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Wohnen im Alter

Die Babyboomer müssen schauen, wo sie bleiben

Text:
  • Anouk Holthuizen
  • , Birthe Homann
  •  und Daniel Benz
Mitarbeit:
  • Andrea Elmer
Bild:
  • Andreas Eggenberger
Ausgabe:
25/07

Den Senioren graut vor nichts mehr, als den Lebensabend im Altersheim zu verbringen. Zwar sind innovative Wohnformen im Kommen, doch das Angebot reicht längst nicht aus, um die steigende Nachfrage zu decken.

Annemarie und Walter Urfer haben viele Länder gesehen, zuletzt bereisten sie Mittelamerika. Sie blickten von vielen Aussichtspunkten hinab, doch kein Weitblick kann es mit ihrem «Ausguck» in Schönenberg ZH aufnehmen. Viele Male sind sie in den letzten 30 Jahren die Treppe hinaufgestiegen und haben auf die Moränenlandschaft und den Zürichsee geschaut - bei Sonne, im Schein des Vollmonds oder unter einem Regenschirm.

In ihre persönliche Zukunft blicken Urfers hingegen mit gemischten Gefühlen. Beide sind 79-jährig und gesund. Dennoch müssen sie sich die Frage stellen: Wie werden wir wohnen, wenn wir nicht mehr so gut zu Fuss sind, wenn gar einer von uns pflegebedürftig wird? Welche Einschränkungen kommen auf uns zu? «Wir wissen es nicht, und das macht eine Planung so schwierig», sagt Walter Urfer. Am liebsten möchten sie in Schönenberg bleiben. Walter Urfer war aber auch von der privaten Seniorenresidenz Tertianum in Horgen positiv überrascht, die sich das Paar kürzlich angeschaut hat. Annemarie Urfer würde jedoch lieber in einem altersdurchmischten Wohnquartier leben. Klar ist einzig: Ein Altersheim kommt für beide nicht in Frage. «Diese Wohnform passt absolut nicht zu uns», so Walter Urfer.

Mit ihrem Gefühlswirrwarr stehen Urfers nicht allein da - das Altern ist kein vorhersehbarer Prozess und zudem ein höchst individueller. Doch es gibt Erfahrungswerte: Der Grossteil der älteren Menschen wird nie pflegebedürftig. Laut dem «Age Report 2004», den der Soziologe und Altersforscher François Höpflinger im Auftrag der Age Stiftung erstellt hat, um die Bedürfnisse betreffend Wohnen im Alter zu erfassen, leben in der Gruppe der 70- bis 79-Jährigen nur vier Prozent in einer Alters- und Pflegeeinrichtung. Bei den 80-Jährigen und Älteren ist es jeder Fünfte.

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Dank dem Ausbau von Dienstleistungen wie Spitex oder Mahlzeitenservice sowie dem medizinischen Fortschritt leben heute 91 Prozent der 70- bis 79-Jährigen und 74 Prozent der über 80-Jährigen in ihrem eigenen Haushalt. Seit den neunziger Jahren ist der Anteil Heimbewohner rückläufig, und der Heimeintritt erfolgt immer später, in der Regel erst bei stärkerer Pflegebedürftigkeit. Die klassischen Altersheime, vor 40, 50 Jahren fast flächendeckend übers Land erstellt, haben ausgedient.
Voraussicht tut not

Um die Wohnbedürfnisse der heutigen Seniorengeneration abzudecken, sind Alternativen gefragt - und zwar bald und zahlreich. Denn die Zahl der Personen, die altersgerechte Infrastrukturen benötigen, wird in naher Zukunft explosionsartig ansteigen. So prognostiziert das Bundesamt für Statistik, dass im Jahr 2050 rund 2,25 Millionen über 65-Jährige in der Schweiz leben werden, fast doppelt so viele wie 2004 (1,17 Millionen). Zuzuschreiben ist das dem Umstand, dass die sogenannten Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge, nun ins Pensionsalter kommen. Entsprechend wird die Nachfrage nach Dienst- und Pflegeleistungen steigen - dies umso mehr, als mit den sinkenden Kinderzahlen und der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen die innerfamiliäre Betreuung erodiert. Die Frage stellt sich: Ist die Schweiz überhaupt darauf vorbereitet?

