System konnte der Mensch auch in Zeiten grosser Nahrungsknappheit überleben. Eine solche gibt es in den westlichen Ländern allerdings nicht mehr. Wir haben in der Tat mehr als genug zu essen, und obendrein enthalten die industriell hergestellten Nahrungsmittel sehr viel Energie und wenig Ballaststoffe.
Hinzu kommt, dass die Werbung die Lust auf Esswaren durch besonders attraktive Darstellungen hochhält. Wer also über eine effiziente Verdauung verfügt, neigt bei uns natürlicherweise dazu, Gewicht zuzulegen.
Das ist aber längst nicht mehr harmlos. Übergewicht wird zu den bedeutendsten gesundheitlichen Problemen des 21. Jahrhunderts gezählt und von der WHO einer Epidemie gleichgesetzt. Nicht zufällig setzt sich die First Lady in den USA ausgerechnet gegen Übergewicht bei Kindern ein.
Gar nicht erst überflüssige Pfunde anzusetzen ist dabei einfacher, als sie wieder loszuwerden. Langzeitstudien der Schweizerischen Adipositas-Stiftung zeigen, dass es nur 15 Prozent der Betroffenen gelingt, ihr Gewicht um mehr als fünf Prozent zu reduzieren und das länger als ein Jahr zu halten. Das ist aber kein Grund, am Willen der Erfolglosen zu zweifeln, ihnen Vorwürfe zu machen oder sie gar zu verachten. Ein komplexes Zusammenspiel von Erbanlagen, körperlichen Vorgängen, Gewohnheiten, seelischer Verfassung und sozialer Umgebung verhindert oft eine erfolgreiche Gewichtskontrolle.
Deshalb gibt es auch keine simplen Methoden, um abzunehmen, keine erfolgreichen Wunderkuren. Experten beziehen bei einer Schlankheitskur immer öfter auch psychische Faktoren mit ein. Ein Beispiel ist das Buch der Fachpsychologin Erika Toman. Einerseits gibt sie eine Anleitung, wie man sich realistische Ziele setzen kann, um vom Ergebnis nicht enttäuscht zu sein. Anderseits legt sie Wert auf mentale Begleitung der Gewichtsabnahme. Sie hat in ihrer Praxis die Erfahrung gemacht, dass «die Pfunde leichter schmelzen, wenn sich die Innenwelt erweitert». Es geht dabei nicht nur um Wissen über körperliche und psychische Mechanismen, sondern darüber hinaus um inneres, seelisches Wachstum.
- Die Signale des Körpers wie Hunger und Sättigung besser wahrnehmen.
- Erkennen, welche Gefühle Ursache für Fressattacken sind: etwa Frustration oder Wut, Leere oder Trauer – und diese ausdrücken statt unterdrücken.
- Mit den Selbstvorwürfen aufhören.
- Als Belohnung Früchte statt Süssigkeiten einsetzen.
- Sich auf andere eigene Werte konzentrieren, statt mit den Gedanken immer ums Körpergewicht zu kreisen.
Erika Toman: «Mehr Ich, weniger Waage. Abnehmen ohne Illusionen, mit Seele und Verstand»; Zytglogge-Verlag, 2009, 336 Seiten, Fr. 36.90
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© Beobachter Ausgabe 1 vom 06. Jan 2011 - Alle Rechte vorbehalten
Übergewicht
«Alle machen mir Vorwürfe»
Brigitte F.: «Ich leide unter starkem Übergewicht und traue mich deshalb kaum mehr, am Schalter zu arbeiten – obwohl ich das sehr gerne tue. Immer wieder machen mir Leute Vorwürfe oder erteilen mir Ratschläge. Warum lassen sie mich nicht in Ruhe?»
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Weil diese Leute selber Probleme mit ihrem Gewicht haben und das auf Sie projizieren. Es ist ein bekannter psychologischer Mechanismus, sich auf die Schwächen anderer zu konzentrieren, statt die eigenen zu sehen. Und es ist immer das, was man an sich selber nicht wahrnehmen will, was einen an den andern stört.
Das ist keine Entschuldigung für das Verhalten Ihrer Umgebung – bloss eine Erklärung. Sicher spielt auch die strenge soziale Norm, dass man schlank sein muss, eine Rolle, wenn stark Übergewichtige zur Zielscheibe von abwertenden Bemerkungen werden.
Der moderne Mensch neigt zum Dicksein
Es ist falsch zu sagen, wer zu dick sei, sei selber schuld. Es gibt eine ganze Reihe von «Schuldigen», zuallererst die Natur des Menschen. Unser Organismus ist darauf eingerichtet, in Zeiten des Nährstoffüberflusses Reserven in Form von Fettpolstern anzulegen. Der evolutionäre Vorteil liegt auf der Hand: Mit diesem System konnte der Mensch auch in Zeiten grosser Nahrungsknappheit überleben. Eine solche gibt es in den westlichen Ländern allerdings nicht mehr. Wir haben in der Tat mehr als genug zu essen, und obendrein enthalten die industriell hergestellten Nahrungsmittel sehr viel Energie und wenig Ballaststoffe.
Anzeige:
Hinzu kommt, dass die Werbung die Lust auf Esswaren durch besonders attraktive Darstellungen hochhält. Wer also über eine effiziente Verdauung verfügt, neigt bei uns natürlicherweise dazu, Gewicht zuzulegen.
Das ist aber längst nicht mehr harmlos. Übergewicht wird zu den bedeutendsten gesundheitlichen Problemen des 21. Jahrhunderts gezählt und von der WHO einer Epidemie gleichgesetzt. Nicht zufällig setzt sich die First Lady in den USA ausgerechnet gegen Übergewicht bei Kindern ein.
Gar nicht erst überflüssige Pfunde anzusetzen ist dabei einfacher, als sie wieder loszuwerden. Langzeitstudien der Schweizerischen Adipositas-Stiftung zeigen, dass es nur 15 Prozent der Betroffenen gelingt, ihr Gewicht um mehr als fünf Prozent zu reduzieren und das länger als ein Jahr zu halten. Das ist aber kein Grund, am Willen der Erfolglosen zu zweifeln, ihnen Vorwürfe zu machen oder sie gar zu verachten. Ein komplexes Zusammenspiel von Erbanlagen, körperlichen Vorgängen, Gewohnheiten, seelischer Verfassung und sozialer Umgebung verhindert oft eine erfolgreiche Gewichtskontrolle.
Deshalb gibt es auch keine simplen Methoden, um abzunehmen, keine erfolgreichen Wunderkuren. Experten beziehen bei einer Schlankheitskur immer öfter auch psychische Faktoren mit ein. Ein Beispiel ist das Buch der Fachpsychologin Erika Toman. Einerseits gibt sie eine Anleitung, wie man sich realistische Ziele setzen kann, um vom Ergebnis nicht enttäuscht zu sein. Anderseits legt sie Wert auf mentale Begleitung der Gewichtsabnahme. Sie hat in ihrer Praxis die Erfahrung gemacht, dass «die Pfunde leichter schmelzen, wenn sich die Innenwelt erweitert». Es geht dabei nicht nur um Wissen über körperliche und psychische Mechanismen, sondern darüber hinaus um inneres, seelisches Wachstum.
Daran können Sie arbeiten
Buchtipp
Erika Toman: «Mehr Ich, weniger Waage. Abnehmen ohne Illusionen, mit Seele und Verstand»; Zytglogge-Verlag, 2009, 336 Seiten, Fr. 36.90
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