Erektionsstörungen Gelassenheit steht jedem Mann

Erektile Dysfunktion: Im Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, unter Erektionsstörungen zu leiden.
Erektile Dysfunktion: Im Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, unter Erektionsstörungen zu leiden.

Erektionsstörungen erschüttern das Selbstverständnis vieler älterer Männer. Dabei ist es auch mit über 50 möglich, die Liebe zu geniessen.

Die aufregenden und stark hormon­gesteuerten Pubertäts- und Zwanziger­jahre sind in der zweiten Lebenshälfte nur noch eine ferne Erinnerung – ab 50 geht der Mann manches ruhiger an. Und oft nimmt bei Paaren nach und nach auch die Häufigkeit von Sex ab. Das passiert, weil der Partner nicht mehr so attraktiv ­erscheint wie zu Beginn der Beziehung. Oder weil beim Geschlechtsverkehr nicht mehr alles klappt wie früher.

Die sexuelle Lust und Hingabe hingegen kann bis ins hohe Alter erhalten bleiben. Denn Sexualität bleibt ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Wie immer der Mann sie lebt: als Single mit wechselnden Begegnungen, in einer hetero- oder homo­sexuellen Beziehung, mit einer 20 oder 30 Jahre jüngeren Geliebten oder im Erleben der ganz eigenen Sexualität mit sich selbst. Eine Studie aus Norwegen und den USA ergab, dass über 50-jährige Männer mit ihrem Sexualleben sogar zufriedener sind als 30- oder 40-jährige. Befragt wurden dabei allerdings nur Männer, die in einer Paarbeziehung lebten.

Mit zunehmenden Jahren kann der Mann in seinem sexuellen Erleben von der steigenden Erfahrung und etwas mehr Gelassenheit im Vergleich zu früher profitieren. Wenn dann eines Tages eine sexuelle ­Störung auftaucht, sind Männer vielfach überrascht, weil sie sich dazu bis dahin kaum Gedanken machen mussten. Dazu trägt auch bei, dass Erektionsstörungen in unserer Leistungsgesellschaft nach wie vor ein tabuisiertes Thema sind.

Dabei setzt der Prozess, bei dem die se­xuelle Leistungsfähigkeit langsam abnimmt, schon viel früher im Leben ein. Auf dem Zenit seiner Libido befindet sich der Mann Mitte 20. «Bei Jüngeren wird die Sexualität von einer Art Autopilot gesteuert. Ab 50 funktioniert dieser weniger gut. Der Prozess geht schleichend vor sich», erklärt Esther Elisabeth Schütz, klinische Sexologin und Leiterin des Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapie Uster. Ihre Beratungen basieren auf dem sexualwissenschaftlichen Modell «Sexocorporel», das vom kanadischen Sexologie­professor Jean-Yves Desjardins entwickelt wurde und die Sexualität ganzheitlich betrachtet. «Die Potenz ist unabhängig vom Alter ein ganz zentrales Thema für den Mann, weil sie an seine Identität gekoppelt ist», sagt Schütz. «Männer, die wegen Erektionsproblemen in die Beratung kommen, erklären oft, sie fühlten sich nicht mehr richtig als Mann.»

Zwar ist Sexualität etwas sehr Individuel­les, aber grundsätzlich steigt der Anteil der Männer mit einer Erektionsstörung, im Fachjargon «erektile Dysfunktion» genannt, mit dem Alter. Zu den körperlichen Veränderungen bei Männern ab 50 gehören gemäss Alexander Müller, Facharzt für Urologie am Unispital Zürich, eine Abnahme der Erektionsdauer und der Erektionsstärke sowie eine Verlängerung der Erholungszeit nach einer Ejakulation.

