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Bluthochdruck

Lautlose Gefahr

Text:
  • Irène Dietschi
Mitarbeit:
  • Gian Signorell
  •  und Tatjana Stocker
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
11/09

Bluthochdruck tut zwar nicht weh, richtet aber Schaden an: Er belastet Herz und Blutgefässe übermässig. Jeder vierte Erwachsene ist betroffen. Die Losung heisst: Blutdruck runter! Keine andere vorbeugende Massnahme sei effizienter, sagen Experten.

Blutdruck messen: mittlerweile für Personen ab 18 Jahren empfohlen

Den Blutdruck messen? Nichts scheint harmloser. Die sich aufblasende Manschette ist für die meisten eine medizinische Grunderfahrung, die sie oft schon in der Jugend machen. Manche empfinden Blutdruckmessen ähnlich wie Fiebermessen: Solange man selber nichts Krankhaftes spürt, ist alles im grünen Bereich; in jungen und mittleren Jahren sowieso. Und selbst wenn die Werte ein bisschen erhöht sind, ist das «nicht so schlimm».

So läuft man beschwingt die Treppe hoch zur Praxis von Philipp Bläsi, Arzt für allgemeine Medizin in Olten. Abgemacht ist ein Interview, aber weil ich schon mal da bin und Bläsi ein gewissenhafter und engagierter Doktor ist, baut er gleich ein wenig Grundversorgung in unser Treffen ein. Zunächst zapft mir die Praxisassistentin zwei Blutproben ab, aus denen im Labor die Cholesterin-, Blutzucker- und Triglyceridwerte bestimmt werden – «weil die im Gesamtbild eine Rolle spielen», wie Bläsi erklärt. Dann legt er mir die Blutdruckmanschette um den linken Oberarm und drückt auf den Knopf des elektronischen Messgeräts. Während sich die Manschette füllt und mir zusehends den Arm zuschnürt, redet der Arzt munter weiter. Doch plötzlich runzelt er die Stirn: «150 auf 89», sagt er. «Sie sind Hypertonikerin.» Mir wird kurz schwindlig – ein erstes Symptom?

Selbsttest

Wie hoch ist Ihr Bluthochdruck-Risiko?
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Druckwelle in der Blutbahn

Warum überhaupt steht das Blut unter Druck? Im menschlichen Körper presst das Herz stossweise wie ein Blasebalg Blut in den Kreislauf. Jeder Herzschlag löst eine Druckwelle aus, die immer zwischen zwei Werten schwankt: Solange sich das Herz zusammenzieht, drückt es Blut in die Arterien – der Blutdruck steigt. Wenn sich das Herz maximal zusammengezogen hat, ist der höchste Wert erreicht. Man nennt diesen oberen Wert den systolischen Blutdruck. Danach beginnt die Erschlaffungsphase, in der sich die Herzkammern füllen und kein Blut in die Arterien gepumpt wird. Deshalb fällt der Blutdruck wieder auf den niedrigsten Wert ab. Dieser untere Wert heisst diastolischer Blutdruck. Gemessen wird er in Millimeter Quecksilbersäule (mmHg).

Ein optimaler Blutdruck liegt unter 120 auf 80 mmHg, Werte bis 140/90 mmHg gelten gemäss Weltgesundheitsorganisation (WHO) als normal. Was darüber liegt, ist behandlungsbedürftig. Meine eigenen Werte liegen über dieser Normgrenze. Das hat auch die zweite Messung – 143/83 – ergeben. Das bedeutet: Bluthochdruck, nur mässig zwar, aber trotzdem eindeutig über 140/90. «Rauchen Sie?», fragt Bläsi. Nein. Und auch Bewegung bekomme ich eigentlich genügend. Brandheiss jedoch gehen mir andere «Sünden» durch den Kopf: gutes Essen mit ordentlich Salz dran; das Glas Wein am Abend, wenn die Kinder endlich im Bett sind; die sieben Kilo Übergewicht, die ich seit Jahren nicht loskriege; und Stress, nicht zu wenig.

