Hirntumor «Ein schlechtes Leben? Keineswegs»

Schildert die schwerste Zeit seines Lebens in berührenden Worten: Eric Baumann

Er ist frisch verliebt, steht mit beiden Beinen im Leben, sein Beruf ist seine Passion. Er ist Wirtschaftsjournalist beim «Tages-Anzeiger» und soeben auf den Korrespondentenposten nach London berufen worden, wo er wenige Wochen zuvor seine Umzugskisten ausgepackt hat. Die Momente, in denen ihn Schwindel heimsucht, der Kopf hämmert und Worte sich nur mühsam zu Sätzen bündeln lassen, schreibt er der neuen Lebenssituation zu.

Dann aber, von einer Minute auf die andere, wird Eric Baumanns Biographie in ein Vorher und ein Nachher geteilt. Als er während der ersten Ferien in der Schweiz Linien nur noch als Zacken wahrnimmt und sein Kopf vor Schmerzen zu platzen droht, meldet er sich beim Augenarzt. Mit einem Rezept für Tropfen verlässt er die Praxis, sucht aber statt einer Apotheke die Notfallstation der Uniklinik auf. Es folgt ein Marathon an Untersuchungen, an dessen Ende die Worte «Schatten» und «Operation» fallen. In Baumanns Kopf wüten bösartige Zellen. Ein Tumor in der Grösse eines Pingpongballs drückt aufs Epizentrum des Journalisten: die Sprachregion.

Was kommt auf mich zu? Werde ich das überleben? Bleibt Alice bei mir? Wie geht meine Familie damit um? Wie reagieren meine Freunde? Wer benachrichtigt die Redaktion? Gedanken fliegen vorbei. Ich sehe mich mit einem dicken Verband um den Kopf, stelle mir einen Grabstein mit meinem Namen vor.


Vier Tage später, drei Tage nach Silvester und vier nach seinem 34. Geburtstag, wird Eric Baumann operiert.


Vor einer Stunde stand ich unter der Dusche, befühlte meine noch unversehrte linke Schädelseite und dachte: Das ist mein letzter privater Moment vor der Hinrichtung. Nun werde ich auf dem Operationstisch vollgepumpt mit Schmerz- und leichten Narkosemitteln. Ein Viereck in der Grösse einer Spielkarte wird aus dem Schädelknochen herausgesägt.


Während des Eingriffs muss er wach bleiben. Am einen Ende des Operationstischs saugt ein Ministaubsauger bösartige Zellen ein, am anderen Ende hält eine Sprachexpertin Bilder in der Hand, die Baumann benennen soll. Bleibt seine Antwort aus, sind Stellen tangiert, die für die Ausdrucksfähigkeit entscheidend sind. Tags darauf sickern Melodien und Texte aus unbeschwerten Zeiten durch Kopfhörer und Verband. «Es gibt keinen Grund zu warten, bis es besser wird, das bisschen besser wär’ das Warten nicht wert.» Oder: «Know that one day I must die - I’m alive.»


Das beschert mir einen gruseligen Schauer und zugleich einen Energiekick. Ja, ich weiss, irgendwann werde ich sterben müssen. Aber jetzt bin ich am Leben - das zählt. Ich habe das Lied eine Weile nicht mehr gehört. Nun macht es mich so glücklich, dass ich die ganze Welt umarmen möchte.


Seither ist jeder Tag ein Extra, jeder unbelastete Moment ein Geschenk, nichts so kostbar wie Zeit und Freundschaft.


Dass meine Freundin all das auf sich nimmt und zu mir hält, grenzt an ein Wunder. Ich weiss nicht, ob ich ihr häufig genug sage, dass ich sie liebe. Sie gibt mir Kraft, in dieser Situation nicht einzubrechen.


14 Tage nach der Operation bekommen die entfernten Zellen einen Namen: Glioblastoma multiforme.


Vor zwei Wochen noch hatte ich keine Ahnung, was das ist. Hätte es vielleicht für einen Wurm gehalten. In der Zwischenzeit weiss ich schon ziemlich gut Bescheid. Dieses Glioblastom ist das Enfant terrible, der Tyrannosaurus Rex der Hirntumor-Sippe. Ein extrem aggressiver Geselle, mit dem nicht zu spassen ist. (...) Es gibt keinen Hirntumor, der schneller wächst.