Die Babyboomer kommen ins Seniorenalter

Die Grafik zeigt, wie viele in der Schweiz wohnhafte Personen zwischen 2000 und 2040 ihren 65. Geburtstag feiern und damit das ordentliche Pensionsalter (für Männer) erreichen. Im laufenden Jahr 2007 sind es 79'500 Personen - so viele wie noch nie. Gemäss den statistischen Prognosen steigt diese Zahl in den nächsten Jahren weiter an, um sich zwischen 2011 und 2018 auf jährlich rund 88'000 Neusenioren zu stabilisieren. Dann sorgt die nächste Babyboomer-Generation (Jahrgänge 1956 bis 1966) für ein weiteres starkes Wachstum. Der Höhepunkt ist im Jahr 2029 erreicht, wenn voraussichtlich 113400 Personen (Jahrgang 1964) 65-jährig werden. Ab 2040 pendelt sich die Zahl bei rund 95'000 Personen ein.

Grafik

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Quelle: Bundesamt für Statistik



«Nein», findet Felix Bohn, Leiter der Fachberatung für altersgerechtes Bauen in Zürich. Um die Autonomie älterer Menschen zu stärken, brauche es zuallererst mehr hindernisfreien Wohnraum. «Schwellen, schlecht geplante Treppenhäuser, enge Korridore - das alles wird mit zunehmendem Alter gefährlich und schränkt die Eigenständigkeit unnötig ein. Die Folgen von Unfällen im Alter sind häufig schwer und führen zu Abhängigkeit von Betreuung und Pflege.» Bohn plädiert für eine konsequent hindernisfreie Bauweise. Bauherren sollten bereits in der Planung einen Blick in die Zukunft werfen und sich - ebenso wie Hauskäufer - überlegen, ob ein Haus auch im Alter praktisch ist. Tatsache ist jedoch: «Ein 40-Jähriger tut das kaum.» Natürlich könnten Anpassungen auch nachträglich vorgenommen werden. Bohns Fachstelle motiviert Mieter, mit ihren Vermietern die Beseitigung von Gefahrenquellen zu besprechen, «doch manche Vermieter haben Angst vor einer Wertverminderung. Dabei ist das Gegenteil der Fall.»

Was heisst schon Alterswohnung?

Neubauten und öffentliche Gebäude müssten seit Einführung des Behindertengleichstellungsgesetzes im Jahr 2002 eigentlich ohnehin hindernisfrei sein. Das Problem: Für Begriffe wie «hindernisfrei», «altersgerecht» oder auch «Alterswohnung» fehlen exakte Definitionen. «Viele ‹Alterswohnungen› sind alles andere als hindernisfrei», so Felix Bohn. Auch Antonia Jann, Leiterin der Age Stiftung, stellt fest: «Der Markt spielt im Alterswohnungsangebot immer stärker. Bauherren lassen hindernisfreie Wohnungen bauen und vermieten sie dann teuer als ‹Alterswohnung› oder ‹Altersresidenz›.» Da es hierzulande keine Normen gibt, was als Alterswohnung bezeichnet werden darf und was nicht, sind die Mieter darauf angewiesen, die Angebote genau zu prüfen.

Quantitativ besteht viel Nachholbedarf an altersgerechtem Wohnraum, aber immerhin ist die Vielfalt der Modelle gestiegen (siehe Porträts). Die Zunahme der Auswahlmöglichkeiten im Wohnungsmarkt sowie im Angebot von Alterswohnprojekten sei begrüssenswert, so Jann. Ihre Stiftung hat 2006 drei Millionen Franken in 18 Projekte investiert: Gefördert wurden unter anderem Alterswohnungen, betreute Wohngemeinschaften, Hausgemeinschaften und Tagesstätten.