Blutdruckwerte

Der obere, systolische Wert herrscht in den Arterien, wenn das Herz Blut pumpt, der dias­tolische Wert (in Klammern) wenn es sich wieder füllt. Masseinheit ist Millimeter Quecksilbersäule (mmHg).

Niedrig: Ein niedriger Blutdruck (Hypotonie) ist ungefährlich, lästige Symptome können jedoch die Lebensqualität beeinträchtigen (Schwindel, Müdigkeit).
Optimal: Mit diesen Werten ist das Risiko für eine Herz- oder Gefässkrankheit gering.
Normal: Die Gefässe können bereits Schaden nehmen. Das Risiko für eine Herz- oder Gefässkrankheit nimmt zu.
Hoch normal: Mit dem Blutdruck steigen die Gefässschäden. Den Blutdruch regelmässig kontrollieren, Lebensstil verbessern.
Leichter Bluthochdruck (Grad I): Falls noch andere Faktoren vorliegen (Übergewicht, Rauchen, hohes Cholesterin), genügen nichtmedikamentöse Massnahmen nicht mehr.
Mittelschwerer Bluthochdruck (Grad II): Medikamente sind wahrscheinlich nötig, um den Blutdruck zu senken. Durch Abnehmen und Sport kann die Dosis verringert werden.
Schwerer Bluthochdruck (Grad III): ­Medikamente werden eingesetzt, um den Druck ausreichend zu senken. Eine Lebensstiländerung verbessert die Wirkung der Therapie.
Blutdruckkrise: Ein solcher Anstieg kann lebensgefährlich sein, wenn er mit Herzbeschwerden verbunden ist. Es droheln Infarkt und Schlaganfall. Sofort den Arzt kontaktieren!

Das Risiko erhöht sich rasant

Der Preis dieser ungesunden Lebensführung ist nicht nur ein erhöhter Druck in den Adern – von dem ich typischerweise nichts bemerkt habe –, sondern vor allem die Folgekrankheiten, die damit verbunden sein können: Herzinfarkt, Hirnschlag, Arteriosklerose (Gefässverengungen). Wird der Bluthochdruck – auch Hypertonie genannt – nicht behandelt, erhöht sich das Herzinfarkt- oder Hirnschlagrisiko um das Doppelte bis Zehnfache. Auch die Nieren und Augen können Schaden nehmen. Keine erfreulichen Aussichten.

Immerhin bin ich mit meinem Schicksal nicht allein. «Bluthochdruck ist für die Volksgesundheit eine Kardinalbelastung», sagt der Internist Jürg Nussberger, Professor am Universitätsspital in Lausanne (CHUV) und Präsident der Schweizerischen Hypertonie-Gesellschaft. 30 Prozent der Weltbevölkerung seien hyperton, «und von diesen ist lediglich ein Fünftel adäquat behandelt». In der Schweiz haben anlässlich der Gesundheitsbefragung im Jahr 2007 13,6 Prozent der Bevölkerung angegeben, täglich blutdrucksenkende Mittel einzunehmen. Und Experten schätzen, dass hierzulande ein Drittel der Betroffenen nichts von ihrem Bluthochdruck weiss.

