Suchtprobleme

Ignoranz ist Gift für die Betroffenen

Text:
  • Fabrice Müller
Bild:
  • Jupiterimages Stock-Kollektion
Ausgabe:
6/04

Alkohol, Medikamente, Kokain: Bis zu zehn Prozent der Erwerbstätigen funktionieren im Berufsleben nur mit Suchtmitteln. Kollegen und Vorgesetzte können helfen.

Ignoranz ist Gift für die Betroffenen

Als junge Frau wollte Caroline Reber (Name geändert) eine kaufmännische Ausbildung absolvieren. Doch ihre Stiefeltern hatten andere Pläne: Sie führten ein Restaurant, wo die damals 18-Jährige servieren musste. Reber blieb der Gastronomie zwangsläufig treu, arbeitete jahrelang in Bars und Restaurants. «Ich war bei der Arbeit nie geschützt vor dem Alkohol», sagt die heute 52-Jährige. So schien es völlig normal, dass sie abends regelmässig zu tief ins Glas schaute und entsprechend beschwipst war.

Daran änderte sich auch nichts, als Reber die Branche wechselte. Ihr Alkoholproblem musste sie auch später nicht verheimlichen, als sie für ein kleines Pharmaunternehmen arbeitete. «Dort wurde ebenfalls viel getrunken, vor allem an Apéros. Mein Chef war selber Alkoholiker.»

Alkohol und Drogen in Büros und Werkstätten sind in der Schweiz kein Randgruppenproblem. «Fünf bis zehn Prozent der Erwerbstätigen haben mit Suchtproblemen zu kämpfen, insbesondere mit Alkoholismus», sagt der Organisationspsychologe Urs Tschanz.

Schätzungen zufolge haben hierzulande 300'000 Menschen schwerwiegende Probleme mit Alkohol, quer durch alle Bildungsniveaus und sozialen Schichten. Daneben konsumieren rund 80'000 Beschäftigte Cannabis, etwa 70'000 sind medikamentensüchtig, und 30'000 nehmen Heroin oder Kokain. Tendenz steigend, denn das Problem hat sich in den letzten Jahren verschärft: «Eine Folge der zunehmenden Verunsicherung in der Arbeitswelt und der Gesellschaft», so Sergio Thanei, Berater bei der Stiftung Berner Gesundheit und seit 1986 im Bereich der Suchtprävention tätig. «Die Leute versuchen, ihre Probleme mit Suchtmitteln zu lösen.»

Allfällige Indizien ernst nehmen
Bestimmte Faktoren tragen dazu bei, dass der Griff zu den heimlichen Begleitern in der Pultschublade zur Gewohnheit wird. «Häufig betroffen sind Schichtarbeiter oder Aussendienstangestellte, weil sie ohne soziale Kontrolle arbeiten», erklärt Regula Rickenbacher, Leiterin der Fachstelle für Suchtberatung und Prävention Aarau und Umgebung. Weiter können monotone Arbeiten, bei denen keine hohe Konzentration nötig ist, geringe Wertschätzung von Seiten der Kollegen und Vorgesetzten sowie Lärm, Staub und schlechte Luft zum Konsum von Alkohol und Drogen führen. Und: «Immer mehr Menschen schlucken auch Medikamente und Aufputschmittel, um die geforderten Leistungen im Betrieb erbringen zu können», so Rickenbacher.

Angesichts dieser Entwicklung erstaunt es nicht, dass sich «die Arbeitgeber zunehmend sensibel für dieses Thema zeigen», wie Regula Rickenbacher sagt. Vermehrt melden sich Firmen bei ihr, die Informationen verlangen oder gleich eine gezielte Beratung wünschen.

Bevor es jedoch dazu kommen kann, müssen Vorgesetzte oder Arbeitskollegen die Sucht der oder des Betroffenen erst einmal «dingfest» machen. Am Anfang stehen Indizien wie Fehlzeiten, Leistungsschwankungen, Unzuverlässigkeit, Nervosität und Reizbarkeit, vernachlässigte Körperpflege, Händezittern, Schweissausbrüche sowie Versuche, eine Alkoholfahne mit Pfefferminz zu tarnen. Bei einer Häufung solcher Beobachtungen trügt das Gefühl selten: Nach der Erfahrung des Präventionsspezialisten Sergio Thanei erweisen sich entsprechende Vermutungen in 90 Prozent der Fälle als richtig.

Dennoch braucht es Mut, jemanden konkret auf ein mögliches Suchtproblem anzusprechen (siehe unten: «Verhaltenstipps»). Kolleginnen und Kollegen, die diesen Schritt wagen, riskieren, sich bei den Betroffenen unbeliebt zu machen und als Verräter dazustehen. «Dabei hat das nichts mit Verrat zu tun, sondern mit Solidarität und Engagement», betont Thanei.