Bei der Planung von Wohnangeboten müsse auch berücksichtigt werden, dass es Angebote für verschiedene Kundensegmente brauche. Das heisst vor allem: nicht nur für Gutverdienende erschwinglich. Die wirtschaftliche Lage der älteren Menschen hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert, entsprechend ist die Zahl wohlhabender Rentner deutlich gestiegen. Am anderen Ende der Skala fällt aber auch fast ein Fünftel aller Seniorenhaushalte unter die von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe definierte Armutsgrenze. Für sie sind private Wohnresidenzen mit Monatspreisen von 9000 Franken schlicht unbezahlbar. Hinzu kommt, dass die Pflegekosten weiter stark ansteigen; Prognosen gehen von einer Verdoppelung auf jährlich 15 Milliarden Franken bis 2030 aus.

Wohnformen mit bedarfsgerechten Dienstleistungen für Leute mit kleinerem Budget gibt es wohl - aber angesichts der Masse der alternden Babyboomer viel zu wenige. Zudem gibt es deutliche regionale Unterschiede. Während Bewohner in städtischen Agglomerationen zwischen Wohngemeinschaften, Wohngenossenschaften und anderen innovativen Modellen wählen können, ist das in kleinen Dörfern die rare Ausnahme. «Hat eine Gemeinde ein Heim, möchte sie es füllen. Die Bereitschaft, alternative Wohnprojekte zu fördern, ist dann tendenziell kleiner», so Antonia Jann.

Tatsächlich tut sich die öffentliche Hand, der von Gesetzes wegen die Versorgungspflicht für Betagte zukommt, schwer mit den veränderten Anforderungen. Teilweise behelfen sich die Gemeinden damit, ihre in die Jahre gekommenen und ohnehin erneuerungsbedürftigen Altersheime in reine Pflegeeinrichtungen umzuwandeln. Das Zentrum «Im Spitz» in Kloten etwa, in den siebziger Jahren als Alters- und Pflegeheim gebaut, wurde 2004 umgestaltet, um dem Bedarf an Pflegeplätzen Rechnung zu tragen. Heute werden nur noch wenige Alterszimmer angeboten. Aus allen Räumen lässt sich jedoch ein Pflegezimmer machen, ohne dass ein Umzug nötig wäre.

Andere Kommunen müssen zu ihrem Glück gezwungen werden, wie der Fall Uitikon zeigt. Betreuungsbedürftige Bewohner der wohlhabenden Zürcher Vorortsgemeinde mussten bis 1999 ins regionale Alters- und Pflegeheim nach Urdorf ziehen. Der Gemeinderat stimmte zwar einem Altersleitbild zu, das auch Alters- und Pflegewohnungen im eigenen Dorf vorsah, allerdings mit einer Auflage: Private sollten die Finanzierung übernehmen, schliesslich subventioniere man bereits die Heimplätze in Urdorf. Nach längerem Hin und Her und der Bildung einer Genossenschaft stellte die Gemeinde Bauland zur Verfügung und kaufte Genossenschaftsanteile. Eine direkte finanzielle Beteiligung erfolgte aber erst, als das regionale Heim in Urdorf allen Anschlussgemeinden kündigte. Inzwischen hat die Genossenschaft «Im Spilhöfler» Beispielcharakter. «Viele Gemeinden überlegen sich, wie sie den Bedürfnissen älterer Leute entgegenkommen können», so die ehemalige Gemeinderätin und Genossenschaftspräsidentin Esther Siegenthaler. «Altersheime sind nicht mehr gefragt. Da Gemeinden zur Versorgung der älteren Generation verpflichtet sind, müssen sie neue Formen finden. Davon hatten auch wir zuerst wenig Ahnung.»

Dörfli-Denken wirkt als Bremsklotz

Ein entscheidendes Verbesserungspotential sieht der Verfasser des «Age Reports», François Höpflinger, in der besseren Vernetzung von Gemeinden und Kantonen - denn der heutige Dörfli-Föderalismus erweist sich als Bremsklotz. «Indem jede Gemeinde ihr eigenes Altersleitbild erarbeitet, geht viel Zeit verloren», sagt er. Auch eine Koordination des Angebots wäre wichtig: «Am einen Ort gibt es leere Betten im Pflegeheim, während andernorts Wartelisten bestehen. Ein Dorf bietet Teilzeitentlastung für Angehörige, dafür keine Alterswohnungen, während es in der Stadt alles gibt.» Für problematisch hält Höpflinger den Mangel an ambulantem Pflegepersonal, an stationären Entlastungseinrichtungen und an hindernisfreien Wohnungen - alles Mittel, die selbständiges Wohnen unterstützen.

