aktualisiert am 30. Apr 2009 17:13Schweinegrippe

Kinder praktisch ungeschützt

Text:
  • Matieu Klee
Bild:
  • Jupiterimages

Kinder gelten bei einer Pandemie nicht nur als besonders gefährdet, sondern spielen auch bei der Verbreitung der Viren eine entscheidende Rolle. Doch ausgerechnet sie sind am schlechtesten geschützt.

Millionen von Kapseln des Grippemittels Tamiflu lagert der Pharmariese Roche im Auftrag der Bundes – ausschliesslich für Erwachsene. Zwar ist das Medikament seit letztem Sommer schwächer dosiert auch für Kinder zugelassen, aber noch hat der Bund keine entsprechenden Kapseln an Lager. «Seit das Medikament für Kinder zugelassen ist, war die Zeit zu knapp, um ein Lager für Kinder anzulegen», erklärt Ueli Haudenschild vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung. Statt Pillen hat der Bund Pulver gelagert. Dieses müsste erst noch zu Kapseln verarbeitet werden.

Das Pulver würde für die Behandlung von jedem zweiten Kind reichen: So viele könnten sich gemäss «Worst–case–Szenario» infizieren. Zum Vergleich: Bei den Erwachsenen rechnen die Experten damit, dass sich maximal ein Viertel ansteckt. Kinder spielen ausgerechnet auch bei der Verbreitung von Grippeviren eine entscheidende Rolle: Sie sind viel länger ansteckend als Erwachsene und überall dort, wo sie in Horten, Kindergärten und Schulen zusammenkommen, verbreiten sich Viren erfahrungsgemäss am schnellsten.

Schutzmasken taugen nicht für Kinder

Selbst die jetzt von den Behörden so nachdrücklich empfohlenen Schutzmasken sind nicht für Kinder gedacht. Im eidgenössischen Pandemieplan steht dazu: «Das Tragen von Masken ist nur im Zusammenhang mit den übrigen empfohlenen Hygienemassnahmen sinnvoll und wirksam. Da Kinder dies nicht beziehungsweise nur teilweise nachvollziehen und einhalten können, wird für sie das Tragen von Hygienemasken nicht empfohlen.» Stattdessen sollen im Ernstfall Schulen geschlossen und Kinder zu Hause betreut und eingepfercht werden.

Wenn sich Kinder dennoch anstecken, gibt es für alle unter Fünfjährigen nur ein einziges zugelassenes Mittel: Tamiflu. Falls das Virus dagegen resistent werden sollte, könnten nur Erwachsene und über Fünfjährige auf das Konkurrenzprodukt Relenza ausweichen. Kommt hinzu, dass sich erst im Ernstfall zeigen wird, was die Mittel tatsächlich taugen: «Es ist unbekannt, welchen Stellenwert die medikamentöse Behandlung im Rahmen einer Pandemie haben wird», sagt Professor Ulrich Heininger vom Universitätskinderspital beider Basel.

Noch schwieriger ist es, Säuglinge zu schützen. Für Kinder, die noch nicht einjährig sind, ist gar kein Medikament zugelassen. «Hier liegt der Schwerpunkt auf der generellen Vermeidung der Weiterverbreitung durch konsequente Isolation von Erkrankten», erklärt der Infektiologe Ulrich Heininger.

Jetzt verhandelt der Bund mit Roche, damit das Pulver für Kinder rasch in Kapseln umgewandelt werden kann. «Rasch» heisst konkret: Es wird noch mehrere Tage oder Wochen dauern, bis im Pflichtlager auch für Kinder Kapseln vorrätig sind.

Anzeige:

© Beobachter Online 30. Apr 2009 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh