Übergewicht
Die fetten Jahre sind vorbei
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- 25/08
Jedes zehnte Kind in der Schweiz gilt als fettleibig. Gabriel Wyss gehörte zu ihnen. Nun hat er in einem Jahr 70 Kilo verloren – und neue Perspektiven gefunden.
Gabriel Wyss war noch nicht ganz 17 Jahre alt, als er zur Überzeugung gelangte, dass aus ihm nie etwas wird. Niemals könne etwas werden aus einem Menschen, der sich so schlecht unter Kontrolle hat, dachte er. Aus einem Menschen, der attackenartig Unmengen von Essen verschlingt, ohne Hunger zu verspüren, der isst und isst und erst aufhört, wenn der Bauch zu schmerzen beginnt oder der Kühlschrank leer ist. Das war vor etwas mehr als einem Jahr. Wenn sich Gabriel Wyss auf die Waage stellte, blieb der Zeiger erst bei 174 Kilogramm stehen.
Steht er heute auf die Waage, zeigt sie 104 Kilo an. Das ist noch immer viel für seine 176 Zentimeter Körperlänge, aber es sind 70 Kilo weniger als zu den Zeiten, als er sich vor Scham nicht mehr unter die Leute wagte. 104 Kilo: Das bedeutet neuen Lebensmut im sprichwörtlichen Sinn. Es bedeutet Mut, auf die Strasse zu gehen, sich unter Menschen zu mischen. Es bedeutet, dass er Anfang Dezember ein Praktikum im Pflegebereich angefangen hat und im nächsten Sommer eine Lehre als Informatiker beginnen wird. Er sagt: «Ich schaue meinem Leben optimistisch entgegen, nicht so wie früher.»
Gabriel Wyss zuckt häufig mit den Schultern, wenn er von früher erzählt, die Stimme ist klar, manchmal huscht ein schüchternes Lächeln über seine Lippen. «Ich war zu nichts zu gebrauchen in jener Zeit», sagt er. «Mit meinem Gewicht war ich nicht belastbar, weder geistig noch körperlich.» Der Teenager erkannte damals, dass etwas aus den Fugen geraten war. «Ich war gefangen in meinen Essattacken und hatte keine Ahnung, wie ich da je wieder rauskommen sollte», sagt er. «Also gab ich mich auf und ass weiter. Ich sah keine Lebensperspektive mehr.»
Gabriel Wyss ist kein Einzelfall. Die Gesellschaften der westlichen Welt ernähren sich immer kalorienreicher und bewegen sich immer weniger, die Menschen werden schwerer und schwerer, schon in jungen Jahren. In der Schweiz bringt jedes fünfte Kind zwischen fünf und zwölf Jahren zu viel Gewicht auf die Waage, jedes zehnte gar so viel, dass es Schwierigkeiten hat, sich zu bewegen, und als fettleibig gilt. Der Krankenkassenverband Santésuisse schätzt, dass jedes Jahr rund 4300 übergewichtige und gut 1000 fettleibige Kinder zwischen 6 und 19 Jahren hinzukommen.
Gegessen hat Gabriel Wyss immer gern und viel, schon der Kinderarzt hatte ihn ermahnt, sich zu mässigen. Das Problem waren nicht die regulären Mahlzeiten, sondern die masslosen Naschereien zwischendurch, die heimlichen Griffe zu Süssem, zu Fettigem. Dramatisch in die Höhe schnellte sein Gewicht im Sommer 2006, mit dem Übertritt des damals 15-Jährigen ins Gymnasium. «Der Schulbetrieb verunsicherte mich», sagt er. «Also ass ich. Ich ass, um mit all den neuen Dingen besser fertig zu werden.» Sein Gewicht stieg innert kurzer Zeit auf 200 Kilo. «Ich verschlang alles, was mir in die Finger kam.»
Mit jeder Essattacke sank sein Selbstwertgefühl ein bisschen mehr. «Morgens stand ich auf mit dem Vorsatz: Heute schaffe ich es ohne diese Fresserei.» Er zog sich zunehmend zurück. «Ich wollte nicht mehr unter Menschen sein. Ich schämte mich für mein Gewicht, für mein Aussehen.» Und weil die Scham so gross war und so klein der Mut, sich anderen Menschen auszusetzen, verbarrikadierte er sich in seinem Zimmer, setzte sich vor den Fernseher oder an den Computer und verlor den Glauben, dass einmal etwas aus ihm werden würde.
