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Pflege

Die sanfte Macht der Poesie

Text:
  • Daniel Benz
Bild:
  • Marco Zanoni
Ausgabe:
4/08

Der Berner Pflegefachmann Marcel Briand schafft als Begegnungsclown Momente der Heiterkeit im Heimalltag von betagten Menschen. Eine Visite in berührenden Bildern.

Humor sei zu wichtig, um ihn dem Zufall zu überlassen, findet Marcel Briand. Deshalb hat es sich der 41-Jährige zur Aufgabe gemacht, dem Lachen auf die Sprünge zu helfen - zumal an Orten, an denen es ansonsten zu kurz kommt: Als Begegnungsclown besucht Briand Alters- und Pflegeeinrichtungen, um Momente der Heiterkeit in den Alltag demenzkranker Menschen zu bringen. Dazu verwendet er Mittel, die die Heimbewohner mitreissen sollen: Spiel, Tanz, Staunen, Musik. «Durch das Hervorholen alter Erinnerungen berühre ich sie auf der emotionalen Ebene», so der ausgebildete Pflegefachmann. Wenn er nicht selber in die Rolle des Clowns schlüpft, leitet Briand Kurse, bei denen Pflegepersonal lernt, wie es Humor in der täglichen Arbeit einsetzen kann - der Wechsel von der Jammer- zur Lachkultur in Schweizer Betagtenheimen soll nachhaltig sein.

Für den Beobachter hat der Berner Fotograf Marco Zanoni den Begegnungsclown auf seinen Humorvisiten begleitet und dabei berührende Bilder eingefangen. Die Texte dazu stammen von Marcel Briand.

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Hallo, hier kommt Besuch

«Es gehört zur Rolle des Clowns, sich an Orten aufzuhalten, wo er nicht hingehört. Über glatte Böden zu schreiten, die spiegelblank poliert sind wie ein gefrorener See. An solchen Orten wohnen Menschen. Mit einer leisen Melodie fülle ich für einen kurzen Augenblick die leeren Gänge. Die Treppenhäuser, die ‹Aorta› der Institution, tragen meine Töne ins ganze Haus.»



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Was klingt denn da?

«Es ist die Neugier, die in uns Lust auf Neues weckt. Die Neugier, die uns wach hält, die uns treibt und uns nicht aufgeben lässt. Erst wenn wir uns nicht mehr begeistern können für kleine Belanglosigkeiten, werden wir merken, dass wir bereits gestorben sind.»



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Tanzen ist alles. Alles ist Tanz

«Wir gehen im Gleichschritt, die Musik gibt uns die Richtung vor. Tanzen ist mehr, als sich im Kreis zu drehen. Tanzen ist verstehen, vertrauen, sich erinnern. Die Begegnung mit dementen Menschen läuft immer auf einen Tanz hinaus. Was wir auch tun - reden, waschen, essen, Zähne putzen -, alles wird zum Tanz. Wir gehen im Gleichschritt, die Musik gibt uns den Raum.»



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Entdeckung im Spiegel

«Ich bin der Clown, ich spiele, lache, mache Faxen, trage ein buntes Kleid. Aber nichts vermag mich so zu rühren wie das Gesicht eines Menschen, der staunend sich selbst entdeckt. Das Gesicht eines Menschen, der für kurze Zeit einem Wunder verfällt. Dem Wunder dieser kleinen roten Nase im Gesicht. Dem leuchtenden Symbol, das uns vielleicht zu einem Gedanken führt: Sollte unser ganzes Leben eine Clownerie gewesen sein?»



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Vertauschte Rollen

«Vielleicht sind die Bedürfnisse von dementen Menschen gar nicht so anders als jene von nicht so dementen Menschen. Vielleicht könnten wir einfach bei uns selber anfangen. Ich möchte gehört werden, wenn ich rufe. Ich möchte glücklich, traurig und wütend sein können. Ich möchte sicher und geborgen sein. Ich möchte ohne kalte Füsse einschlafen können und ab und zu in den Arm genommen und gestreichelt werden.»



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Das Einfache ist das Wahre

«Die Pflegewelt ist im Wandel. Neue Techniken und Arbeitsmethoden, Qualitätsstandards und immer komplexere und effizientere Pflegekonzepte - wir laufen Gefahr, die einfachsten Dinge aus den Augen zu verlieren. Wie Seifenblasen und Luftballons.»

 

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© Beobachter Ausgabe 4 vom 20. Feb 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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