Diabetes
Die unsichtbare Bedrohung
Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, rollt eine Epidemie auf uns zu: Bereits leiden fünf Prozent der Schweizer an Diabetes. In 20 Jahren werden es doppelt so viele sein.
Die schlechte Nachricht erhielt Andreas Senn vom Hausarzt: Diabetes. «Ich dachte sofort an meinen Vater, der vor 30 Jahren starb und zuckerkrank war. Nein, bloss das nicht! So wie er wollte ich nicht leben müssen.» Dann habe er aber schnell gemerkt, dass sich die Zeiten grundlegend geändert haben: Wer heute an Diabetes erkrankt, dessen Alltag wird nicht mehr von schmerzenden Insulinspritzen, strengen Diätvorschriften und genau einzuhaltenden Tagesabläufen bestimmt. «Selbst strikte Ernährungsvorschriften sind passé - vorausgesetzt, man hält beim Essen Mass und ernährt sich einigermassen gesund», weiss der 55-Jährige heute.
Dass Andreas Senn an Diabetes erkrankt ist, überrascht Fachleute nicht: Als Gemeindeschreiber und Grossrat verbringt er viel Zeit im Büro und an Sitzungen. «Wenn ich dann um halb elf Uhr abends nach Hause komme, mag ich nicht mehr im Wald oder sonstwo herumrennen. Da führt der Weg halt doch eher zum Kühlschrank», sagt er. Die logische Folge seines Bewegungsmangels und der falschen Ernährung: Übergewicht - und eben «Altersdiabetes», wie die Krankheit im Volksmund auch genannt wird.
Doch diese Bezeichnung ist irreführend: Ein ungesunder Lebensstil und erbliche Vorbelastung begünstigen den Typ-2-Diabetes in allen Altergruppen. Sogar Kinder und Jugendliche sind zunehmend davon betroffen, wie Matthias Stahl, Diabetologe am Kantonsspital Olten, feststellen muss: «Ich habe Kinder als Patienten, die mit 13 Jahren bereits 112 Kilo wiegen. Das ist eine dramatische Entwicklung. Wir denken immer, das gebe es nur in Amerika. Aber das Übergewichtsproblem betrifft uns in der Schweiz genauso.» Karl Scheidegger, St. Galler Facharzt für Diabetologie, ergänzt: «Als junger Mensch denkt man, dass man unsterblich sei. Mit Appellen an die Vernunft erreicht man da nichts. Das ist wie beim Rauchen: Bei vielen muss es zuerst chlöpfen, bis sie handeln.»
«Die Seuche des 21. Jahrhunderts»
Beide Ärzte sprechen von einer globalen Epidemie, die auf uns zukomme: Es werde nicht nur in den industrialisierten Ländern dramatisch, sondern vor allem auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. «Diabetes wird die Seuche des 21. Jahrhunderts sein und Aids in den Schatten stellen», prophezeit Karl Scheidegger. Denn dort, wo die Menschen von Unterernährung direkt in den Überfluss gerieten, sei Diabetes garantiert. «Kommt hinzu, dass in diesen Ländern das Geld für teure neue Medikamente fehlt.» Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO schlägt Alarm: Die Zahl der Diabetiker werde sich in den kommenden 20 Jahren weltweit auf über 350 Millionen verdoppeln. 1985 waren es noch 30 Millionen. In der Schweiz rechnet man bis 2025 mit einer Steigerung der Fälle von heute rund 300'000 auf 600'000 Diabetiker.
Anzeige:
Ein gesunder Zuckerhaushalt funktioniert folgendermassen: Der Körper gewinnt Zucker (Glukose) aus der Nahrung. Über die Blutbahn wird er zu allen Zellen transportiert, die ihn zur Energiegewinnung nutzen. Die Zuckerkonzentration im Blut wird durch spezielle «Fühler» zu jedem Zeitpunkt gemessen und über das Gehirn gesteuert. Ist der Zuckerspiegel hoch - etwa nach dem Essen -, ergeht ein Befehl an die Bauchspeicheldrüse, das Hormon Insulin zu produzieren. Insulin wird daraufhin freigesetzt und übermittelt als Bote den Körperzellen, dass sie Zucker aus dem Blut aufnehmen sollen. Dadurch sinkt der Zuckerwert im Blut.
Diabetes: Jahrelang unentdeckt
Bei Diabetikern ist dieser fein aufeinander abgestimmte Regelmechanismus gestört: Der Körper bildet entweder kein eigenes Insulin mehr (Diabetes Typ 1), oder das noch vorhandene Insulin kann nicht ausreichend freigesetzt oder verwertet werden (Diabetes Typ 2) - es liegt eine so genannte Insulinresistenz vor (siehe nachfolgende Info «‹Zucker›: Ursachen, Symptome und Massnahmen»).
