Laktoseintoleranz Wenn Milch Bauchweh macht

Etwa jeder fünfte erwachsene Schweizer verträgt weder Milch noch Milchprodukte. Was kann man tun, damit Bauchweh, Durchfall und Blähungen ausbleiben?

Immer wieder plagten Anna Maria W. plötzlich auftretende heftige Bauchschmerzen und Blähungen. «Ich dachte, das gehöre einfach zu mir», erzählt die 50-Jährige. Doch ihre Hausärztin fand es wichtig, die Ursache für diese Beschwerden abzuklären, und überwies sie an einen Magen-Darm-Spezia­listen. Und siehe da: «Kurz nachdem ich die Milchzuckerlösung zur Abklärung einer Milchzuckerunverträglichkeit getrunken hatte, begannen die Schmerzen und ­Blähungen», so W. Für den Gastroenterologen war die Sache klar: Anna Maria W. leidet an einer Laktoseintoleranz.

Der Mensch braucht Kalzium

Milchzucker – oder eben: Laktose – kommt in Milch und vielen Milchprodukten vor. Normalerweise wird die Laktose im Dünndarm durch das Enzym Laktase in die beiden Einfachzucker Glukose und Galaktose gespalten. Diese werden durch die Darmwand aufgenommen. Wird das Enzym von der Darmwand nicht oder zu wenig produziert, kann der Milchzucker nicht gespalten und in der Folge auch nicht vom Körper verarbeitet werden. Er gelangt in immer tiefere Darmabschnitte und wird dort von Bakterien vergoren. Das löst die Durchfälle und Bauchkoliken aus.

Von Natur aus ist die Fähigkeit, die Milchzucker spaltende Laktase zu bilden, beim Kleinkind am höchsten – und nimmt bis ins Erwachsenenalter langsam ab. Eine Laktoseintoleranz entsteht, wenn diese 
Fähigkeit abnormal stark abnimmt. Das kann genetisch bedingt sein, aber auch bei Darmerkrankungen auftreten – vorüber­gehend oder auch für immer.

«Bei Verdacht auf eine Laktoseintoleranz empfehle ich, einen speziellen Atemtest durchzuführen», sagt der Allergologe und Internist Michael Fricker vom Inselspital Bern. Und was, wenn die Diagnose gestellt ist? Muss man Milch und Milchprodukte von seinem Speisezettel streichen? Auf keinen Fall, sagt der Spezialist. Denn Milch und Milchprodukte sind eine wich­tige Kalziumquelle, und Kalzium braucht der Mensch.

Relativ unproblematisch sind Joghurt und Sauermilchprodukte, die auch bei 
einer Intoleranz von den meisten gut vertragen werden. Sie enthalten weniger Milchzucker, denn Bakterien haben ihn bereits zu Milchsäure verarbeitet. Zudem unterstützt die von den Milchsäurebakterien gebildete Laktase die Verdauung des Milchzuckers. Auch Hartkäse wie Greyerzer oder Emmentaler sind gut verträglich. Sie enthalten im Gegensatz zu Weichkäsen keinen Milchzucker.

Unverträglichkeit muss nicht für ewig sein

Heute ist zudem eine Vielzahl von laktosefreien Produkten auf dem Markt erhältlich. Sie sind genauso gute Kalziumlieferanten wie herkömmliche Mich und Milchprodukte. Der Trick dabei: Der vorhandene Milchzucker ist mit Hilfe einer Laktase, die aus einer Hefe gewonnen wird, praktisch vollständig zu Glukose und Galaktose abgebaut. Gegen die Laktoseintoleranz helfen auch laktosespaltende Medikamente, die man vor dem Essen einnehmen kann.

Es kann sein, dass sich eine Laktose­intoleranz im Laufe der Jahre von selbst wieder bessert oder auch vollständig verschwindet, beispielsweise nach dem 
Abheilen einer Darmerkrankung. Deshalb sollte man immer wieder kleine Mengen Milch oder Milchprodukte versuchen und dann beobachten, ob man sie wieder besser verträgt.

Käse, Quark & Co.: So viel Laktose ist drin

In der Regel vertragen wir problemlos
 12 Gramm Milchzucker pro Tag, sofern man ihn über den Tag verteilt aufnimmt. Um den Kalziumbedarf zu decken, sollten auch Menschen mit Laktose­intoleranz täglich drei Portionen Milch und Milch­produkte zu sich nehmen. Milchzucker ist in vielen Produkten enthalten, die auf 
den ersten Blick nichts mit Milch zu tun haben, so in Brot und andern Backwaren, Bratwürsten, Rohpökel- und Rohwurst­waren (Bündnerfleisch, Salami), Suppen, Saucen, Streuwürze, Bouillon, Margarine, Backwaren, Fleischwaren und Fertig­gerichten, Milchschokolade, Caramel­bonbons und Getränken mit Milch­serum 
(Rivella: 1,4 Gramm/Deziliter). Die Deklaration der Inhaltsstoffe gibt Auskunft. 
Unter www.lakto-app.ch lädt man den kostenlosen Laktoserechner auf das Smartphone. Die App berechnet den 
Laktosegehalt der Lebensmittel.

Milchzuckergehalt

So viel Gramm Milchzucker enthalten diese Produkte (in Gramm pro 100 Gramm oder pro Deziliter)

Quelle: Bundesamt für Statistik; Infografik: Beobachter/ReH/AS
Autor:
  • Marianne Botta
Bild:
  • Thinkstock Kollektion