Der «typische» Hypertoniker hat aber nicht nur zu hohe Blutdruckwerte, sondern häufig auch zu viel Cholesterin und Zucker im Blut. «Metabolisches Syndrom» heisst das Phänomen in der Fachsprache. Meine im Labor eruierten Werte sind gerade auf der Grenze. Das passt ins Bild, denn die Risikofaktoren sind oft die gleichen: Wer Übergewicht hat, lagert überschüssiges Blutfett (Cholesterin) an den Gefässwänden an. Das kann zu Arteriosklerose und deren gefürchteten Folgen führen. Auch der Blutzucker und damit das Diabetesrisiko sind oft an Übergewicht gekoppelt. Dieses wiederum entsteht durch Ernährungsgewohnheiten, die auch den Blutdruck nach oben treiben, nämlich durch salz- und fettreiches Essen, etwa Fast Food. Bei vielen ist Übergewicht eine Folge des täglichen Stresses. Und wer dick ist, bewegt sich weniger. Niemand schiebt gern überflüssige Kilos durch die Gegend, da raucht man zur Entspannung doch lieber eine Zigarette. Es ist ein einziger Teufelskreis.

Arnold Ramel, 63, Velofabrikant

Nimmt seit gut 30 Jahren ein blutdruck­senkendes Medikament. Der empfohlene ­einstündige tägliche Spaziergang liegt nicht drin: Er arbeitet 14 Stunden am Tag.

Die Hochdruck-Gene werden entdeckt

Neben der Ernährung und Lebensführung beeinflussen aber auch genetische Faktoren den Blutdruck eines Menschen, wahrscheinlich sogar stärker als bislang angenommen. Ein erstes Hochdruck-Gen wurde bereits Ende 2008 identifiziert. Jetzt haben Forscher der Johns Hopkins University in Baltimore elf weitere DNA-Sequenzen entdeckt, die den Blutdruck mitsteuern, 2010 könnte sich diese Zahl gar auf 50 erhöhen. Die bisher entdeckten Genveränderungen sind nach Angaben der US-Forscher in der Bevölkerung weit verbreitet.

Auch Hypertoniepatientin Ruth Wyss vermutet, dass ihre hohen Blutdruckwerte vererbt sind: «Schon mein Vater litt daran.» Seit einem halben Jahr nimmt die 66-Jährige Medikamente, Nebenwirkungen spürt sie keine.

Für sein Erbgut kann niemand etwas. Hingegen hat es jeder Einzelne in der Hand, regelmässig den Blutdruck zu messen. Darauf setzt die Schweizerische Herzstiftung, die Ende Mai eine nationale Blutdruckkampagne gestartet hat. Vom 2. bis 10. Juni kann man sich in zahlreichen Apotheken gratis den Blutdruck messen lassen. «Wir fordern die Leute dazu auf, künftig bereits ab dem 18. Lebensjahr einmal jährlich zur Blutdruckkontrolle zu gehen», sagt Projektleiterin Caroline Hobi. Bislang galt diese Empfehlung ab dem 30. Lebensjahr.

Ein weiteres Ziel der Kampagne ist, dass auch Ärzte dem Blutdruck noch mehr Bedeutung beimessen. Sie sollen sich mehr darum kümmern, dass Patienten ihre Zielwerte auch tatsächlich erreichen. Denn sicher ist: «Man kann praktisch jeden Blutdruck normal einstellen, und sei er noch so hoch», sagt der Spezialist Jürg Nussberger. Wichtig sei, dass man erhöhte Werte frühzeitig erkenne und dann konsequent behandle. «Im Alter zahlt sich das aus.»

Die Bedeutung der Bluthochdruck-Prävention kann laut Experten gar nicht überschätzt werden. «Die Senkung eines erhöhten Blutdrucks mit und ohne Medikamente ist wohl die erfolgreichste präventive Massnahme in der gesamten Medizin überhaupt. Sie verhindert schwerwiegende Folgen an Hirn, Herz und Nieren», sagt der Münchner Internist Martin Middeke, Verfasser mehrerer Ratgeber zum Bluthochdruck.

Ruth Wyss, 66, aktive Landwirtin

Letzten Herbst spürte sie Schmerzen am Arm und ging zum Arzt. Diagnose: Bluthochdruck, wie schon ihr Vater. «Wenn so etwas kommt, dann muss man es akzeptieren.»

