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Vorhautverengung

Kleiner Prinz unterm Messer

Text:
  • Conny Schmid
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
4/11

Buben mit einer Vorhautverengung landen häufig im Operationssaal. Doch in den meisten Fällen wäre eine Beschneidung gar nicht nötig.

Bei einer echten Phimose verursacht das Wasserlassen Schmerzen.

Das Schnäbi unters Messer? Vorhautverengungen oder Phimosen, wie es in der Fachsprache heisst, sind weit verbreitet, ja sogar die Regel. «Alle Jungen kommen mit einer Phimose zur Welt. Es ist ganz normal, dass sich die Vorhaut in den ersten Lebensjahren nicht zurückziehen lässt», erklärt Rita Gobet, Urologin am Zürcher Kinderspital. Trotzdem erhält sie oft Besuch von kleinen Patienten und ihren besorgten Eltern. Fünf bis zehn Knaben untersucht die Spezialistin im Schnitt wöchentlich, um abzuklären, ob eine Beschneidung notwendig ist. Doch das ist sehr selten der Fall. Laut Schätzungen ist eine operative Entfernung der Vorhaut nur gerade in sieben von 10'000 Fällen nötig. In der Schweiz kommen jährlich etwa 4000 Knaben wegen Phimosen unters Messer. Experten sind der Ansicht, dass bis zu 90 Prozent dieser Operationen überflüssig sind. «Meistens reicht es, die Stelle unter ärztlicher Anleitung mit Kortisoncreme zu behandeln», sagt Gobet.

Nur wenn das nichts hilft, es zu Infektionen kommt, die Stelle am Penis rot ist, Eiter absondert und das Kind Schmerzen empfindet, ist eine Beschneidung meist unumgänglich. Auch wenn die Vorhaut bereits vernarbt ist, helfen Cremen in der Regel nicht mehr. Dann kann sich beim Ansatz der Vorhaut ein richtiger Schnürring bilden, der die ganze Eichel anschwellen lässt und auch beim Wasserlassen Schmerzen verursacht. Der Urinstrahl ist dann nur dünn, und die Vorhaut bläht sich ballonartig auf. Ärzte sprechen in diesem Fall von einer echten Phimose.

In allen anderen Fällen ist vor allem Geduld angesagt. «Keinesfalls sollten Eltern zu früh versuchen, die Vorhaut zurückzuziehen, etwa bei der Körperpflege. Dadurch können kleine Risse entstehen, die dann vernarben und eine echte Phimose erst provozieren», warnt Kinderchirurgin Gobet. Knaben entdecken ihr bestes Stück in der Regel im Alter von vier bis fünf Jahren und fangen dann ohnehin selber an, eifrig daran herumzuspielen. Die Vorhaut löst sich so meist ohne elterliches Zutun.

Selbst wenn die Vorhaut bis ins Schulalter mit dem Penis verklebt bleibt, ist das noch lange kein Grund zur Besorgnis. «Bei manchen Jungen geht es schneller, bei anderen dauert es eben etwas länger, das ist ganz normal», sagt Gobet. Die Vorhaut schützt die Eichel und erfüllt damit eine wichtige Funktion. Dass trotzdem viele Knaben unters Messer kommen, liegt daran, dass sich die relativ neue Behandlungsmethode mit Cremen noch nicht überall herumgesprochen hat. Teilweise bevorzugen auch die Eltern eine Beschneidung, weil es hygienischer ist. «In den USA werden Jungen nach der Geburt oft beschnitten», sagt Rita Gobet – obwohl die dortige Ärztegesellschaft von routinemässiger Beschneidung abrät. Studien wiesen auf ein vermindertes Risiko für Gebärmutterhalskrebs hin bei Frauen, die mit beschnittenen Männern schlafen. Auch die HIV-Übertragungsrate soll tiefer sein. «In der Schweiz herrscht aber die Meinung vor, eine Beschneidung sei möglichst zu vermeiden. Im Kinderspital in Zürich operieren wir ausschliesslich, wenn es medizinisch notwendig ist», sagt Gobet.

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Kleine Patienten: Ehrlichkeit, das A und O

Trifft das zu, so gilt es, den Sohnemann gut auf den Besuch im Krankenhaus vorzubereiten und ihm möglichst genau zu erklären, was ihn dort erwartet. Er soll verstehen, weshalb er operiert werden muss, was bei der Narkose passiert, was genau die Ärzte entfernen und wie sein bestes Stück danach aussehen wird. Der Penis kann sich nach der Operation rot-bläulich verfärben und noch ein wenig wehtun – darauf sollte der Kleine gefasst sein. «Ehrlichkeit ist das A und O. Je mehr ein Kind weiss, desto besser kann es mit der Situation umgehen», erklärt Ruth Müller, Präsidentin des Vereins Kind & Spital, der sich für die Rechte von Kindern im Spital einsetzt.

Wichtig ist auch, dem kleinen Patienten zu veranschaulichen, wie es im Krankenhaus generell zu und her geht, etwa dass die Leute im Operationssaal Mundschutz und Hauben tragen und mit ungewohnten Gegenständen hantieren. Helfen können bei all dem etwa ein Spielzeug-Arztkoffer – und Rollenspiele. Auch Kinderbücher sind eine gute Möglichkeit, dem Kleinen das Leben im Krankenhaus näherzubringen. Viele Spitäler kann man auch vorgängig besuchen, manche bieten spezielle Kindernachmittage an. «Wir empfehlen sehr, diese Gelegenheit zu nutzen», sagt Ruth Müller. Eltern sollten den Eingriff nicht verharmlosen – jede Operation kann Komplikationen verursachen. Eine Beschneidung ist allerdings ein relativ leichter Eingriff, der etwa 20 Minuten dauert und meist ambulant durchgeführt wird.

Buchtipps


  • Verein Kind & Spital: «Ich gehe ins Spital. Ein Schau.Mal.Buch»; 20 Seiten, 7 Franken plus Porto, zu be­ziehen bei Kind & Spital, Postfach 416, 5601 Lenzburg

  • Doris Rübel: «Zu Besuch beim Kinderarzt»; Verlag Ravensburger, 2008, 16 Seiten, Fr. 23.90

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© Beobachter Ausgabe 4 vom 17. Feb 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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