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    Redaktion Beobachter
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Totgeburten

Eltern müssen sich verabschieden können

Text:
  • Simone Burgherr
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
15/99

Wer ein totes Kind gebärt, kommt oft jahrelang nicht über den Verlust hinweg. Wurden die Frauen früher mit Medikamenten ruhiggestellt, setzen die Spitäler heute auf aktive Trauerarbeit unmittelbar nach der Entbindung.

Totgeburten: Eltern müssen sich verabschieden können

Esther Braun liess sich Zeit, als sie die ersten Wehen verspürte. Bei der Untersuchung am Morgen war ja noch alles in Ordnung gewesen. Im Spital realisierte sie zwar die allgemeine Nervosität, weil die Herztöne des Kindes nicht mehr zu hören waren. «Ich kam aber gar nicht dazu, mir gross Gedanken zu machen.»

 

Als sie nach der Geburt bemerkte, dass sich ihr Töchterchen weder bewegte noch weinte, entfuhr es ihr unbewusst: «Es ist ja tot!» Sie erwartete Beschwichtigung. Doch niemand sagte ein Wort. «Da wusste ich, dass Karin wirklich tot ist. Ich konnte es kaum fassen.»

 

Karin muss infolge einer Nabelschnurumwicklung gestorben sein. Als ihr die Hebamme das tote Kind auf den Bauch legte, brachte es Esther Braun kaum über sich, es anzufassen. «Ich dachte: "Was bringt das Ganze noch, mein Kind ist ja tot." Gleichzeitig meinte ich, sie müsse jeden Moment zu leben beginnen.»

 

Fehlender Rückhalt bei Freunden
Heute ist Esther Braun froh, dass sie ihr Kind wenigstens noch eine Weile bei sich haben durfte. Eine Foto von Karin ist die einzige Erinnerung. «Ich kam mir betrogen vor. Ich hatte mich so gefreut auf das Kind, plötzlich stand ich vor dem Nichts.» Lange konnte sie den Verlust nicht akzeptieren. Manchmal hatte sie eine höllische Wut auf alle und alles und brach gleich darauf in Tränen aus. «Immer wieder fragte ich mich, wieso das passiert ist.»

 

Ihr Mann und der kleine Daniel halfen Esther Braun über die erste Zeit hinweg. Doch in ihrem Umfeld stiess sie mit ihrer Trauer bald auf Unverständnis. Oft kriegte sie Aussagen zu hören wie «Deine Tochter hat ja noch gar nicht richtig gelebt» oder «Du kannst ja wieder ein Kind haben». Das tat weh. «Ich glaubte mich ständig für meine Trauer rechtfertigen zu müssen.»

 

Heute hat Esther Braun den Verlust weitgehend überwunden. Ein Jahr nach Karins Tod kam Stefanie zur Welt, jetzt ist Esther Braun erneut schwanger. Vergessen aber kann und will sie Karin nie. «Kein anderes Kind kann sie ersetzen. Sie hat immer einen Platz in unserer Familie.»

 

Wer ein Kind durch Totgeburt oder während der Niederkunft verliert, fällt in ein tiefes Loch. Ein Teil der Zukunft, der mit dem werdenden Leben verbunden war, wird auf einen Schlag zerstört.

 

Drei von tausend Schwangerschaften, die länger als 26 Wochen dauern, enden auf diese Weise. Noch vor wenigen Jahren war es in Spitälern üblich, das Trauma einer Totgeburt zum «Nichtgeschehnis» zu machen. «Die Frauen gebaren narkotisiert und sollten am besten gar nichts merken – oder dann gleich alles vergessen und zur Normalität übergehen», sagt Gerlinde Michel vom Schweizerischen Hebammenverband. Die Kinder wurden spurlos weggeschafft, damit den Eltern der traurige Anblick erspart bliebe. Gerlinde Michel: «Dass diese Frauen oft jahrelang leiden und kaum über den Verlust hinwegkommen, war früher ebenfalls kein Thema.»

 

Mittlerweile hat sich in vielen Spitälern die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein intensives Durchleben der traumatischen Situation der erste Schritt zur Trauerbewältigung ist. «Mütter sollten den Moment, in dem ihr Kind auf die Welt kommt, miterleben – auch wenn es nicht lebensfähig ist», sagt Katrin Lüdin, leitende Hebamme am Frauenspital Basel. Noch während der Geburt bespricht die Hebamme mit den Eltern, ob sie ihr totes Kind gleich oder erst später sehen möchten.

 

Manche Mütter wollen ihr totes Kind sofort in den Arm nehmen, andere brauchen Zeit, um den Schock zu verdauen. «Wir respektieren den Wunsch der Eltern, ihre Ängste und Unsicherheiten», sagt Katrin Lüdin. «Gleichzeitig helfen wir ihnen, von ihrem Kind Abschied zu nehmen. So können sie den Verlust viel besser verarbeiten und das Unabänderliche in ihr Leben integrieren.»

 

Rituale helfen, das schwer Begreifliche zu fassen. Einen Fussabdruck des toten Kindes anfertigen, ein Plüschtier mit dem Namensband des Kindes schenken – die Spitäler versuchen auf verschiedene Weise, den Eltern zu helfen. Möglich ist auch, das tote Kind durch den Spitalpfarrer taufen zu lassen. Ein weiterer Schritt könnte die Beerdigung auf einem Friedhof sein.

 

Eine Beerdigung ist jedoch nicht überall möglich. Denn laut Zivilgesetzbuch werden totgeborene Kinder mit einer Körperlänge von dreissig Zentimetern und darunter weder ins Geburtenregister noch ins Familienbüchlein eingetragen – und sie dürfen auch nicht bestattet werden.

 

Diese bürokratische Regelung zielt weit an den Bedürfnissen der meisten Eltern vorbei. Seit einigen Jahren erlauben deshalb einige wenige Städte wie etwa Basel, Zürich oder Luzern in jedem Fall eine Bestattung.

 

Eltern brauchen einen Trauerort
Seit diesem Frühling ist es auch in Bern soweit. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte Liselotte Katulu, Pflegedienstleiterin an der Frauenklinik des Inselspitals, darum gekämpft: «Die Eltern möchten wissen, wo ihr totes Kind ist. Es ist wichtig, einen Ort zu schaffen, wo sie mit ihrer Trauer hingehen können. Das Grab ist für sie ein Platz der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit.»

 

Karins Grab ist für Esther Braun Symbol dafür, «dass mein Kind wirklich da war. Sie soll an einem realen Ort einen Platz haben, der an ihr Dasein erinnert. In meinem Herzen hat Karin sowieso ein Plätzchen.»

 

Am Grab kann Esther Braun von ihrem Töchterchen besser Abschied nehmen. Bei jedem Besuch ein bisschen.

Selbsthilfegruppen


  • Regenbogen Schweiz – Vereinigung von Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern
  • Engelskinder - Austausch von betroffenen Eltern und Adressen zu Selbsthilfegruppen

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© Beobachter Ausgabe 15 vom 23. Jul 1999 - Alle Rechte vorbehalten

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