Die Pharmaindustrie profitiert

Die Volkskrankheit Bluthochdruck bedeutet für die Pharmaindustrie das grosse Geschäft. Allein in der Schweiz werden laut Markus Ziegler, Projektleiter Medikamente bei Santésuisse, zulasten der Grundversicherung Blutdrucksenker im Wert von etwa 600 Millionen Franken abgerechnet. Fast jedes Medikamente produzierende Unternehmen, das Rang und Namen hat, will sich von diesem fetten Kuchen ein Stück abschneiden: AstraZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, Bristol-Myers Squibb, MSD (Merck Sharp & Dohme-Chibret), Novartis, Pfizer, Sanofi-Aventis, Solvay und viele andere. Rund 60 verschiedene Medikamente sind auf dem Markt.

Und die Pharmaunternehmen sponsern auch die Schweizerische Hypertonie-Gesellschaft. Ohne diese Unterstützung, sagt Präsident Jürg Nussberger, wären wissenschaftliche Projekte oder viele Weiterbildungsveranstaltungen kaum zu realisieren. Die Medikamentenhersteller unternehmen aber noch mehr, um die Ärzte – die die Mittel ja letztlich verschreiben – bei der Stange zu halten. Sie verteilen Werbegeschenke in den Praxen oder sponsern Blutdruckmessgeräte, laden die Ärzte zum Mittagessen ein und bezahlen deren «Weiterbildung» an einem schönen Ort. Als «gross und vielschichtig» erlebt Hausarzt Bläsi den Druck, mit dem die Pharmaindustrie ihre Präparate vermarktet.

Ursachen für Bluthochdruck Massnahmen
Übergewicht ist der häufigste Auslöser für eine Hypertonie; 60 Prozent aller Hypertoniker sind auch übergewichtig. Aufschluss über das individuelle Risiko gibt der Body-Mass-Index (BMI). Ein BMI von 20 bis 25 gilt als normal, ab BMI 30 spricht man von krankhaftem Übergewicht.

Bei krankhaftem Übergewicht wird eine Gewichtsabnahme dringend empfohlen.

BMI berechnen auf der Website der Schweizerischen Adipositas-Stiftung: www.saps.ch, Rubrik «Tests»

Zu viel Kochsalz ist häufig Ursache für die Entwicklung einer Hypertonie. Kochsalz erhöht die Blutmenge und die Bereitschaft der Blutgefässe zur Verengung. Reduzieren Sie Ihren Kochsalzkonsum auf 5 bis 6 Gramm pro Tag.
Kaffee führt zu einem geringen Blutdruckanstieg, der nur kurz anhält und unbedenklich ist. Grössere Mengen können jedoch blutdrucksteigernd wirken. Reduzieren Sie Ihren Kaffeekonsum: Die Grenze liegt bei drei Tassen pro Tag.
Alkohol: Wer anhaltend viel Alkohol konsumiert, riskiert eine schwere Hypertonie. In vernünftigem Mass ist Alkohol für Hypertoniker aber nicht verboten. Frauen: maximal 20 Gramm Alkohol pro Tag (entspricht zwei Gläsern Wein); Männer: maximal 30 Gramm (1⁄2 Liter Bier).
Rauchen ist besonders gefährlich, wenn gleichzeitig andere Risikofaktoren bestehen. Haben Raucher hohen Blutdruck, vervierfacht sich das Herzinfarktrisiko. Der konsequente Verzicht aufs Rauchen ist eine der wichtigsten Begleitmassnahmen bei der Behandlung von Bluthochdruck.
Stress: Es ist erwiesen, dass psychische Faktoren wie chronischer Stress bei der Entstehung von Bluthochdruck eine grosse Rolle spielen. Umgekehrt neigen Menschen mit Hypertonie dazu, sich unter Druck zu setzen. Versuchen Sie, gelassen zu bleiben. Sport und Entspannungsmethoden wie Yoga oder autogenes Training helfen, Dampf abzulassen und krank machenden Stress (Disstress) abzubauen.

