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Gesundheit

Wenn sich die Angst verselbständigt ...

Text:
  • Otto Hostettler
Bild:
  • Stock-Kollektion colourbox.com
Ausgabe:
19/09

... kann sie krankhaft werden, sagt der Psychologe und Hirnforscher Jürgen Margraf. Doch es gibt sehr gute Behandlungsmöglichkeiten.

Eine scharfe Grenze zwischen normaler und krankhafter Angst existiert nicht. Hinweise auf eine krankhafte Angststörung sind, wenn Menschen unter ihrer Angst leiden, ihre Angst nicht mehr kontrollieren können oder sich in ihrer Rolle eingeschränkt fühlen. Auf eine krankhafte Angst deuten auch Phobien, Angstzustände, Angststörungen, Zwangsstörungen oder posttraumatische Störungen hin. ­Dabei treten Gefühle auf wie Angst ohne reale Bedrohung, Angst mit körperlichen Symptomen (Engegefühl in der Brust, Herzklopfen, Herzrasen, Schwindel, weiche Knie, kalter Schweiss et cetera), ausgeprägte Erwartungsangst (Angst vor der Angst) oder das Meiden einer Tätigkeit oder eines Orts (siehe Checkliste unten).

«Krankhafte Angst kann man sehr gut behandeln, die Erfolgsaussichten liegen bei 70 bis 80 Prozent», sagt der Basler Universitätsprofessor Jürgen Margraf. Falsch oder gar nicht behandelt, führe krankhafte Angst zu Abhängigkeiten (Medikamente, Alkohol) oder Depressionen. Psychologe Margraf: «Angst ist die häufigste Form der psychischen Störung. Praktisch in jeder Familie findet sich eine betroffene Person.»

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Angststörungen sind keine Seltenheit

Meist machen sich Angststörungen schon in der Kindheit oder im Jugendalter bemerkbar, spätestens aber im frühen Erwachsenenalter. Fachleute gehen davon aus, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen irgendwann unter einer Angststörung leiden. Weniger als 50 Prozent der Fälle werden diagnostiziert, nur ein kleiner Teil davon wird behandelt. Oft schämen sich Patienten, über Angst zu sprechen.

Der Zürcher Josef Hättenschwiler, Grün­dungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression, sagt: «Viele Betroffene befürchten, als psychisch krank etikettiert zu werden.» Geschätzt wird, dass mindestens sechs Prozent der Schwei­zer Bevölkerung derzeit wegen Angst behandelt werden und eine weitere halbe Mil­lion Betroffener nicht diagnostiziert und damit unbehandelt bleibt.

Checkliste

Ist die Angst bei mir schon krankhaft?

Menschen, die selber regelmässig unter Angst leiden, aber unsicher sind, ob es sich um eine «normale» oder «krankhafte» Form handelt, empfiehlt der deutsche Angstforscher Borwin Bandelow, sich zu fragen, ob Folgendes auf sie zutrifft:

  • Ich denke mindestens 50 Prozent des Tages über meine Ängste nach.
  • Wegen meiner Ängste habe ich mein Leben völlig umgestellt, so dass ich viele Dinge nicht mehr tue, die ich gerne machen würde.
  • Wegen meiner Ängste trinke ich häufig zu viel Alkohol und nehme zu viele Beruhigungstabletten ein.
  • Meine ständigen Ängste führen dazu, dass ich depressiv und nieder­geschlagen bin.
  • Wegen meiner Ängste habe ich bereits Selbstmordgedanken gehabt.
  • Wegen meiner Ängste habe ich ernsthafte Schwierigkeiten im Beruf.
  • Wegen meiner Ängste habe ich Probleme in meiner Partnerschaft.

Falls mindestens einer der obigen Punkte auf Sie zutrifft, ist anzunehmen, dass Sie an einer behandlungsbedürftigen Angststörung leiden. Sie sollten das mit einem Arzt oder Psycho­logen besprechen (Anlaufstellen siehe unten).

Checkliste aus: «Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann» von Borwin Bandelow; Rowohlt-Verlag, 2008

Hintergrund: Formen von Angst

Beispiele von Krankheitsbildern aus dem Formenkreis der Angststörungen:

Panikattacke
Akuter, intensiver und zeitlich begrenzter Angstanfall. Kann bei allen Angststörungen auftreten.

Panikstörung
Wiederkehrende unerwartete, nicht durch äussere Umstände ausgelöste Panikattacke. 

Phobien
Lang andauernde Störungen, bei denen Angst durch eindeutige, ­eigentlich ungefährliche Situationen oder Objekte hervorgerufen wird.

Agoraphobie
Sie besteht nicht nur aus Angst vor weiten Plätzen (griechisch agora: Markt­platz), sondern vor allem aus Angst vor Situatio­nen ausserhalb der gewohnten Umgebung und bei wenig Möglichkeiten zur Flucht oder Hilfe von aussen (Menschen­mengen, Schlange stehen et cetera).

Soziale Phobie/soziale Angststörung
Die Furcht vor Situa­tionen, in denen man etwas sagen oder tun könnte, was demütigend oder peinlich ist. Es können alle psychi­schen, körperlichen und vegetativen Symptome der Angst auftreten, zum Beispiel beim Gedanken, in der Öffentlichkeit sprechen zu müssen.

Generalisierte Angststörungen
Sie entstehen im Gegensatz zu Phobien aus andauernder Angstsymptomatik, also quälenden Befürchtungen, die sich auf alles beziehen können.

Spezifische Phobien
Man unter­scheidet zwischen Tier-, Umwelt-, Verletzungs- und situativem Typus (Aus­löser: Spinnen, Blut, Lift und anderes). Sie gelten meist nicht als Krankheit.

