Traumatisierung Der Schmerz muss raus

«Wut und Trauer sitzen in den Eingeweiden»: Angehörige eines Getöteten im Gaza-Streifen.
«Wut und Trauer sitzen in den Eingeweiden»: Angehörige eines Getöteten im Gaza-Streifen.

Ursula Hauser verbessert die Welt: Sie hilft Opfern von Krieg, Katastrophen und Diktaturen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Indem sie sie Theater spielen lässt.

Ursula Hauser springt auf, reisst sich das Foulard vom Hals und schlägt damit auf den Stuhl ein, auf dem sie eben noch sass. Einmal, zweimal, dreimal. «Du vergewaltigst mich nie mehr!», schreit die 68-Jährige, die Augen zu Schlitzen verengt.

Dann legt sie sich das Foulard wieder um und sagt: «Äxgüsi, das musste ich jetzt schnell vorführen: So funk­tioniert Psychodrama.» Sie fährt sich durchs Haar, lässt den Blick über Zürich schweifen und erzählt gestikulierend von all den malträtierten Stühlen, die sie in den letzten Jahren gesehen hat. In Flüchtlingslagern in Gaza, bei Ex-Guerilleras in El Salvador, bei Hurrikan-Opfern in Kuba.

«Die Wut und der Schmerz sitzen in den Eingeweiden. Wenn sie da bleiben, machen sie Symptome.»

Ursula Hauser

Ursula Hauser ist eine Pionierin der politisch engagierten Psychoanalyse. Seit über 30 Jahren reist sie um die Welt, um traumatisierten Frauen in Krisengebieten beizustehen.

«Bueno», sagt sie und erinnert sich an eine ihrer ersten Psychodrama-Sitzungen. Da sei diese Schweizer Bauerntochter gewesen, übergewichtig, depressiv, träge. Ursula Hauser bat sie, eine Szene vom Bauernhof zu spielen, auf dem sie aufgewachsen ist. Die junge Frau entschloss sich, Lisi zu spielen, die Leitkuh. Unerwartet flink bewegte sich ihr massiger Körper plötzlich im Raum. Lisi flüsterte: «Gleich kommt der Vati zum Melken.»

Gesagt, getan: Die Frau verwandelte sich in der Psychodrama-Gruppe in ihren Vater, näherte sich der Kuh und begann sie zu melken. «Es war sofort klar, dass es um eine sexuelle Handlung ging», sagt Hauser. Die Protagonistin aber schien ungerührt. Erst als sie sich wieder in die Kuh verwandelte, brach sie in heftiges Schluchzen aus.

Später erzählte sie, ihr Vater habe sie sexuell missbraucht, seit sie 15 Jahre alt sei. Danach veränderte sich die junge Frau eindrücklich schnell. Sie nahm ab, begann sich in der Psychodrama-Gruppe zu engagieren und den Inzest zu thematisieren. «Fantastisch!», sagt Hauser, noch heute sichtlich gerührt vom damaligen Erfolg.

«Ich wurde in Amerika politisiert»

Ursula Hauser wuchs als Tochter des Gemeindeschreibers in Kilchberg am Zürichsee auf. «Modellfamilie, kleinbürgerlich, eng.» Die Mitgliedschaft bei der freisinnigen Partei und der militärische Grad entschieden über die Karriere der Männer, die Frauen ordneten sich ein. 1966 bekam diese heile Welt Risse. Hauser, begeisterte Pfadileiterin und angehende Lehrerin, reiste in ein Rotkreuzlager in die USA – und fiel aus allen Wolken, als sie in New Orleans dem ersten schwulen Paar begegnete. «Ich wusste nicht einmal, dass es das gibt!»

Später geriet sie in den Strudel der Anti-Vietnam-Bewegung, blieb länger und schloss sich der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung an. «Ich wurde in Amerika politisiert», sagt Hauser. Ausgerechnet sie, die bis heute gegen die Folgen des Imperialismus des Weltpolizisten ankämpft.

Ursula Hauser, Psychoanalytikerin.
Ursula Hauser, Psychoanalytikerin.

Die Rückkehr ins bürgerliche Kilch­berg misslang gründlich. Ebenso wie der geplante Umzug nach Südafrika, wo sich Hausers Jugendliebe niedergelassen hatte. «Ihr» Felix war für Siemens ans Kap gezogen. Ursula Hauser kam die vermeintliche Flucht aus der Kilchberger Enge gelegen. «Ich hatte das Hochzeitskleid schon im Gepäck», sagt sie, lacht und schüttelt den Kopf. Bereits beim ersten Besuch im Deutschen Club, der selbstverständlich Weis­sen vorbehalten war, habe sie gewusst: «Das hier, das bin nicht ich.»

Aber wer war sie dann? Zurück in Zürich, machte sich eine tiefe Sinn­krise breit. Die Psychoanalyse, die ­Ursula Hauser daraufhin begann, ­habe sie gerettet, ist sie überzeugt. ­Darum sei sie wohl selber eine so passionierte Analytikerin geworden.

Fast täglich legte sich die angehende Lehrerin bei Goldy Parin-Matthèy auf die Couch. Parin führte mit ihrem Mann, dem Analytiker und Schriftsteller Paul Parin, eine Praxis in Zürich. Die «Redekur», wie Freud die Psychoanalyse nannte, kostete die Studentin ein Vermögen. Aber die Sitzungen ermöglichten ihr, die eigene Berufung zu finden. Die Metamorphose war augenfällig: Als «einschüchternd selbstbewusst» beschreiben sie Weggefährten der 68er-Bewegung. Die verunsicherte blonde junge Frau, die sie vorher war, galt plötzlich als «rebellisch, furchtlos, leidenschaftlich».

