Saisonale Depression Herbst in der Seele

Die Depression ist die häufigste psychische Erkrankung: In der Schweiz sind rund 20 Prozent der Bevölkerung akut betroffen – und die Angehörigen leiden mit.

«Hilflos und überfordert fühle ich mich», sagt Frank G. (Name geändert). Wenn seine Frau eine depressive Phase durchlaufe, dann müsse er das jeweils einfach hinnehmen. Das erste Mal geschah es vor 15 Jahren. Die Hausarbeit blieb liegen; die damals 35-Jährige vernachlässigte die Buchhaltung des Geschäfts ihres Mannes und verharrte am Morgen im Bett. Ihr fehlte die Kraft, sich um die vier Kinder zu kümmern – die jüngste Tochter war damals gerade mal drei Jahre alt. Frank G. bemerkte schnell, dass mit seiner Frau etwas nicht in Ordnung war. «Sie war für mich wie eine Fremde», erinnert sich der 53-jährige Jugendarbeiter an die schlimme Zeit.

Den nächsten Angehörigen fallen die Veränderungen meist sehr früh auf: Mimik, Gestik und die Haltung der depressiv erkrankten Personen verändern sich. Alles verzögert sich, Reaktionen bleiben aus, die verbale Kommunikation funktioniert nicht mehr so wie bisher. Auch körperlich nehmen sich depressive Menschen nicht mehr wahr, und die Sexualität spielt in ihrem Leben meist keine Rolle mehr.

Falsche Reaktionen von Angehörigen oder Arbeitskollegen sind dann oft sehr verletzend für die Betroffenen. Rudi J. (Name geändert) erlebte seine Depression vor zwölf Jahren als eine «Fahrt mit angezogener Handbremse». Die einfachsten Tätigkeiten im Alltag wie Aufstehen und Ankleiden können nur noch mit grösster Anstrengung bewältigt werden. «Man tritt mit Vollgas aufs Pedal und kommt doch nicht vorwärts.»

«Sein Schmerz ist nicht meiner»

Das Unverständnis des Umfelds bezeichnet der 48-jährige Radiojournalist als eine zweite Krankheit. «Ich wusste selber, dass ich anders bin, konnte das aber meinem Umfeld nicht kommunizieren.» Die Folge: Er zog sich noch mehr zurück.

Eine Depression tritt mit einer Häufigkeit von 16 bis 20 Prozent auf, Frauen sind häufiger als Männer betroffen. Depressive Menschen leiden massiv – beeinträchtigt sind aber auch Partner, Eltern, Kinder und Freunde. «Ich musste lernen, dass sein Schmerz nicht meiner ist», sagt Claudia M. (Name geändert). Sie hat die Berg-und-Tal-Fahrten ihres depressiven Partners mitgemacht, bis es ihr zu viel wurde. Heute geht sie selber in eine Gesprächstherapie. Angehörige müssen sich selber schützen. Oft nehmen die Partner dem Betroffenen persönliche Erledigungen ab und übernehmen alle Tätigkeiten im Haushalt. Dabei besteht die Gefahr, dass sie sich überfordern. Spätestens wenn Suizidgedanken geäussert werden, müssen sie die Notbremse ziehen. Dann braucht es professionelle Hilfe.

Mitleid schlägt in Wut um

Depressives Verhalten weckt Mitgefühl und Anteilnahme. Dauert der Zustand jedoch an, kann Mitleid in Ärger und Wut umschlagen. Oft fühlen sich Partner, Kinder oder Eltern schuldig. Viele fühlen sich abgelehnt, weil sie die Gefühlsleere und die Gleichgültigkeit von Depressiven persönlich nehmen.

Am besten ist, wenn Angehörige möglichst normal weiterleben, Freunde treffen und sich nicht ausschliesslich auf den Kranken konzentrieren. Gleichzeitig ist es wichtig, Depressiven die Bestätigung zu geben, dass ihr Umfeld nicht aufgibt, dass es nicht immer so sein wird wie jetzt und dass sie eines Tages wieder in ein normales Leben zurückkehren werden.

Die Familie von Frank G. kann heute mit der Krankheit umgehen. «Ich habe gelernt, geduldig zu sein und mich selbst in dieser Zeit zurückzunehmen», sagt Frank G.. Er gewinnt der Krankheit seiner Frau auch etwas Positives ab: «Wir haben zusammengehalten und eine tiefe Verbundenheit in unserer Familie entwickelt.»

Psychisch krank: So können Sie handeln

  • Antriebslosigkeit, Interesselosigkeit und Gereiztheit sowie Schlafstörungen und Appetitlosigkeit sind erste Anzeichen einer Depression. Halten diese Symptome über zwei Wochen an, sollte professionelle Hilfe beigezogen werden.

  • Wichtig ist das Verständnis für die Krankheit des Betroffenen. Angehörige können helfen, in depressiven Phasen einfach da zu sein und professionelle Hilfe aufzusuchen. Gespräche dürfen nie vorwurfsvoll sein, da der Erkrankte besonders empfindsam und verletzlich ist.

  • Angehörige dürfen ihre eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen. Sich mit Freunden auszutauschen kann hilfreich sein, ebenso das Gespräch in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige oder eine Beratung durch eine Fachperson.

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Autor:
  • Sandra Olar
Bild:
  • Thinkstock Kollektion