Neue Wege bei den Medikamenten?

Der grösste Player im Blutdruckgeschäft ist Novartis: Der Konzern erzielte 2008 mit seinem Blutdrucksenker Diovan weltweit einen Umsatz von 5,7 Milliarden US-Dollar. Das sind gemessen am Konzernumsatz von 41,5 Milliarden Dollar fast 14 Prozent. Der Patentschutz von Diovan läuft demnächst aus (in der EU 2011, in den USA 2012, in Japan 2013).

Einen neuen Typus von Blutdrucksenkern, einen sogenannten Renin-Hemmer, hat Novartis unter dem Namen Rasilez (in den USA: Tekturna) vor kurzem in den Markt eingeführt. Es handelt sich dabei gemäss Einschätzung unabhängiger Experten um eine echte Innovation – im Gegensatz zu anderen Substanzen, die die Hersteller zum Beispiel nach einer geringfügigen Änderung der Zusammensetzung als «Neuerung» verkaufen.

Neben den einzelnen Wirkstoffklassen befindet sich eine ganze Reihe sogenannter Kombinationspräparate auf dem Markt. Hinter der Strategie steht die Erkenntnis, dass Patienten meist mehrere Mittel benötigen, um ihre Zielwerte zu erreichen – weil so mehrere blutdrucksenkende Systeme gleichzeitig beeinflusst werden können. Doch die Resultate sind besser, wenn statt vieler Pillen nur eine einzige geschluckt werden muss. Nicht nur gibt es dadurch weniger (dosisabhängige) Nebenwirkungen; viele Patienten nehmen auch die Medikamente in dieser Form zuverlässiger, wie Hausarzt Bläsi bestätigt: «Die Leute fühlen sich weniger abhängig und auch weniger krank, wenn sie nicht von einem ganzen Tablettenarsenal regiert werden.»

Einen anderen Ansatz verfolgt das Zürcher Biotech-Unternehmen Cytos, das einen Impfstoff gegen Bluthochdruck entwickelt hat. Statt täglich Tabletten zu schlucken, müsste man an die Blutdruckimpfung nur etwa zweimal jährlich denken. Der Impfstoff CYT006-AngQb veranlasst das Immunsystem, Antikörper gegen das blutdrucksteigernde Hormon Angiotensin II zu bilden.

Eine erste Studie vor zwei Jahren zeigte ermutigende Resultate: Die 67 Probanden, die an leichtem bis mittlerem Bluthochdruck litten, konnten ihre Werte um durchschnittlich 5,5 mmHg senken. Gar Spitzenwerte von minus 25 mmHg wurden laut Jürg Nussberger vom Unispital Lausanne, der für das neue Verfahren Feuer und Flamme war, in den Morgenstunden erreicht – dann, wenn sich in der Tagesstatistik die meisten Hirnschläge ereignen.

Der Rückschlag kam, als Cytos in einer Folgestudie das Impfschema änderte. «Sie wollten es noch besser machen – und erreichten das Gegenteil», kommentiert der Lausanner Professor. Statt «konservativ» nur drei Dosen verabreichten die Forscher ihren 69 Probanden für die Grundimpfung fünf Dosen, dies in einem kürzeren Intervall als in der ersten Studie. Das Resultat: «Keine signifikante Reduktion des Blutdrucks», wie das Unternehmen Mitte März bekanntgab. Als Folge verlor rund die Hälfte der Cytos-Angestellten ihre Stelle, und eine auf den Herbst geplante weitere Studie wurde vorläufig auf Eis gelegt. Zurzeit analysiere man die Ergebnisse, «aber wir arbeiten weiter an diesem Projekt», sagt Sprecherin Claudine Blaser.