Seine Hausaufgaben gemacht hat der Kanton Bern. Seit zwei Jahren definiert ein Altersleitbild neun Handlungsfelder, die im ganzen Kanton angegangen werden müssen, um die Selbständigkeit älterer Personen zu unterstützen - darunter Freiwilligenarbeit, ambulante Pflege, alternative Wohnmodelle und Entlastung Angehöriger. Das Ziel: Ältere Leute gehen möglichst spät oder gar nicht in ein Pflegeheim. Damit will der finanziell klamme Kanton Kosten sparen und den Menschen ein Altern in Würde ermöglichen. Die Bemühungen um eine aktive Alterspolitik gehören fest ins Pflichtenheft jeder Gemeinde; für die Umsetzung der entsprechenden Massnahmen sind diese dann selber zuständig. Zurzeit sucht der Kanton nach Lösungen, wie auch finanziell schlechter gestellten Leuten betreutes Wohnen ermöglicht werden kann.

Rita Schneider-Sliwa, Professorin für Humangeographie an der Universität Basel, rät dringend zu einer weiter gefassten Alterspolitik. «Die Gesellschaft konzentriert sich noch immer zu stark auf Pflegebedürftige. Hingegen wird der heterogenen Lebensweise der heutigen Senioren und dem Bedürfnis nach niederschwelligen Dienstleistungen, nach einer guten Infrastruktur und einem angepassten Wohnumfeld nicht genügend Rechnung getragen.» Dem Wunsch nach Eigenständigkeit müsse angesichts der demographischen Entwicklung viel mehr Gewicht in Politik und Gesellschaft gegeben werden.

Politik des Ruhestands

Auf Bundesebene ist indes keine Eile zu spüren. Der Bundesrat hat Ende August den Bericht «Strategie für eine schweizerische Alterspolitik» vorgelegt. Er setzt darin verstärkt auf die Ressourcen älterer Menschen und richtet den Blick über Rente und Langzeitpflege hinaus auf Wohnsituation und Mobilität, Arbeit und Übergang in den Ruhestand, wirtschaftliche Situation sowie Engagement und gesellschaftliche Partizipation. Über den weiteren Verlauf muss nun das Parlament entscheiden. Begriffe wie «Pflegefinanzierung» oder «Alterssparen» tauchen zwar immer wieder auf, doch konkrete Beschlüsse liegen in weiter Ferne. CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz, die sich verschiedentlich in alterspolitischen Belangen engagiert hat, hegt Zweifel an einer schnellen Umsetzung: «Die Stärkung der Autonomie älterer Leute nimmt leider keinen zentralen Platz auf der politischen Agenda ein.»


 

Genossenschaft Durachtal, Merishausen SH

Armin Kramer, 73: «Hier habe ich, was ich brauche.»

Armin Kramer, pensionierter Kleinmechaniker, verwitwet, zwei Töchter, vier Enkel. Kramer lebt seit vier Jahren in der Genossenschaft Durachtal, wo er eine Werkstatt für sich und die anderen Hausbewohner eingerichtet hat. Das Projekt für begleitetes Wohnen mit elf altersgerechten Wohneinheiten wurde gemeinsam von den beiden Schaffhauser Kleingemeinden Merishausen und Bargen initiiert und realisiert.

Portrait
Die Aussicht vom Balkon seiner Wohnung hat es Armin Kramer besonders angetan: weidende Kühe vor dem Dorf Merishausen, dahinter die Hügel des schaffhauserischen Randen. «Ich bin halt ein Landei», schmunzelt er. Aber nicht nur wegen der Umgebung fühlt sich Kramer in der Genossenschaft Durachtal wohl: «Hier habe ich, was ich brauche - jetzt, da ich noch fit bin, aber auch in Zukunft, wenns mir vielleicht nicht mehr so gut geht.»

© Beobachter Ausgabe 25 vom 05. Dez 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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