Gemäss einer deutschen Studie leiden in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen nur 2,3 Prozent an Erektionsstörungen. Bei den 50- bis 59-jährigen Männern sind es bereits 16 und bei den 70- bis 79-jährigen Männern 54 Prozent. Gleichzeitig geben 89 Prozent der 50- bis 59-Jährigen an, sie seien sexuell aktiv. Bei den 70- bis 79-Jährigen sind es immerhin noch 71 Prozent. Unter der sexuellen Aktivität sind Geschlechtsverkehr und Masturbation zusammengefasst. «Der Anteil der Zufriedenheit mit dem Sexualleben wird in allen Altersstufen etwa gleich angegeben. Die Werte sind im Bereich von 30 bis 40 Prozent», erläutert Urologe Müller.

Gefahr von Abwärtsspirale

Je nach Stellenwert der Sexualität ist der Leidensdruck der von Erektionsstörungen betroffenen Männer sehr individuell. Im schlimmsten Fall kann er zu einer regelrechten Abwärtsspirale führen, bei der auch die Erwartungshaltung und der Leistungsdruck, der in solchen Situationen oft entsteht, eine grosse Rolle spielen. Alexander Müller weiss aus seiner Praxis: «Wiederholte Erektionsprobleme können zu Scham- und Demütigungsgefühlen, Spannungen in der Partnerschaft, Rückzug von der Partnerin, Leistungs- und Konzentrationsschwäche führen.» In gravierenderen Fällen folgen aufgrund des entstandenen reduzierten Selbstwertgefühls gesellschaftlicher Rückzug, Isolation oder sogar Depressionen.

Umso wichtiger ist es, in einer Paar­beziehung über die Schwierigkeiten zu sprechen und sich bei Bedarf fachliche Hilfe zu holen. Denn eine sexuelle Störung bedeutet nicht, dass man auf ein erfülltes Sexleben verzichten muss. Erste Anlaufstelle und Kontaktpersonen können der Hausarzt, der Urologe, der ­Sexologe oder eine psychologische Fachperson sein. Wie Alexander Müller ausführt, ist die Reduk­tion der erwähnten Risikofaktoren ein wichtiger Schritt. «Meistens ist jedoch keine direkte kausale Therapie der erektilen Dysfunk­tion möglich. Dies sollte man dem Pa­tienten auch so mitteilen.»

Für Urologe Müller steht eine symptom­orientierte Herangehensweise im Vordergrund. Grundsätzlich gelte es als Erstes, individuelle Risikofaktoren zu reduzieren. Zusätzlich können dann rezeptpflichtige Potenzpillen angeboten werden. Diese sollten aber nur von einem Arzt verschrieben werden, der genaue Instruktionen zur Einnahme und zu Nebenwirkungen geben kann. Zuerst prüft der Arzt, ob das Arzneimittel beim Patien­ten aus medizinischer Sicht überhaupt angewendet werden kann oder ob es eventuell ein gesundheitliches Risiko darstellt. Beispielsweise bei gleichzeitiger Einnahme von Nitraten, einem speziellen Medikament zur Blutdrucksenkung, oder einem Nitrospray bei Angina Pectoris.

Es ist dringend davon abzuraten, potenzsteigernde Medikamente – etwa aus falscher Scham – illegal übers Internet aus dem Ausland zu bestellen. Die Arzneimittel könnten gefälscht sein oder gesundheitsgefährdende Substanzen enthalten. Potenzpillen mögen für viele ein Segen sein, Wundermittel, die auf Knopfdruck die Lust auslösen, sind sie nicht. Allen diesen Medikamenten ist laut Esther Elisabeth Schütz gemein, dass sie den Reflex, der das Blut einschiessen lässt, nicht auslösen: «Der Mann benötigt immer Quellen, dank denen er den Erregungsreflex beeinflussen kann. Dies sind in erster ­Linie Berührungen und visuelle Reize, ­Bilder oder sexuelle Phantasien.» Die Möglichkeit die Erektionsfähigkeit zu beeinflussen, hat viel mit der Art und Weise zu tun, wie Männer in der Selbstbefriedigung gelernt haben ihre Muskeln im Beckenbereich zu spannen. In jungen Jahren hätten viele Männer gelernt, die hohe Spannung für die Erregungssteigerung zu nutzen und diese mit kurzen, schnellen Bewegungen zu erhöhen. In den ersten 40 Jahren funktioniere das ganz gut, doch wenn sie älter seien, gehe es auf diese Weise nicht mehr wie gewohnt.