Eric Baumann erfährt, dass Patienten mit dieser Diagnose im Schnitt innerhalb eines Jahres sterben. Er beginnt, in eigener Sache zu recherchieren. Schliesslich relativiert ein Onkologe die Wichtigkeit von Statistiken: Für den einzelnen Patienten liege die Wahrscheinlichkeit zu überleben bei null oder hundert Prozent. Statt weiter zu recherchieren und sich zu fragen, ob die vielen Zigaretten, die zahlreichen Partys «mit allem Drumherum», das wenige Schlafen, die Mobilfunkantenne auf dem Dach seiner früheren Wohnung oder das stundenlange Telefonieren mit dem Handy schuld sein könnten, setzt sich Baumann mit alternativen Heilmethoden, gesunder Ernährung und seinem Glauben auseinander.


Zugegeben, mein eigenes Glaubensbekenntnis ist relativ diffus. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich mich selbst nach der Operation nicht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens befinde. Stattdessen kommt mir in diesen Tagen mehrmals ein Ausdruck in den Sinn, den ich bisher kaum benutzt habe: Demut. Für mich bedeutet das jetzt: Ich werde mein Schicksal akzeptieren, so wie es ist. Ich will leben - keine Frage.


Vorerst entscheidet er sich gegen Chemotherapie und für Bestrahlung. Wenige Monate später aber meldet sich der Tumor zurück. Seine Grösse werde sich jeden Monat verdoppeln, erklärt die Chefärztin. Eric Baumann rechnet.


Die Chemotherapie wird vom Schreckgespenst zur grossen Hoffnung.


Immer wieder gab es in diesen vergangenen drei Jahren Momente, die Baumann trotz der Lebensbedrohung, den starken Medikamenten und der den Alltag beherrschenden Müdigkeit als unbelastet beschreibt. Er reist mit Alice nach Japan, Syrien, Kalifornien, mit Kollegen nach Teheran. Er feiert Feste, tanzt Nächte durch. Einen Tag pro Woche arbeitet er auf der Redaktion des «Tages-Anzeigers», verfasst Kolumnen - und schreibt sich Hoffnungen und Sorgen von der Seele. Sein Buch macht Mut, aber auch unmissverständlich klar, wie wichtig die Gegenwart wird, wenn die Zukunft so ungewiss ist. Wenige Wochen nach Abgabe des Manuskripts wird in Baumanns Kopf erneut ein Schatten entdeckt. Die Chemotherapie, in den Monaten zuvor von Drei- auf Sieben-Wochen-Rhythmus ausgedehnt, ist seither anders gewichtet: statt fünf Einnahmetage, gefolgt von einigen medikamentfreien Wochen, muss er nun während dreier Wochen täglich eine Tablette schlucken, worauf ihm jeweils sieben freie Tage gegönnt sind.


Ursprüngliche Prognosen habe ich hinter mir gelassen, die mir gewährte Frist dauert länger. Aber das hat seinen Preis. Ich schlucke eine Menge Medikamente, muss mich damit abfinden, dass mein Leben nie mehr so unbeschwert sein wird, wie es einst war. Ein schlechtes Leben? Keineswegs. Ich bin glücklich, noch hier zu sein. Ein normales Leben? Für mich schon, ich habe mich daran gewöhnt.


Vor drei Jahren wurde bei Eric Baumann ein aggressiver Gehirntumor diagnostiziert. Was denkt man, wenn das Leben nur noch Monate dauern soll? Der Journalist hat ein eindrückliches Buch geschrieben.

Am 21. August 2009 ist Eric Baumann in Zürich gestorben.

 

 

Eric Baumann: «Einen Sommer noch. Mein Leben mit der Diagnose Hirntumor» Gustav-Lübbe-Verlag, Bergisch Gladbach 2008, erscheint am 29. November.

Die eingerückt gesetzten Passagen sind Ausschnitte aus dem Buch.

Text:
  • Ursula Eichenberger
Bild:
  • Helmut Wachter
26. November 2008, Beobachter 24/2008

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