Depression
Die Kinder leiden mit
Um ihren Nachwuchs nicht zu belasten, verschweigen viele an Depression oder Schizophrenie leidende Eltern ihre Krankheit. Doch damit schüren sie die Angst und die Verunsicherung ihrer Kinder erst recht.
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Simone war 14 Jahre alt, als sie merkte, dass mit ihrer Mutter «irgendetwas nicht stimmt». Sie konnte keine Freundinnen mehr nach Hause bringen, weil die Mutter immer nervöser und unberechenbarer auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagierte. «Ich musste dauernd aufpassen, was ich sagte, sonst drohte Liebesentzug», erzählt die heute 27-Jährige.
Doch es kam noch schlimmer. Eines Nachts fand Simone ihre Mutter in der Küche, als sie sich die Pulsadern aufschneiden wollte. «Ich schrie nur noch und rannte zu meiner besten Freundin.» Simones Mutter wurde in die psychiatrische Klinik eingeliefert, wo eine schwere Depression diagnostiziert wurde.
Schuldgefühle bei den Kindern
In der Schweiz erleben jährlich rund 10'000 Kinder, wie ein Elternteil psychiatrisch behandelt werden muss. Studien zeigen, dass depressive oder schizophrene Elternteile ihren Kindern gegenüber weniger Interesse zeigen und kaum Energie haben, ihnen die nötige elterliche Unterstützung und Führung zu bieten.
Am meisten litt Simone darunter, dass sie nicht über die Krankheit ihrer Mutter informiert wurde. «Ich war verzweifelt. Ich wollte doch wissen, was mit meiner Mutter los war.»
Eltern liessen ihre Kinder oft im Ungewissen, weil sie Angst hätten, sie zusätzlich zu belasten, sagt Ronnie Gundelfinger, Arzt beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich. Die gut gemeinte Rücksichtnahme bewirkt aber meist das Gegenteil. Gundelfinger: «Wenn Kinder nicht wissen, worum es geht, malen sie sich die Krankheit in der Fantasie schlimmer aus, als sie tatsächlich ist.»
Zudem löst die Erkrankung eines Elternteils Verunsicherung und Angst aus. Die betroffenen Kinder fragen sich oft: «Ist die Mutter wegen mir krank? Muss ich Angst haben, dass mir etwas zustösst? Oder werde ich selber auch krank?»
Kinder von Schizophrenen stehen unter erhöhtem Stress und haben das zehnfache Risiko, ebenfalls zu erkranken. Gefährdet sind in erster Linie Kleinkinder, da sie Gefahr laufen, sich von der Ängstlichkeit ihrer depressiven Mutter anstecken zu lassen. Oder sie werden in das wahnhafte Erleben des psychotischen Elternteils einbezogen und machen diese Welt zu ihrer Realität.
Gesunde Bezugsperson suchen
Ältere Kinder wiederum neigen dazu, die «Elternrolle» zu übernehmen. Das kann so weit gehen, dass Kinder plötzlich den Haushalt führen, die jüngeren Geschwister und sogar den kranken Elternteil betreuen. Überforderung und schlechte Schulleistungen sind oft die Folge.
«Es gibt durchaus Eltern, die trotz psychischen Problemen in der Lage sind, gut für ihre Kinder zu sorgen», sagt die Sozialarbeiterin Andrea Raschle. «Die meisten dieser Kinder wachsen zwar in einer schwierigen Situation auf. Sie erkranken aber selber nicht und sind durchaus in der Lage, ihr Leben adäquat zu meistern.» Entscheidend sei, dass jemand da ist, der den erkrankten Elternteil ersetzt. Dies können der gesunde Elternteil, die Grosseltern oder Nachbarn übernehmen – wichtig ist, dass sich eine verlässliche erwachsene Bezugsperson um die Kinder kümmert.
Manchmal ist auch professionelle Hilfe nötig. In der Stadt Bern zum Beispiel werden seit zwei Jahren ambulante Gruppentherapien für Kinder angeboten. Ein ähnliches Hilfsangebot offeriert seit letztem Herbst auch der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst des Kantons Solothurn. In Gesprächsgruppen werden die Kinder altersgerecht über psychische Erkrankungen aufgeklärt und lernen, ihre Gefühle auszudrücken. «Wir arbeiten präventiv», sagt die Leiterin Inga Köster, «leider wird dies aber nicht von den Krankenkassen finanziert.»
Hilfe für Kinder und Jugendliche: Telefon 147
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© Beobachter Ausgabe 6 vom 21. Mär 2003 - Alle Rechte vorbehalten