Die meisten Männer hätten beim Onanieren zwar keine Probleme mit der Erektion. Schütz: «Wenn sie aber mit ihrer Partnerin schlafen, funktioniert es nicht mehr, obwohl viele dieser Männer ihre Frauen immer noch durchaus attraktiv finden.»

In der Sexualtherapie gehe es auch darum, zu zeigen, wie ein Mann auf körperlicher Ebene die Art und ­Weise verändern könne, damit die Erektionsfähigkeit erhalten bliebe, sagt die Sexualtherapeutin. Das sexuelle Lernen sei vergleichbar mit dem gemeinsamen Musizieren: Man kann sich gegenseitig inspirieren, aber in einem Duett bringt ­jeder mit, was er auf seinem Instrument geübt hat. «Insbesondere im letzten Drittel des Akts, in der hohen sexuellen Erregung, funktionieren Männer und Frauen auf der Körperebene entsprechend dem, was sie in der Selbstbefriedigung gelernt haben.»

Männer hätten in der Sexualtherapie die Möglichkeit, im Gespräch und über Körperübungen zu lernen, wie sie ihre sexuelle Erregung mit weniger körperlicher Spannung steigern können. «Mit der richtigen Atmung und Beckenbewegung kann der Mann seine Erektion steuern und ­stärken, und es wird eine neue Qualität der Sinnesempfindung möglich», macht Schütz den Betroffenen Mut.

So kommt neuer Schwung in die Beziehung

Bei vielen Paaren in der zweiten Lebenshälfte hat der reine Sexualakt nicht mehr den gleichen Stellenwert wie in ganz jungen Jahren. Trotzdem suchen viele Paare nach langen Jahren des ­Zusammenlebens nach Wegen, das Sexleben ­lebendig zu erhalten und die Lust wieder zu beflügeln. Beispielsweise indem man sich über seine Wünsche austauscht. Nicht alle Männer und Frauen können oder wollen über Sexualität sprechen. Paartherapeut Klaus Heer ist jedoch der Meinung, dass eine stumme Sexualität ­verkümmert, wie er im Buch «Klaus Heer, was ist guter Sex?» feststellt: «Ich bin so gut wie sicher, dass man Sexualität nicht über längere Zeit am Leben erhalten kann, wenn man stumm ist und sich nicht austauscht.»

Belebend kann es zudem wirken, wenn man die Partnerin oder den Partner auch mal überrascht. «In längerfristigen Beziehungen geschieht es manchmal, dass schöne Männer im Anzug nach Hause kommen und gleich den Trainingsanzug anziehen», sagt die Sexologin Esther Elisabeth Schütz. Eine ­Überraschung wäre es, sich für die Partnerin noch einmal richtig umzuziehen. Als «Erotik­killer» bezeichnet die Sexualtherapeutin zudem eine Beziehung, in der beide alles von­einander wissen und man sich nicht genug Raum für das Eigene nimmt. So ist es nicht mehr ­möglich, sich das Gegenüber zu erträumen.