Herbert Sontheim, 72, Maschinenbauingenieur

Die klassischen Medikamente hatten bei ihm Nebenwirkungen. Stieg um auf ein pflanzenmedizinisches Mittel, hat seither seinen ­Bluthochdruck seit Jahren unter Kontrolle.

Pflanzliche Mittel

Manche Bluthochdruck-Patienten schaffen es ohne Pharmaprodukte. Etwa Herbert Sontheim. Er bekam 1981 Betablocker verschrieben. «Diese Medikamentengruppe war damals noch in der Experimentierphase. Ich fühlte mich müde und spürte so ein ‹gedämpftes Gefühl›», sagt er. Sontheim suchte nach Alternativen. Heute behandelt er seinen Bluthochdruck mit einem phytotherapeutischen Medikament (Pflanzenmedizin), einer speziellen Mischung aus Rauwolfia (indische Schlangenwurz), Weissdorn, Ackerschachtelhalm, Misteln und Brennnesseln. Die Mischung stabilisiert seinen Blutdruck auf ungefähr 140/80. «Zwar ist die Einnahme der Tröpfchen etwas umständlicher als eine klassische Pharmapille», sagt Sontheim. Man müsse dreimal im Tag eine Viertelstunde vor dem Essen die Tröpfchen mit ein wenig Wasser einnehmen. «Das verlangt Disziplin. Aber ich habe den Eindruck, dass ich mir und meinen Gefässen etwas Gutes tue.»

Eine der wichtigsten Massnahmen gegen den Bluthochdruck braucht gar keine Zufuhr von Substanzen: die Änderung des Lebensstils. «Bei 30 bis 40 Prozent der Patienten kann der Bluthochdruck mit der Änderung der Lebensgewohnheit stabilisiert werden», sagt der Bluthochdruck-Spezialist Michel Romanens. Dazu gehören die Reduktion des Körpergewichts, eine salzärmere Diät, mehr Bewegung, weniger Alkohol. Auch Buchautor Martin Middeke propagiert nichtmedikamentöse Massnahmen zur Senkung des Hochdrucks. «Ihre Wirksamkeit ist wissenschaftlich gut belegt.» Für alternative Verfahren wie Homöopathie, Akupunktur oder andere gebe es hingegen «keine Belege aus Studien, die eine dauerhafte Blutdrucksenkung nachweisen».

Nichts aber ist so schwer, wie liebgewordene Gewohnheiten aufzugeben. «Die Leute möchten es gern, aber viele schaffen es nicht», sagt Romanens. Am motiviertesten seien die Patienten, wenn sie in der Verwandtschaft jemanden hätten, der wegen Bluthochdrucks schwer erkrankt sei.

Nicht immer aber fehlt es an der Motivation. Manchmal sind es auch schlicht die Umstände, die einem blutdruckfreundlichen Lebensstil im Weg stehen. Bei Velobauer Arnold Ramel, 63, diagnostizierte der Arzt vor mehr als 30 Jahren Bluthochdruck. «Wenn ich abends im Bett lag, merkte ich, dass mich jeder einzelne Pulsschlag erschütterte», sagt Ramel. Seither hält er den Blutdruck mit Medikamenten in Schach. Ramel ist Besitzer der Aarios AG, einer Fabrik für handgebaute Fahrräder. Der Arzt riet ihm zu einem täglichen Spaziergang von einer Stunde. «Leider habe ich dafür keine Zeit, denn in meinem Beruf ist ein 14-Stunden-Tag fast normal.»

Die bequemen Medikamente

Doch auch für die Ärzte ist das Verschreiben von Medikamenten oft der bequemere Weg. «Die Ärzte greifen tendenziell zu schnell nach der Pille. Die Instruktion zur Änderung der Lebensumstände ist aufwendiger, langsamer und weniger interessant», sagt Felix Gutzwiller, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. Die einseitige Fokussierung auf die pharmakologische Therapie äussere sich bereits während des Medizinstudiums. Gutzwiller: «Die therapeutischen Möglichkeiten durch Umstellung der Lebensgewohnheiten kommen an der Uni zu kurz.»

