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Alkohol

Der Weg weg von der Flasche

Text:
  • Dani Winter
Ausgabe:
22/00

In der Schweiz leben rund 300'000 Alkoholabhängige. Der Ausstieg aus der Sucht ist kein Kinderspiel, aber er ist auch kein Ding der Unmöglichkeit. Testen Sie, ob Sie gefährdet sind.

Rund 300'000 Schweizerinnen und Schweizer sind alkoholabhängig oder konsumieren in selbstschädigender Weise Alkohol. Doppelt so viele gelten als gefährdet. Zehn Prozent der Konsumierenden trinken die Hälfte des insgesamt verbrauchten Alkohols.

 

So weit ein paar Zahlen. Die Folgen sind bekannt: Alkoholismus verursacht massive Organschäden und spielt eine wichtige Rolle beim Entstehen verschiedener Krebsarten. In den medizinischen Abteilungen der Akutspitäler ist bei den 30- bis 50-jährigen Männern Alkoholismus die häufigste Diagnose. Insgesamt befinden sich in der Schweiz rund 40'000 Personen wegen Alkoholismus in Behandlung.

 

Alkoholismus ist aber nicht nur ein medizinisches Problem. Das Bundesamt für Gesundheit schätzt die sozialen Folgekosten auf drei Milliarden Franken. Jeder zehnte Verkehrsunfall mit Verletzten und jeder fünfte mit Todesfolgen ist alkoholbedingt. Die Hälfte aller Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz und ein Viertel aller Gerichtsurteile gehen auf Fahren in angetrunkenem Zustand zurück.

 

Trotzdem ist Alkoholkonsum normal. Neun von zehn Erwachsenen trinken. Die meisten haben kein Problem damit. Der Genuss von alkoholischen Getränken ist ein toleriertes und verbreitetes Mittel, die Stimmung Einzelner oder einer ganzen Partyrunde zu heben.

 

Billiger gewordene Spirituosen und die Deregulierung im Gastgewerbe, die manchenorts zur Abschaffung der Polizeistunde führte, tragen zum Konsum bei. Mit Einstiegsdrinks wie den süssen «Alco-Pops» werden Jugendliche an die Flasche gelockt. Die Konsumentinnen und Konsumenten werden denn auch immer jünger: 12'000 Schulkinder im Alter von 11 bis 16 Jahren trinken jeden Tag Alkoholisches. Jugendliche werden schneller abhängig als Erwachsene.

 

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Kollegen schauen weg

Die Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptiertem und problematischem Konsum ist fliessend. Und die Verdrängungskünste der Betroffenen sind beachtlich, wenn es darum geht, sich die Sucht einzugestehen. Oft bechert das soziale Umfeld mit oder schaut – zum Beispiel am Arbeitsplatz – zu lange weg, wenn ein Kollege während der Arbeit trinkt.

 

«Alkoholkonsum während der Arbeit ist weit verbreitet», sagt Richard Müller von der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme. Zwar seien in der jüngeren Vergangenheit vorab in Grossbetrieben Präventionsprogramme initiiert worden. Viel Arbeit gebe es aber noch im Bereich der kleineren und mittleren Unternehmen. «Die Betroffenen sitzen teils in den obersten Etagen.»

 

Immer noch werden Aussendienstler oft regelrecht zum Trinken genötigt, Journalisten mit branchenüblichem Hang zum Alkoholkonsum an vormittäglichen Pressekonferenzen mit Weisswein betankt.

 

«Am Anfang des Ausstiegs muss immer die Einsicht stehen, dass man abhängig ist und ohne Hilfe nicht aus der Sucht herauskommt», erklärt Richard Müller. Aber wo verläuft die Grenze zwischen Trinken und Trinken? Bei jungen Männern wird Alkoholkonsum gesellschaftlich viel länger toleriert als bei Frauen. Männer brauchen länger, um sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen. Weibliche Betroffene trinken öfter heimlich, weil betrunkene Frauen von der Gesellschaft nicht goutiert werden.

 

Wo ist die Grenze?

Ob man ein Alkoholproblem hat, zeigt sich zum einen an der Menge, die man zu sich nimmt. Als Anhaltspunkt mögen die zwei Gläser Alkoholika pro Tag dienen, die einem gesunden Erwachsenen als Limite empfohlen werden. Typische Anzeichen einer Abhängigkeit sind ferner: Gewissensbisse wegen des Trinkens, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Angst.

 

Handfest werden die Suchtsymptome, wenn man bei Nüchternheit zittert oder schon am Morgen trinkt. Gedanken muss sich aber auch machen, wer jeden Tag trinkt, sich oft betrinkt, öfter angetrunken Auto fährt und unter Alkoholeinfluss Dinge tut, die er sonst unterlassen würde.

 

Vom Alkohol loskommen

Wer seine Alkoholabhängigkeit erkennt und «trocken» werden will, hat gute Erfolgschancen. Zwei Drittel der Betroffenen schaffen langfristig den Ausstieg, nicht zuletzt wegen des vielfältigen, auf individuelle und geschlechtsspezifische Bedürfnisse zugeschnittenen Hilfsangebots in der Schweiz: Rund 200 Stellen befassen sich mit Beratung, Betreuung und Behandlung von Alkoholgefährdeten und -kranken.

 

Als erster Schritt auf dem Weg zur Abstinenz empfiehlt sich der Gang zum Arzt. In Zusammenarbeit mit spezialisierten Sozialdiensten klärt dieser auch die psychologische und soziale Situation des Betroffenen ab. In dieser «Kontaktphase» wird versucht, eine vorübergehende Abstinenz zu erreichen und allfällige Entzugserscheinungen zu behandeln.

 

Wer starke körperliche Entzugssymptome zeigt, verbringt die ein- bis dreiwöchige Entziehungsphase am besten stationär in einem Spital oder einer Klinik. Dort ist man permanent unter Aufsicht und wird in der schwierigen ersten Zeit kompetent unterstützt. Die folgende Entwöhnungsphase dauert mehrere Wochen bis Monate. Man trainiert, unterstützt von Fachleuten, das Leben ohne Alkohol.

 

Wer häufig rückfällig wird, kann sich stationär in einer Spezialklinik behandeln lassen. Der Aufenthalt variiert zwischen drei und zwölf Monaten. Die Kliniken bieten psychotherapeutische und pädagogische Methoden, Einzel- und Gruppenbetreuung, Ehe- und Familientherapie sowie Arbeits- und Beschäftigungstherapie. Falls nötig, können unterstützende Medikamente verabreicht werden.

 

Am längsten dauert die Rehabilitationsphase: mehrere Jahre. Um langfristig «trocken» zu bleiben, ist der Austausch von Erfahrungen in Abstinentenorganisationen und Selbsthilfegruppen wichtig.

 

Wer es ambulant nicht schafft, kann auf halbstationäre Einrichtungen zurückgreifen, die teils auch Arbeitsplätze (in heiminternen Werkstätten) vermitteln oder bei der Arbeitsbeschaffung behilflich sind.

 

Alkoholismus: Hier finden Sie Hilfe


© Beobachter Ausgabe 22 vom 28. Okt 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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