Dass er schliesslich eine Perspektive fand, verdankt er dem Adipositas-Zentrum Guglera in Giffers, in den Hügeln oberhalb Freiburgs. In der Abgeschiedenheit dort hat Wyss mit einem Dutzend weiterer übergewichtiger Jugendlicher abgespeckt, seit das Zentrum Anfang 2008 seinen Betrieb aufgenommen hat. Ist fast ein Jahr lang jeden Tag morgens um sechs aufgestanden und angetreten zum einstündigen Morgenlauf, bei jedem Wetter. Hat dann vier Stunden Sport getrieben, in der Halle, im Fitnessstudio oder beim Badminton. «Das war nicht einfach», so Wyss. «Aber ich dachte: ‹Wenn ich abnehmen will, muss ich es selber tun. Das nimmt mir niemand ab.›»
Das Leben im Adipositas-Zentrum war klar strukturiert: Fernsehen gabs bloss einmal die Woche, Internet eine halbe Stunde am Tag – «damit sich die Esssucht nicht auf andere Bereiche verschob», sagt Wyss. Gegessen haben die Jugendlichen gemeinsam, um zu lernen, dass Essen ein soziales Ereignis sein kann statt bloss gedankenloses Herunterschlingen. Daneben hat Wyss in der Wartung des Gebäudes mitgearbeitet, war für den Unterhalt von Spazierwegen verantwortlich. Und: Er erhielt Bewerbungstrainings und Hilfe bei der Lehrstellensuche.
Gabriel Wyss ist ein anderer Mensch nach all diesen Monaten, doch er weiss: Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. «Ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfalle.» Er glaubt, dass er das schafft: «Ich habe ein neues Lebensgefühl. Das möchte ich nicht wieder verlieren.»
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© Beobachter Ausgabe 25 vom 11. Dez 2008 - Alle Rechte vorbehalten
Übergewicht
Die fetten Jahre sind vorbei
Jedes zehnte Kind in der Schweiz gilt als fettleibig. Gabriel Wyss gehörte zu ihnen. Nun hat er in einem Jahr 70 Kilo verloren – und neue Perspektiven gefunden.
Gabriel Wyss war noch nicht ganz 17 Jahre alt, als er zur Überzeugung gelangte, dass aus ihm nie etwas wird. Niemals könne etwas werden aus einem Menschen, der sich so schlecht unter Kontrolle hat, dachte er. Aus einem Menschen, der attackenartig Unmengen von Essen verschlingt, ohne Hunger zu verspüren, der isst und isst und erst aufhört, wenn der Bauch zu schmerzen beginnt oder der Kühlschrank leer ist. Das war vor etwas mehr als einem Jahr. Wenn sich Gabriel Wyss auf die Waage stellte, blieb der Zeiger erst bei 174 Kilogramm stehen.
Steht er heute auf die Waage, zeigt sie 104 Kilo an. Das ist noch immer viel für seine 176 Zentimeter Körperlänge, aber es sind 70 Kilo weniger als zu den Zeiten, als er sich vor Scham nicht mehr unter die Leute wagte. 104 Kilo: Das bedeutet neuen Lebensmut im sprichwörtlichen Sinn. Es bedeutet Mut, auf die Strasse zu gehen, sich unter Menschen zu mischen. Es bedeutet, dass er Anfang Dezember ein Praktikum im Pflegebereich angefangen hat und im nächsten Sommer eine Lehre als Informatiker beginnen wird. Er sagt: «Ich schaue meinem Leben optimistisch entgegen, nicht so wie früher.»
Heimlich Süsses und Fettiges
Gabriel Wyss zuckt häufig mit den Schultern, wenn er von früher erzählt, die Stimme ist klar, manchmal huscht ein schüchternes Lächeln über seine Lippen. «Ich war zu nichts zu gebrauchen in jener Zeit», sagt er. «Mit meinem Gewicht war ich nicht belastbar, weder geistig noch körperlich.» Der Teenager erkannte damals, dass etwas aus den Fugen geraten war. «Ich war gefangen in meinen Essattacken und hatte keine Ahnung, wie ich da je wieder rauskommen sollte», sagt er. «Also gab ich mich auf und ass weiter. Ich sah keine Lebensperspektive mehr.»