 

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Oft drücken Chefs beide Augen zu
Grundsätzlich sei es Aufgabe der Chefs, sich um dieses Thema zu kümmern. «Bevor ein Vorgesetzter das Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeiter sucht, muss er Fakten zum Arbeits- und Sozialverhalten sammeln, die für eine mögliche Sucht sprechen. Dabei ist es wichtig, dass nicht die Sucht angesprochen wird, sondern die damit verbundenen betrieblichen Beobachtungen», so Sergio Thanei. Tabu seien im Gespräch Sätze wie: «Es hat sich herumgesprochen, dass Sie Alkoholprobleme haben.» Besser: «Ob Sie ein Alkoholproblem haben, können Sie selber am besten beurteilen. Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen, wie folgende Fehlverhaltensweisen abgestellt werden können.»

Unstimmigkeiten sollten idealerweise möglichst früh angesprochen werden. Doch oft drücken die Vorgesetzten zu lange beide Augen zu. Regula Rickenbacher stellt typische Ablaufphasen fest: «Kollegen und Vorgesetzte, die bei einem Mitarbeiter eine Sucht vermuten, bagatellisieren zuerst ihre Beobachtungen. Doch das Problem lässt sich nicht vom Tisch wischen. So spricht der Vorgesetzte eine erste, meist aber leere Drohung aus. Dann beginnt die Zeit der heimlichen Kontrollen zu Fehlzeiten, Unpünktlichkeit und so weiter. In der letzten Phase werden dann Kündigungsgründe gesammelt und höhere Vorgesetzte eingeschaltet. Erst jetzt kommt es zu konkreten Massnahmen zur Behebung des Problems.»

Ist man einmal so weit, sollten Fachpersonen von Suchtberatungsstellen beigezogen werden, um die richtige Mischung aus Druck und Unterstützung zu finden (siehe «Links zum Artikel»). Dabei ist die klare Konfrontation nichts, wovor man sich scheuen sollte. Rickenbacher: «Die abhängigen Personen sind oft froh, wenn von aussen her Druck gemacht wird. Nur so wird der Ausstieg endlich konkret.»

Erst Haftstrafe führte zum Umdenken
Das kann Caroline Reber bestätigen. Erst nachdem ihr zum vierten Mal der Führerausweis abgenommen worden war und sie elf Monate im Gefängnis gesessen hatte – sie hatte nach einem Unfall Fahrerflucht begangen –, entschloss sie sich, ihr Alkoholproblem endlich anzugehen. Es folgten der Entzug und die stationäre Behandlung in einer Klinik, dann ein halbes Jahr betreutes Wohnen. Caroline Reber absolvierte die Handelsschule und arbeitet heute als Gruppenleiterin in einem Callcenter.

Über ihre Vergangenheit spricht sie mit ihren Arbeitskollegen nicht. Äusserlich seien die Alkoholeskapaden spurlos an ihr vorbeigegangen. Selbst viele Freunde und Bekannte wussten nichts von ihrer Trinksucht. Sie selbst aber weiss heute, dass sie über den Berg ist.

Weitere Infos
Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme: www.sfa-ispa.ch

Beratungsstellen in der ganzen Schweiz: www.bag.admin.ch

Suchtmittel: Wirkung und Auswirkung


Alkohol
: Steigerung der Risikobereitschaft, verminderte Konzentrationsfähigkeit, eingeschränkte Wahrnehmung, Verhaltensauffälligkeiten, wachsende Unzuverlässigkeit

Medikamente: Müdigkeit, Gedächtnisstörungen, verminderte Leistungsfähigkeit

Cannabis: Müdigkeit, verminderte Konzentrationsfähigkeit, veränderte Sinneswahrnehmung

Am Beispiel der Alkoholproblematik hat die Suva einige konkrete Auswirkungen quantifiziert:

  • Ein Mitarbeiter mit Alkoholproblemen erbringt etwa 25 Prozent weniger Arbeitsleistung.
  • Etwa bei jedem fünften Arbeitsunfall ist Alkohol im Spiel.
  • Alkoholkranke sind 3,5-mal häufiger in Betriebsunfälle verwickelt, fehlen nach Unfällen 1,4-mal länger, halten die Arbeitszeit 16-mal häufiger nicht ein und sind 2,5-mal häufiger krank als andere.

 

Verhaltenstipps: Das können Sie tun


  • Konkrete Beobachtungen über betriebliche und soziale Verhaltensweisen des Mitarbeiters notieren, die auf eine Sucht hinweisen.
  • Die Betroffenen möglichst früh – und unter vier Augen – darauf ansprechen.
  • Die Betroffenen mit Fakten konfrontieren, nicht mit Vermutungen und Vorwürfen.
  • Im Gespräch Ich-Botschaften und keine Du-Botschaften senden.
  • Die Betroffenen sollen Stellung nehmen können.
  • Üben Sie als Vorgesetzte durchaus Druck auf die Person aus, machen Sie aber keine leeren Drohungen.
  • Laien sind keine Therapeuten: Holen Sie Hilfe bei Suchtberatungsstellen.

© Beobachter Ausgabe 6 vom 18. Mär 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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