Mikroschielen

Der unsichtbare Silberblick

Text:
  • Rita Torcasso
Bild:
  • Gettyimages  
Ausgabe:
18/10

Stellen Sie sich vor: Sie schielen, und keiner sieht es. Mikroschielen ist angeboren, wird jedoch oft erst entdeckt, wenn Störungen wie Doppelbilder oder häufiges Kopfweh auftreten.

Mikroschielen: Der unsichtbare Silberblick

Frühes Erkennen ist wichtig: Kneifen Kinder oft die Augen zusammen, kann das auf Mikroschielen hindeuten.

Sandra Suter* erzählt: «Ich sah alles doppelt: die Untertitel im Kino, die Abfahrtszeiten auf der Anzeigetafel im Bahnhof, das Gegenüber im Gespräch.» Doch anzusehen war ihr nichts. Andere Leute bemerkten bei der 53-Jährigen das Schielen nur mit geübtem Auge oder wenn sie sehr müde war.

Rund sechs Prozent der Bevölkerung schielen. Bei zwei Prozent sieht man nicht, dass die Augen nicht parallel ausgerichtet sind: Sie leiden an einem sogenannten Mikroschielen. Als erste Massnahme wurde bei Sandra Suter eine durchsichtige Folie mit vertikalen Linien auf ein Brillenglas geklebt. Die Linien zwingen das Auge, gerade zu sehen. Doch kaum nahm sie die Folie weg, waren die Doppelbilder wieder da.

Mikroschielen ist angeboren. Für Kinder bedeutet dieses versteckte Schielen eine Gefahr, weil sie das schielende Auge «ausschalten» können. «Das führt dazu, dass dieses Auge schwachsichtig wird und das Kind schliesslich das zweiäugige Sehen ganz verlieren kann», erklärt Daniel Mojon, leitender Arzt der Orthoptik im Kantonsspital St. Gallen. Deshalb müsse man bereits bei Kleinkindern auf Symptome des Schielens achten (siehe nachfolgender Hinweis «Was man gegen Mikroschielen tun kann»). «Schielen ist eine der Hauptursachen für Schwachsichtigkeit», hält Mojon fest.

Das Mikroschielen habe jedoch nichts mit Fehlsichtigkeit zu tun, sondern sei rein muskulär bedingt, betont der Spezialist. Eine Abweichung von unter fünf Grad vom optimalen Sehpunkt könne vom Gehirn ausgeglichen werden, so der Experte. «Doch bei etwa einem Viertel der Personen treten im Laufe des Lebens Beschwerden auf, die so dauerhaft sind, dass sie eine Operation nötig machen.»

Ein Grund für Beschwerden ist das Alter: Man kann das Auge nicht mehr durch Nervenimpulse gerade halten, und die Fähigkeit zum Kontrastsehen nimmt ab. Eine Verschlechterung kann aber auch durch eine Prismenbrille (siehe nachfolgender Hinweis) entstehen. «Prismen rücken zwar das Bild, welches das Auge empfängt, in die optimale Position, doch bei einem kleinen Schielwinkel bringt das nichts, denn das Auge ist ja seit Geburt daran gewöhnt und stellt nicht um. So kann sich der Schielwinkel vergrössern, wenn die Brille abgesetzt wird.»

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Innerhalb weniger Wochen gelang es Sandra Suter nur noch mit grösster Anstrengung, die Augen «gerade zu stellen» und so die Doppelbilder zu beseitigen. Am Kantonsspital St. Gallen bestimmte Orthoptistin Rahel Sallenbach den genauen Schielwinkel: «Wichtig ist, das angelernte Verhalten des schielenden Auges zu berücksichtigen.» Weitere Messungen galten der Fehlsichtigkeit. Denn auch durch eine zu starke Korrektur einer Fehlsichtigkeit könne sich das Schielen verstärken. Nach mehreren Abklärungen um auch die zeitliche Veränderung einzubeziehen betrug der Schielwinkel beim Blick in die Ferne elf Grad, in die Nähe neun Grad. Das machte eine Operation unumgänglich.

Obwohl Mikroschielen immer nur ein Auge betrifft, sollten beide Augen operiert werden. Dazu Daniel Mojon: «Statt einseitig eine stärkere Verkürzung der Muskeln zu machen, wird mit dem beidseitigen Eingriff ausgeglichen.» Das habe ihr am meisten Angst gemacht, erinnert sich Sandra Suter. «Vorher hatte ich mir gesagt, dass ein Auge bliebe, falls etwas passieren sollte.» Doch Schieloperationen seien sehr sichere Eingriffe, sagt der Chirurg. Nur bei etwa einer von 10'000 Operationen in der Schweiz treten schwerere Komplikationen wie die Verletzung der Augenhülle oder eine Infektion auf.