Gabriel Wyss ist kein Einzelfall. Die Gesellschaften der westlichen Welt ernähren sich immer kalorienreicher und bewegen sich immer weniger, die Menschen werden schwerer und schwerer, schon in jungen Jahren. In der Schweiz bringt jedes fünfte Kind zwischen fünf und zwölf Jahren zu viel Gewicht auf die Waage, jedes zehnte gar so viel, dass es Schwierigkeiten hat, sich zu bewegen, und als fettleibig gilt. Der Krankenkassenverband Santésuisse schätzt, dass jedes Jahr rund 4300 übergewichtige und gut 1000 fettleibige Kinder zwischen 6 und 19 Jahren hinzukommen.
Gegessen hat Gabriel Wyss immer gern und viel, schon der Kinderarzt hatte ihn ermahnt, sich zu mässigen. Das Problem waren nicht die regulären Mahlzeiten, sondern die masslosen Naschereien zwischendurch, die heimlichen Griffe zu Süssem, zu Fettigem. Dramatisch in die Höhe schnellte sein Gewicht im Sommer 2006, mit dem Übertritt des damals 15-Jährigen ins Gymnasium. «Der Schulbetrieb verunsicherte mich», sagt er. «Also ass ich. Ich ass, um mit all den neuen Dingen besser fertig zu werden.» Sein Gewicht stieg innert kurzer Zeit auf 200 Kilo. «Ich verschlang alles, was mir in die Finger kam.»
«Das nimmt mir niemand ab»
Mit jeder Essattacke sank sein Selbstwertgefühl ein bisschen mehr. «Morgens stand ich auf mit dem Vorsatz: Heute schaffe ich es ohne diese Fresserei.» Er zog sich zunehmend zurück. «Ich wollte nicht mehr unter Menschen sein. Ich schämte mich für mein Gewicht, für mein Aussehen.» Und weil die Scham so gross war und so klein der Mut, sich anderen Menschen auszusetzen, verbarrikadierte er sich in seinem Zimmer, setzte sich vor den Fernseher oder an den Computer und verlor den Glauben, dass einmal etwas aus ihm werden würde.
Dass er schliesslich eine Perspektive fand, verdankt er dem Adipositas-Zentrum Guglera in Giffers, in den Hügeln oberhalb Freiburgs. In der Abgeschiedenheit dort hat Wyss mit einem Dutzend weiterer übergewichtiger Jugendlicher abgespeckt, seit das Zentrum Anfang 2008 seinen Betrieb aufgenommen hat. Ist fast ein Jahr lang jeden Tag morgens um sechs aufgestanden und angetreten zum einstündigen Morgenlauf, bei jedem Wetter. Hat dann vier Stunden Sport getrieben, in der Halle, im Fitnessstudio oder beim Badminton. «Das war nicht einfach», so Wyss. «Aber ich dachte: ‹Wenn ich abnehmen will, muss ich es selber tun. Das nimmt mir niemand ab.›»
Das Leben im Adipositas-Zentrum war klar strukturiert: Fernsehen gabs bloss einmal die Woche, Internet eine halbe Stunde am Tag – «damit sich die Esssucht nicht auf andere Bereiche verschob», sagt Wyss. Gegessen haben die Jugendlichen gemeinsam, um zu lernen, dass Essen ein soziales Ereignis sein kann statt bloss gedankenloses Herunterschlingen. Daneben hat Wyss in der Wartung des Gebäudes mitgearbeitet, war für den Unterhalt von Spazierwegen verantwortlich. Und: Er erhielt Bewerbungstrainings und Hilfe bei der Lehrstellensuche.
Gabriel Wyss ist ein anderer Mensch nach all diesen Monaten, doch er weiss: Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. «Ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfalle.» Er glaubt, dass er das schafft: «Ich habe ein neues Lebensgefühl. Das möchte ich nicht wieder verlieren.»
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