Maoistin und Frau eines Revolutionärs

Hauser begann noch während des Lehrerseminars im Auzelg, dem «Negerdörfli von Schwamendingen», mit sozial benachteiligten Frauen und 
Jugendlichen Theaterprojekte zu realisieren. Sie übernahm im Zürcher Kreis 3 eine Schulklasse und unterrichtete diese gegen den Widerstand der Behörden antiautoritär. Dem Lehrer­seminar liess sie ein Psychologiestu­dium an der Uni Zürich folgen, schloss sich den Maoisten an und wurde aktive Frauenrechtlerin. Zwanzig Jahre später dissertierte sie in Klagenfurt.

1980 reiste Ursula Hauser zum ersten Mal nach Zentralamerika: nach Nicaragua, wo sie ein Projekt für das sandinistische Gesundheitsministerium leitete. «Ich verdiente nichts, lebte von Reis und Bohnen, aber ich musste mich keinen Moment fragen, ob das sinnvoll war, was ich tat.» Und da, in der Fremde, war wieder ein Mann. Ein anderes Kaliber als einst ihr Felix: Antonio Grieco, Ingenieur, Revolutionär, führender Tupamaro – Weggefährte Che Guevaras. 15 Jahre älter als die Frau vom Zürichsee. Gutaussehend, geheimnisvoll, unbeugsam.

Tanz und Spiel gegen Not und Elend: Ursula Hausers Projekt in Gaza, 2013

Ursula Hauser war hin und weg – und blieb. Die beiden heirateten, zogen nach Costa Rica. Neben einer Trattoria, die sich schnell zum politischen Zentrum entwickelte, eröffnete Hauser eine Praxis, später ein psychologisches Ausbildungsinstitut, zehn Jahre darauf das erste Psychodrama-lnstitut Costa Ricas. Zur Ruhe kam die Schweizerin nicht: Wenn immer möglich, reiste sie in Kriegs- und Krisen­gebiete, leitete Psychodramagruppen in Flüchtlingslagern, bildete Ärzte, Krankenschwestern und Sozialarbeiter aus – im Gazastreifen, in El Salvador, Uruguay, Kuba.

Vor 17 Jahren starb ihr Mann Antonio an den Spätfolgen der Folterungen in Kerkern zu Zeiten der Diktatur in Uruguay. Ursula Hauser blieb in Costa Rica. Fünfmal überfiel man sie dort, das letzte Mal nahmen die Räuber ­ihren Hund mit.

In ihrer Heimat blieb Hausers Engagement bis vor kurzem kaum beachtet. Die Auslandschweizerin reist regelmässig in die Heimat, um ihre 98-jährige Mutter zu besuchen oder in ihrem Häuschen am Thu­ner­see Luft zu holen. Kürzlich wurde sie in Zürich erstmals geehrt. Der Schweizerische Berufsverband für Angewandte Psychologie verlieh ihr einen Preis für «herausragende Leistungen in der Psychologie». «Fantastisch!», findet sie.

Berge, Bratwurst, Bürli und Bier

Ihr Schweizer Freundeskreis, Anto­nios Enkel und sogar Felix, den Ursula Hauser vierzig Jahre zuvor in Südafrika verschmäht hatte, waren am Festakt. Für den Vortrag, den sie halten durfte, erhielt sie exakt 32 Minuten Zeit. Da war sie wieder, die kleinliche Schweiz, die sie längst verlassen hatte.

Mehr als drei, vier Wochen hält es Hauser bis heute nicht aus. Sie liebe die Schweiz, sagt sie, fast entschuldigend. Die Berge, Bratwürste, ein Bürli und eine Stange Bier. «Aber wenn ich zu lange hier bin, stumpfe ich ab. Als ob sich mein Hirn in Watte packen würde.» Das habe mit der satten Stimmung zu tun und mit ihren Freundinnen und Freunden. «Das sind alles kritisch denkende Menschen, Alt-68er. Aber wenn ich aus Gaza komme, völlig durcheinander und betroffen vom Elend und der Not, beschwichtigen sie mich. Warnen mich vor allzu klaren Äusserungen.» Politik finde hierzulande nur noch in der Stube statt, wo sie niemanden störe. Als «repressive Toleranz» bezeichnet sie die hiesige Stimmung. «Wenn ich zu lange bleibe, schläft auch mein eigener rebellischer Geist ein», befürchtet Hauser.

Den braucht sie auch als bald Siebzigjährige noch. Erst Anfang Jahr gründete sie eine Stiftung. «Damit meine Arbeit nicht versandet, wenn ich einmal nicht mehr da bin.» Gleichzeitig hat Ursula Hauser in Uruguay ein Programm gestartet. Ein psychodramatisches Forschungsprojekt zur Diktatur, das die Enkel der Opfer ebenso einbezieht wie die Täter. Ursula Hauser schaudert, als sie erzählt, unterbricht sich kurz, verschränkt die Arme. Dann fährt sie fort: «Vier Stühle auf der Bühne. Stellvertretend für die Grosseltern der jungen Frauen und Männer.» Eine der Frauen habe gesagt: «In meiner Familie wusste niemand von den Gräueltaten.» Zwei Stunden später war ihre Welt eine andere.

Autor:
  • Tanja Polli
Bild:
  • Ali Ali/Keystone
  • , Ursula Markus
  •  und private Aufnahme
12. Dezember 2014, Beobachter 25/2014