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Editorial

Lebensmut, den man bewundern muss

Text:
  • Matthias Pflume
Ausgabe:
2/10

«Selbst mit Krebs muss man sich der Verzweiflung nicht bedingungslos ergeben.»

Nichts zieht einem so brutal den Boden unter den Füssen weg wie eine Krebsdiagnose. Sie gilt gemeinhin als Todesurteil – mit eher unsicheren Aussichten, vielleicht noch davonzukommen. Plötzlich wird aus dem abstrakten Wissen über die eigene Endlichkeit eine sehr konkrete Bedrohung. Vor nichts haben wir so viel Angst wie vor Krebs, und gegen nichts halten wir uns für machtloser, zeigt eine Umfrage. Tatsächlich jedoch hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Krebstherapie viel getan: Heute kann etwas mehr als die Hälfte der Patienten geheilt werden.

Der Zwang, Bilanz zu ziehen

Doch selbst wenn die Statistik bei einer Reihe von Krebsarten von relativ guten Genesungschancen spricht: Für den Einzelnen gibt es kein 80- oder 60-prozentiges Überleben, sondern stets ein Entweder-oder. Eine Krebsdiagnose ist eine Zäsur, die zwingt, Bilanz zu ziehen und sein Leben neu auszurichten. Für die bequeme Illusion, alle Zeit der Welt zu haben und wichtige Dinge vertagen zu können, ist kaum mehr Platz.

Wie lebt es sich mit der Diagnose? Birthe Homann und Daniel Benz haben für unsere Titelgeschichte (siehe «Artikel zum Thema») mit Menschen geredet, die entweder mitten im Kampf gegen den Tumor stecken oder die ihn schon hinter sich haben, aber noch nicht als definitiv geheilt gelten können. Sie zeigen häufig eine Gelassenheit, die nichts mit Schönreden zu tun hat, sondern mit einem bewundernswerten Lebensmut – selbst mit Krebs muss man sich der Verzweiflung, so verständlich sie ist, nicht bedingungslos ergeben.

Auch für die Angehörigen bedeutet Krebs eine harte Prüfung. Beobachter-Redaktorin Gabriela Baumgartner beschreibt die eigene Hilflosigkeit angesichts der Erkrankung ihres Partners, ihre Niedergeschlagenheit, ihr Hoffen und auch den Kampf mit ihrem schlechten Gewissen, wenn sie sich selbst Momente des Glücks genehmigt.

Dem Leben möglichst viele glückliche Augenblicke abtrotzen, so lange es geht – etwas Besseres können Krebspatienten und ihr Umfeld tatsächlich nicht tun. Für alle diejenigen, die bisher vom Thema Krebs verschont wurden, gilt das erst recht.

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© Beobachter Ausgabe 2 vom 20. Jan 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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