Eine gelingende erotische Beziehung bedingt eine gewisse Sehnsucht nacheinander. Das ­spüren Paare, wenn einer der beiden für ein paar ­Tage verreist. «Es ist für die Liebesbeziehung wertvoll, den Traum des Partners oder der Partnerin, den man am Anfang hatte, zu bewahren», so Schütz. Eine lebendige Partnerschaft hat für Schütz auch damit zu tun, den eigenen Körper schön und attraktiv zu finden und ihn dem anderen zu zeigen. «Wenn man sich die Neugierde auf den eigenen Körper bewahrt, weckt dies auch die Neugierde auf den anderen im Liebesspiel.» Denn auch nach vielen Jahren ist es möglich, den eigenen und den anderen Körper wieder neu zu entdecken. Dazu sind nicht einmal unbedingt Wellnessferien notwendig, die Entdeckungsreise kann auch daheim stattfinden.

Wie die Sexualtherapeutin erklärt, haben manche Paare die Vorstellung, dass sie wilden Sex an einem speziellen Ort haben müssten. Das sei unnötig. Schütz weiss, dass viele Paare ihre Rituale installiert haben. Innerhalb dieser Rituale ist es möglich, kleine Veränderungen einzu­bauen, neue Berührungen auszuprobieren oder auf andere Körperteile zu fokussieren als üblich. «Es führen kleine Schritte zur Realisierung lustvoller Träume. Es ist für mich jeweils berührend, wenn ein langjähriges Paar im Alter von 55 oder 65 Jahren nach einer Beratung zu mir kommt und berichtet, wie sich die beiden ­gegenseitig wieder entdecken und sie ihre ­sexuelle Beziehung noch einmal neu gestalten.»

Gründe für Erektionsprobleme

Weil Sexualität nicht nur eine rein ­körperliche Angelegenheit ist, sondern auch psychische Faktoren eine grosse Rolle spielen, sind die Ursachen von Erektionsstörungen vielfältig. «Grund­sätzlich sind in zwei Dritteln der Fälle bei Männern über 50 Jahre organische Ursachen der Grund für ­eine Erektionsstörung», sagt der Urologe Alexander Müller. «Man darf aber eigentlich immer von einer Mischform ausgehen, da auch eine organische Ursache einer Erek­tionsstörung eine psychische Komponente der ‹Versagerangst› mitbedingen kann.»

Die häufigsten rein körperlichen Ursachen sind Herzgefässerkrankungen und Diabetes mellitus, die die Hälfte ­aller physiologi­schen Gründe ausmachen. Auch hormonelle Störungen und Folgen von ­Bestrahlungen und Operationen im Beckenbereich, wie sie ­beispielsweise zur Behandlung von Prostata­krebs eingesetzt werden, können zu einer Erektionsstörung beitragen.

Wie Urologe Müller erklärt, haben Herzgefässerkrankungen und Erektions­störungen gemeinsame Risikofaktoren, die im Alter vermehrt auftreten. «Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, ­Depressionen, eine Unterfunktion der Hoden und erhöhtes Cholesterin.» Weitere Gründe für Erektionsstörungen können die Einnahme von Medikamenten, Nikotin, Alkohol oder Drogen sein. Leistungsdruck, Stress und Angst können ebenfalls der Erektions­fähigkeit entgegenwirken.

Weitere Infos

Professor Jean-Yves Desjardins entwickelte das Modell «Sexocorporel» - mit dem auch E.E.Schütz arbeitet - am Département de ­Sexologie de l’Université du Québec in ­Montreal, der weltweit einzigen sexologischen Fakultät, die er 1968 gemeinsam mit Professor Claude Crépault gründete. Auf der Basis von klinischen Beobachtungen und wissenschaftlichen Untersuchungen erarbeitete er bis 1988 ein Modell sexueller Entwicklung und Funktionalität, das er seither in Zusammenarbeit mit Sexologinnen und Sexologen aufgrund neuer sexualwissenschaftlicher Erkenntnisse erweiterte. Basis des Sexocorporel-Konzepts ist die Unterscheidung der mentalen und sexuellen Gesundheit. Dieses Modell erlaubt eine ­sexo­logische Evaluation ­aller Komponenten, die in der menschlichen Sexualentwicklung ­zusammenspielen.

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  • Susanne Wagner
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