Am selben Tag wieder zu Hause

Die Operation wurde im Sommer 2008 durchgeführt. Während des gut einstündigen Eingriffs unter Vollnarkose verlagerte der Chirurg drei Augenmuskeln zwischen zwei und sechs Millimeter nach hinten. Fünf Stunden nach der Operation konnte Sandra Suter nach Hause gehen – mit unverbundenen Augen. Nach Abklingen der Narkose schmerzten die Muskeln, doch zwei Tage nach der Operation arbeitete sie wieder. Die Nachkontrolle zeigte, dass die Augen nun parallel ausgerichtet waren. Und zum allerersten Mal in ihrem Leben konnte sie Objekte dreidimensional erkennen.

Doch schon nach kurzer Zeit nahm sie von neuem Doppelbilder wahr. «Das war ein Schock», erzählt sie. Weil die Beschwerden nicht verschwanden, wurde das linke Auge, das noch einen Schielwinkel von acht Grad aufwies, nach sieben Monaten nochmals operiert. Bei rund jedem zehnten Eingriff braucht es eine zweite Operation (siehe nachfolgender Hnweis).

Seither sind eineinhalb Jahre vergangen. «Ich habe keine Beschwerden mehr. Ganz selten, nach stundenlangem anstrengendem Sehen, weicht das Auge für Sekundenbruchteile ab, richtet sich aber sofort wieder gerade aus», erklärt Sandra Suter. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dabei bleibt, ist relativ gross. Daniel Mojon schätzt aufgrund seiner 20-jährigen Erfahrung als Augenchirurg, dass nur bei fünf Prozent der Patienten irgendwann von neuem Beschwerden auftreten.

Was man gegen Mikroschielen tun kann


Wie erkennt man die muskuläre Erkrankung?
Bei Kindern, wenn sie häufig den Kopf schräg halten oder die
Augen zusammenkneifen, beim Fangen eines Balls daneben­greifen oder einen Stift nicht in ein Loch stecken können. Bei Erwachsenen deuten häufiges Kopfweh, Doppelbilder und schlechtes räumliches Sehen auf ein Schielen hin.

Wann muss Mikroschielen korrigiert werden?
Bei Kleinkindern ist Mikroschielen gefährlich, weil es unentdeckt durch Ausschalten des schielenden Auges Schwachsichtigkeit (Amblyopie) verursachen kann. Durch Abdecken eines Auges wird das verhindert. Bis zum siebten Altersjahr kann eine bereits eingetretene Schwachsichtigkeit gut rückgängig gemacht werden, ab dem zehnten Schuljahr hilft die Behandlung nichts mehr.

Was hilft gegen auftretende Beschwerden?
Prismenbrille: Das Prisma (Glas oder Folie) verschiebt das ­fehlerhaft wahrgenommene Bild zum optimalen Sehpunkt. Vorteil: Prismen können Doppelbilder gerade rücken. Nachteil: Ein geringer Schielwinkel kann sich als Folge der Korrektur vergrössern, wenn man die Brille absetzt. Bei einem grossen Schielwinkel werden Prismenbrillen wegen Dicke und Gewicht der Gläser untragbar.

Wann ist eine Operation nötig?
Bei Kindern muss gewährleistet sein, dass sie beidseitig sehen. Operieren sollte man erst im Vorschulalter, denn bei zehn Prozent der Kleinkinder verschwindet das Schielen wieder. Bei Erwach­senen entscheiden dauerhafte Beschwerden wie Doppelbilder, schlechtes räumliches Sehen et cetera darüber, ob eine Operation nötig ist.

Wie verläuft eine Schieloperation?
Während der Operation werden einzelne der je sechs Augen­muskeln bei einem oder beiden Augen (je nach Abweichungsgrad) verstärkt oder abgeschwächt und so die Augen parallel ­zueinander ausgerichtet. Je nach Abweichung des Auges (horizontal und vertikal) braucht es für eine vollständige Korrektur manchmal eine zweite Operation.

Bei der traditionell angewandten Opera­tionsmethode wird ein Stück Bindehaut ­zurückgeklappt, um die Muskeln freizu­legen. Am Kantonsspital St. Gallen wurde die Minimally Invasive Strabismus Surgery entwickelt, bei welcher durch zwei kleine Öffnungen hindurch operiert wird. Vorteil: Das Auge verheilt schneller, und es bilden sich weniger Narben, was eine ­zweite Operation erleichtert. Die Gefahr ­einer Verletzung der Hornhaut ist geringer. Nachteil: Die Operation ist schwieriger, auch weil noch keine adäquaten Instru­mente dafür entwickelt worden sind. Im ­Kantonsspital St. Gallen wurden bisher rund 3000 Eingriffe durchgeführt.

Links: Traditionelle Operationsmethode
Rechts: Minimally Invasive Strabismus Surgery
Bilder: Kantonsspital St. Gallen

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© Beobachter Ausgabe 18 vom 01. Sep 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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