Hausarzt Bläsi – der selbst begeistert Velo fährt – ist keiner, der das beratende Gespräch scheut. Mir gibt er den Tipp, ein wenig abzunehmen. Am Schluss des Interviews legt er mir noch einmal die Blutdruckmanschette um den Oberarm und drückt den Knopf des Messgeräts. Siehe da: «125 auf 74», lacht der Arzt, «das ist ja fast kitschig.» Man müsse, verrät er, mindestens zehn Minuten geruht haben, bevor man den Blutdruck messe. Statt über vier Stockwerke die Treppe hochzuhasten, hätte ich – für einmal – den Lift nehmen sollen.

Risikofaktor Antibabypille

An erster Stelle der Medikamente, die einen hohen Blutdruck verursachen können, steht die Antibabypille. «Die Pille ist die häufigste Ursache für Bluthochdruck bei jungen, normalgewichtigen Frauen», sagt Martin Middeke vom Blutdruckinstitut München.

Weshalb die Einnahme der Pille zu einem Blutdruckanstieg führen kann, ist nicht endgültig geklärt. «Dafür ist am ehesten die Östrogenkomponente verantwortlich», sagt Cosima Huober-Zeeb, Oberärztin für gynäkologische Endokrinologie an der Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen. Ihr Rat: «Da eine Blutdruckerhöhung auch ein erhöh­tes Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall bedeutet, sollte man vor der Verordnung, aber auch während der Einnahme der Pille alle sechs bis zwölf Monate den Blutdruck messen.»

Frauen, die zu hohem Blutdruck neigen, sollten sich mit ihrer Frauenärztin ­besprechen, «um zu entscheiden, ob sie die Blutdruckerhöhung um der Empfängnisverhütung willen in Kauf nehmen wollen». Am besten sei es, wenn Frauen, die die Pille nehmen, andere ­Risikofaktoren vermeiden, sprich: aufs Rauchen verzichten, sich gesund ­ernähren und regelmässig bewegen.

Auch andere Medikamente wie Abführmittel, Appetitzügler, Kortisonpräparate, Psychopharmaka und Rheumatika können den Blutdruck erhöhen.

Blutdruck selber messen

Das müssen Sie wissen

  • Bereits ab 18 Jahren sollte der Blutdruck regelmässig, sprich: mindestens einmal pro Jahr, gemessen werden.

  • Gerade bei Personen, die bei der Messung durch den Arzt oder Apotheker nervös werden (sogenannte Weiss­kittel-Hypertonie), ist eine Selbstmessung sinnvoll. ­Dafür gelten niedrigere ­Normalwerte als beim Arzt: 135/85 mmHg.

  • Besprechen Sie sich vor dem Gerätekauf mit dem Hausarzt (empfohlene Geräte finden Sie auf der Website der Schweizerischen ­Hypertonie-Gesellschaft: www.swisshypertension.ch). Er kann Tipps ­geben und auch eine erste Messung durchführen. So sind Sie ­sicher, dass Sie das Gerät richtig anwenden.

  • Oberarmgeräte sind nach Meinung von Experten Handgelenkgeräten vorzuziehen.

  • Am besten wird der ­Blutdruck immer morgens gleich nach dem Aufstehen gemessen. Essen, trinken oder ­rauchen Sie vor der Messung nicht.

  • Entspannen Sie sich vor der Messung mindestens fünf ­Minuten.

  • Sprechen Sie während der Messung nicht. Bewegen Sie sich und das Gerät während der Messung nicht.

  • Wenn die Werte, die Sie gemessen haben, erhöht sind, ­warten Sie zwei bis drei ­Minuten und messen Sie dann noch einmal.

  • Sind Ihre Werte bei mehrmaligem Messen erhöht, ­sollten Sie Ihren Arzt konsultieren.

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