• Psychologieberatung

    Haben Sie psychische oder soziale Probleme?


    Koni Rohner
    Redaktion Beobachter
    Postfach 105
    8117 Fällanden

Alternde Eltern

«Ich muss ihr doch helfen!»

Text:
  • Koni Rohner
Bild:
  • Jupiterimages Stock-Kollektion
Ausgabe:
3/10

«Meine Beziehung zu meiner übermässig strengen Mutter war noch nie gut. Doch nun im Alter braucht sie meine Unterstützung.»

«Ich muss ihr doch helfen!»

Frage: «Eigentlich hatte ich es als Kind nie gut mit meiner Mutter. Sie hatte einen starken Kontrollzwang, und ich wurde oft geschlagen. Jetzt ist sie alt und braucht Unterstützung. Weil sie immer noch aggressiv ist, würde ich am liebsten den Kontakt abbrechen, aber als Tochter muss ich ihr doch helfen. Finden Sie nicht?»

Wer sagt denn, Sie müssten? Sagt das Ihre Mutter oder sagt es Ihr Gewissen? Auf alle Fälle steckt hinter dem «Müssen» ein Gefühl der Unfreiheit, das sich hinterfragen lässt. In unserer Kultur wird von uns grundsätzlich nicht mehr erwartet, dass wir alternde Eltern alleine tragen. Soziale Institutionen wie Altersheime, Pflegeheime und nicht zuletzt Pensionskassen und AHV übernehmen die lebensnotwendige Unterstützung der bejahrten Bevölkerung. Dennoch ist es wohl angemessen, sich um die eigenen Eltern zu kümmern, wenn sie einen brauchen. Aber das Ausmass dieser Leistungen variiert natürlich von Familie zu Familie und von Situation zu Situation.

Sich einsetzen, ohne unter Druck zu sein

Wenn man selber noch Kinder betreut und bei der Arbeit belastet ist, bleibt weniger Zeit für die ältere Generation, als wenn die Kinder ausgeflogen sind und man beruflich gefestigt ist. Natürlich spielt auch eine Rolle, ob man ein eher gespanntes oder ein eher liebevolles Verhältnis zu seinen Eltern hat. Konkret soll man prüfen, wie viel man an Zeit und Engagement für die Eltern einsetzen kann, ohne sich unter Druck zu fühlen. Man muss das Gefühl haben: «So stimmt es für mich!» Das soll man anbieten und nicht mehr. Für diese Bestandesaufnahme muss man allerdings frei von inneren Zwängen sein.

Die Psychotherapieschule der Transaktionsanalyse hat ein Seelenmodell entwickelt, das helfen kann, gerade solche Gefühlsknäuel zu entwirren. Ihr Schöpfer, der Amerikaner Eric Berne, unterscheidet drei Ich-Zustände: das Eltern-Ich, das Erwachsenen-Ich und das Kinder-Ich. Um es vorwegzunehmen: Die Entscheidung über das Engagement für die eigenen Eltern sollte im Erwachsenen-Ich gefällt werden. Dieses zeichnet sich vor allem durch sachliches, objektives und interessiertes Verhalten aus und ist somit das rational-logische Element unserer Persönlichkeit.

Das Eltern-Ich wird in den ersten fünf oder sechs Lebensjahren aufgebaut. Es ist die Aufzeichnung all unserer Normen, Regeln und Moralvorstellungen. Diese wurden hauptsächlich durch die erziehenden Eltern geprägt. Es ist eine Art Datenbank, die mit unreflektierten Anweisungen gefüllt ist, was man im Leben darf, nicht darf und was man muss. Das Kindheits-Ich schliesslich ist das Lebendige, Neugierige und Spontane in uns.

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Das Gleichgewicht machts aus

Für ein gelingendes Leben sollten die drei Bereiche in geeignetem Verhältnis zueinanderstehen. Dominiert das Kindheits-Ich zu sehr, wird man zum Taugenichts, der unangepasst immer wieder aneckt. Ist das Eltern-Ich zu stark, resultiert ein Mensch, der sich nichts traut und sich und andere zu sehr kontrolliert. Ein allzu dominierendes Erwachsenen-Ich schafft einen kühlen Theoretiker ohne Lebendigkeit.

Sind die drei aber im Gleichgewicht, sorgt das Kindheits-Ich für Kreativität und Energie, das Eltern-Ich gibt eine klare Linie vor, und das Erwachsenen-Ich sorgt dafür, dass einerseits die Spontaneität nicht überbordet und andererseits Seite Regeln, die nicht mehr zur Gegenwart passen, abgeändert oder über Bord geworfen werden.

Das «Helfenmüssen», von dem Sie sprechen, kommt wohl aus Ihrem Eltern-Ich, aus einer unreflektierten Vorschrift: «Man hat doch für seine Eltern da zu sein, wenn sie einen brauchen.» Ihr Kinder-Ich würde sich am liebsten frei machen und die Verantwortung abschütteln. Im Erwachsenen-Ich lässt sich ein realistischer Kompromiss finden zwischen dem, was man geben möchte, und dem, was man selber braucht und einem wichtig ist. Meist wird auch im Kinder-Ich, sogar bei einem gespannten Verhältnis, noch ein Stück spontaner Liebe vorhanden sein, das einem den richtigen Weg zeigen kann.

Buchtipp

Eric Berne: «Spiele der Erwachsenen»; Rowohlt, 2002, 320 Seiten, Fr. 18.90

© Beobachter Ausgabe 3 vom 04. Feb 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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