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Depressionen

«Depressiv? Ich? Niemals!»

Text:
  • Vera Sohmer
Bild:
  • Saskja Rosset
Ausgabe:
22/11

Wegen einer schweren Depression musste der heute 67-jährige Hans Jud aus Oberrieden ZH nicht nur 
seine Kaderposition in einer Bank aufgeben. Er verlor auch den Glauben an sich selbst.

«In dieser schlimmen Zeit war ich froh, dass sich kaum jemand bei mir meldete. Worüber 
hätten wir reden sollen?»: Hans Jud

Früher hatte ich für Menschen, denen es seelisch so schlecht ging, dass 
sie zu gar nichts mehr fähig waren, 
wenig Verständnis. Wenn die Sprache 
darauf kam, winkte ich ab und sagte: «Jaja, ein Fall fürs Burghölzli» – die psychiatrische Klinik in Zürich, in die jene eingeliefert werden, die zu labil sind, um im Leben zu bestehen. Was, bitte schön, hatte das mit mir zu tun? Ich war mit Vollgas im Leben, fühlte mich rundherum gesund. Und ich war auf dem Weg zu einer Beförderung.

Wäre alles glattgegangen, hätte ich ­weiter Karriere gemacht. Aber es lief nicht wunschgemäss. Die Überbelastung, das schlechte Arbeitsklima, Intrigen und Mobbing verunmöglichten meinen Erfolgsweg. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich brach im Geschäft zusammen. Zunächst dachte ich: «Sauber, jetzt hast du vor lauter Stress einen Herzinfarkt.»

Doch im Spital stellte man etwas anderes fest: Nervenzusammenbruch. Man ­legte mir nahe, mich zu erholen, mir Ruhe zu gönnen. Das schien plausibel. Auch meine Frau und meine Bekannten sagten: «Du warst halt überlastet, in zwei, drei ­Wochen bist du wieder auf dem Damm.»

Es wurde aber nicht besser. Ich fühlte mich erschöpft und niedergeschlagen. Der Vertrauensarzt ordnete an, «da noch etwas anderes abklären zu lassen». Später meinte er, ich solle zu einem Facharzt gehen, zu einem Psychiater, genau gesagt. Er werde untersuchen, ob ich an einer Depression leide. Das versetzte mir einen Schock. Ich? Depressiv? Niemals!

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Vom Burn-out in die Depression gerutscht

Doch gleichzeitig spürte ich auch den Druck: Mein Arbeitgeber wollte wissen, 
ob mit mir noch etwas anzufangen sei. Und ich stellte mir die Frage nach den Konsequenzen, wenn ich nicht hinginge. Würde ich sofort meinen Job verlieren? Wie sollte es dann weitergehen? Womit würde ich mein Geld verdienen? Ich fühlte mich ­unter Zugzwang, also willigte ich ein.

Die Diagnose lautete tatsächlich: Depression. Wie es so weit kommen konnte, wurde allerdings erst in späteren Thera­pien gründlich aufgearbeitet. Dort erst ­wurde klar, dass mich die belastende 
Si­tua­­­tion am Arbeitsplatz krank gemacht hatte. Ich konnte mit der Niederlage 
nicht umgehen und machte mir schwere Vorwürfe: Ich hatte das Gefühl, versagt 
zu haben, schuld zu sein am eigenen 
Versagen. Diese negativen Gedanken 
nahmen mit der Zeit ­immer mehr Raum ein. Ich war durch ein Burn-out in die 
Depression gerutscht.

Die Hoffnung aber, mit Hilfe dieses Psychiaters aus der Krise herauszufinden, schwand schnell. Die Chemie zwischen uns stimmte nicht. Es war für mich oft Horror, zu diesen Sitzungen gehen zu müssen. Ich ging hin mit dem Gefühl: «Wenn es doch bloss schon vorbei wäre!» Und fühlte mich schlecht, weil ich dachte: «Jetzt steckst du drin in dieser Mühle. Du giltst als psychisch krank, man verabreicht dir Psychopharmaka und ordnet dir eine Therapie bei einem Psychiater an, der dir gar nicht helfen kann.» Ich sah keinen Sinn in dieser Aktion. Und dass ich gesund 
werden würde, sah ich schon gar nicht.

Mein Zustand verschlechterte sich 
weiter. Tagsüber war ich allein zu Hause und ging nur noch selten raus. Ich hatte gar keine Kraft mehr, etwas zu unternehmen oder Freunde zu treffen. Eigentlich bin ich ja ein offener Mensch, gehe auf 
andere zu. In dieser schlimmen Zeit aber war ich froh, dass sich auch bei mir kaum noch jemand meldete. Denn wo­rüber 
hätte ich mit anderen sprechen sollen?

Ich nahm am Leben gar nicht mehr teil, las keine Zeitung mehr. Und konnte die schönen Dinge nicht mehr wahrnehmen. Die Wohnung mit Blick auf den Zürichsee? Was hatte das noch für eine Bedeutung! Mein ganzes System ging kaputt: Ich 
konnte kaum noch essen, verlor Gewicht. Die Verdauung lag lahm. Sex interessierte mich nicht mehr. Ich sah blass aus und elend und war total auf dem Hund. Zum Glück aber hatte ich nie Suizidgedanken.

Was mich fast in den Wahnsinn trieb, war, wenn ich mir etwas vornahm – es aber nicht schaffte. Wenn man etwas will, dann funktioniert es auch – das war bis anhin mein Lebensmotto. Jetzt konnte ich mir vornehmen: «Heute stehst du früh auf.» 
Es ging nicht. Manchmal lag ich den ganzen Tag im Bett. Oder brauchte Stunden, bis ich mich aufraffen konnte, um die paar Stufen zum Briefkasten hinunterzugehen. Das machte mir Angst, ich hatte Angst vor mir selber. Ich sagte mir: «Du warst immer ein pflichtbewusster Mensch. Heute bist du nicht mal mehr in der Lage, Brief­umschläge zu öffnen und Rechnungen zu ­begleichen. Wie soll das weitergehen?»

Einen Garantieschein gibt es nicht

Ich weiss nicht, was passiert wäre, hätte sich meine damalige Frau nicht auf die ­Suche nach einer geeigneten Therapie 
gemacht. In erster Linie ihr, nicht den 
Ärzten, habe ich es zu verdanken, dass ich doch noch in die richtigen Hände kam. Sie recherchierte und stiess auf einen Facharzt in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich – dem Burghölzli eben. Natürlich sträubte ich mich dagegen: Ich wollte nicht in die ­«Psycho-Klinik» eingeliefert werden. Nach dreitägiger Bedenkzeit aber entschied ich mich doch dafür. Es war die richtige Entscheidung.

Mir haben vor allem die Gesprächs­therapien viel gebracht. Sie liessen mich begreifen, wie ich in diesen Strudel gelangen konnte, und zeigten mir, was ich selbst tun kann, um nicht wieder hineinzuge­raten. Und sie halfen, Perspektiven zu 
entwickeln. Ich wurde vorzeitig in Rente geschickt, aber ich wollte nicht nur untätig daheimsitzen. Seit über zehn Jahren arbeite ich unter anderem als Friedensrichter.

Bei meiner Entlassung hiess es: «Einen Garantieschein können wir Ihnen nicht ausstellen, aber Sie haben gute Chancen, gesund zu bleiben.» Schwere Rückschläge habe ich seither keine mehr ­erlitten.

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