Der weitaus grösste Teil der Patienten, nämlich 90 Prozent, leidet an Typ-2-Diabetes. Besonders tückisch dabei: Die Erkrankung wird jahrelang nicht entdeckt. Denn meist gibt es keine eindeutigen Anzeichen, die auf die Stoffwechselstörung aufmerksam machen. Erste Anzeichen sind Müdigkeit, Durst, häufiges Wasserlösen und schlechte Wundheilung. Dann hat der Diabetes aber bereits mit seiner Zerstörung begonnen. Und erst viel später, wenn die Blutzuckerspiegel lange Zeit schon deutlich erhöht sind, kann sich die Krankheit bemerkbar machen - und sich fatal auswirken. Herzinfarkte, Hirnschläge, Durchblutungsstörungen der Beine, Nerven-, Nieren- und Augenschäden, Impotenz: All diese Leiden können die späte Folge von «Zucker» sein.
Meist bringt erst der Zufall oder wie bei Andreas Senn eine Routineuntersuchung den Befund zutage. «Es dauert durchschnittlich neun Jahre, bis die Diagnose gestellt wird», sagt Experte Matthias Stahl. Zumal nicht alle Ärzte so vorbildlich reagieren wie jener von Andreas Senn: Nicht selten werde gegenüber den Patienten verharmlosend von «leicht erhöhten Blutzuckerwerten» gesprochen. «Nur ein bisschen Zucker gibt es aber nicht. Man ist auch nicht nur ein bisschen schwanger», bringt es Matthias Stahl auf den Punkt. Deshalb empfehlen die Ärzte allen über 45-Jährigen, alle zwei bis drei Jahre ihren Blutzucker messen zu lassen.
Ursachen, Symptome und Massnahmen
Diabetes ist eine chronische Krankheit, die in zwei Formen auftritt. Sowohl beim Typ-1-Diabetes als auch beim Typ-2-Diabetes leidet der Patient unter erhöhtem Blutzucker, doch die Ursachen dafür sind verschieden.
Typ-1-Diabetes: Insulinmangel
Der Typ 1 beginnt meist sehr rasch. Die Symptome sind ausgeprägt. Das Immunsystem zerstört die insulinproduzierenden Zellen des eigenen Körpers. Die Bauchspeicheldrüse ist deshalb nicht mehr in der Lage, genügend Insulin zu produzieren. Diese Form des Diabetes muss immer und ausschliesslich mit Insulin behandelt werden.
Typ-2-Diabetes: Insulinresistenz und verminderte Insulinausschüttung
Im Unterschied zum Typ-1-Patienten verspüren Typ-2-Diabetiker lange keine akuten Beschwerden. Hier ist die «Chemie» zwischen den Körperzellen und dem Insulin gestört. Die Bauchspeicheldrüse produziert zu wenig Insulin (verminderte Insulinausschüttung), und die Aufnahme von Zucker aus dem Blut in die Körperzellen ist gestört (Insulinresistenz). Behandlung: Verhaltensänderung (Ernährung, Bewegung), später auch Medikamente und allenfalls Insulin.
Welche Anzeichen weisen auf Diabetes hin?
- starker Durst (mehrere Liter pro Tag)
- vermehrtes Wasserlassen (am Tag und in der Nacht)
- schnelle Ermüdung, Mattigkeit, Abgeschlagenheit
- Muskelschwäche
- Heisshunger
- Gewichtsverlust bei normalem Appetit
- Juckreiz der Haut
- Sehstörungen
- Infektanfälligkeit (zum Beispiel Blasenentzündungen)
- schlechte Wundheilung
- Erektionsstörungen beim Mann
- Gefühlsstörungen in den Beinen und Füssen (seltener auch in Armen und Händen)
- Schaufensterkrankheit (Durchblutungsstörung)
Wichtigste Massnahmen gegen Typ-2-Diabetes
- bei Übergewicht: abnehmen
- mehr Bewegung im Alltag (zu Fuss gehen, Treppen statt Lift benützen)
- moderate körperliche Aktivität dreimal pro Woche während 30 bis 45 Minuten (zum Beispiel zügiges Gehen, Velofahren, Schwimmen)
- zu jeder Hauptmahlzeit Vollkornbrot, Getreideprodukte, Kartoffeln oder Hülsenfrüchte
- reichlich frisches Gemüse, Salat und Früchte (zirka fünf Portionen pro Tag)
- Süssigkeiten massvoll, dafür aber mit Genuss
- Proteinbeilagen wie mageres Fleisch, Geflügel, Fisch, Milchprodukte, Eierspeisen, Tofu, Yasoja, Cornatur et cetera gehören zu jedem Mittag- und Abendessen
- für die Mahlzeitenzubereitung Verwendung von Rapsöl oder Olivenöl
- Vermeidung von fettreichen Nahrungsmitteln wie Wurstwaren, Fertigprodukten und Desserts
- mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit in Form von ungezuckerten Getränken (Mineralwasser, Lightgetränke, Tee und Kaffee)
Testen Sie Ihr persönliches Risiko: Diabetes-Selbsttest
Links zum Artikel
© Beobachter Ausgabe 4 vom 14. Feb 2007 - Alle Rechte vorbehalten






Bluthochdruck
Sind Sie gefährdet? Finden Sie es heraus!