Anlaufstellen

ZADZ: Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich, www.zadz.ch

ZAD Basel: Zentrum für affektive Krankheiten und Depression, www.upkbs.ch

Angst-Sprechstunde: Psychiatrische Poliklinik, Inselspital Bern, Telefon 031 632 88 11

APhS: Angst- und Panikhilfe Schweiz (Selbsthilfe­gruppen), Telefon 0848 801 109, www.aphs.ch

Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression: www.swissanxiety.ch, info@sgad.ch

© Beobachter Ausgabe 19 vom 17. Sep 2009 - Alle Rechte vorbehalten

  • Wovor haben Sie Angst?

    Sabrina Hungerbühler, Rennfahrerin:

    Ich habe vor fast nichts Angst. Es macht mir nichts aus, mit 300 Kilometern pro Stunde auf eine Kurve zuzufahren. Die grösste Angst ­habe ich vor dem Alleinsein. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich ein Einzelkind bin. Ich frage mich dann manchmal: Was wird wohl sein, wenn meine Eltern nicht mehr da sind? Diese Angst habe ich oft in stillen, ruhigen Momenten. Ich versuche in solchen Situa­tionen, die Angst zu verdrängen. Zum Glück bin ich oft unter Leuten, das lenkt mich ab.

     

    André Huber, Vertreter der Schweiz in Krisengebieten (früher in Kabul, heute im Kongo): ­

    Beruflich befinde ich mich oft in Gefahrengebieten. Am meisten Angst habe ich dabei jeweils ganz am Anfang. Dann, wenn alles noch unbekannt ist und ich nicht überblicke, welche Handlung welche Folgen haben könnte. Allerdings darf man auch nicht allzu selbstsicher werden, denn die Gefahren lauern meist dort, wo man sie nicht vermutet. Ich sammle möglichst viele Informationen über den jeweiligen Einsatzort im Voraus oder sobald ich angekommen bin. So versuche ich, das Gefahren­potential besser abzuschätzen, um besser damit umgehen zu können. Aber ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich immer.

     

    Susanne Siegenthaler, Militärpilotin:

    Es sind die Momente der Ohnmacht, die mir Angst einflössen. Ich habe vor dem Tod Angst, vor dem Moment des Sterbens. Ich frage mich oft: Was kommt nach dem Tod? Meine Ängste sind sehr persönlich, sie haben nichts mit meinem Beruf zu tun. Ich habe auch Angst, dass engsten Familienangehörigen etwas zustossen könnte. Die Trauer, das Weiter­leben ohne die Liebsten macht mir Angst. 

     

    Thierry Carrel, Herzchirurg:

    Darf ich als Chefarzt und Chirurg überhaupt Angst haben? Angst kann man nicht ein- oder ausschalten, jeder Mensch fürchtet sich ab und zu. In meiner Tätigkeit empfinde ich es allerdings mehr als Respekt vor der Sache. Und es geht schliesslich um eine Leistung, die man perfekt erbringen muss. Die Frage ist, ob man sich von der Angst lähmen oder antreiben lässt. Vielleicht muss ich als Herzchirurg mehr als andere die Fähigkeit und Stärke haben, der Angst mutig entgegenzutreten. Ich versuche, mir ständig bewusst zu sein, dass mir eine gewisse Portion Angst bei meiner Arbeit hilft, sie treibt mich an, Risiken und Chancen sehr gut abzuwägen. Wo ich Angst spüre, liegt für mich die Herausforderung, wie bei einem Bergsteiger in der Eigernordwand.

     

    Marianne Heimoz, ­Direktorin Anstalten Hindelbank (Vollzugsanstalt für Frauen):

    Angst als Grundhaltung ist mir fremd, ich habe ein stark ausgeprägtes Urvertrauen. Aber ich ­ken­ne Angstgefühle, allerdings nur punk­tuell und situationsbedingt, und zum Glück nur sehr selten. Diese Gefühle lassen sich in der Regel rasch mental bewältigen. In Situationen, die für andere oder mich kritisch sein könnten, bin ich vorsichtig und versu­che die Risiken abzuschätzen, diese wenn möglich mit geeigneten Massnahmen zu minimieren und erst nachher zu handeln.

     

    Francine Jordi, Sängerin:

    Angst ist ein normales und natürliches Gefühl, das absolut lebenswichtig ist: Es hält uns davon ab, in Situationen zu geraten, die eine Bedrohung für unser Wohlbefinden bedeuten und die wir nicht bewältigen können. Alle haben ein Recht auf Angst, und jeder Mensch geht damit ­anders um. Loslassen können ist mein Prinzip, das mir hilft, mit Angst umzugehen.

     

    David Dimitri, Seiltänzer:

    Ich habe Angst, wenn ich unsicher bin. Als ich vor 25 Jahren in Harlem in New York auf der Strasse von einer Bande überfallen wurde, hatte ich Angst. Natürlich wurde ich überfallen, ­gerade weil ich Angst hatte und dies auch ausstrahlte. Als Seiltänzer muss ich mich während jahrelangen Trainings nicht nur mit der Kunst des Balancierens vertraut machen, sondern diese Körper­beherr­schung auch so gut meistern, dass ich auch mitten auf einem Hochseil von 800 Metern Länge und in 100 Metern Höhe ­keine Angst bekomme. Bekäme ich auf einem solchen Spaziergang Angst, wäre ein Absturz programmiert. Das Rezept ­dagegen: Erfahrungen sammeln und ständiges Wiederholen der Übungen, ständiges Training.

     

    Ueli Steck, Extrembergsteiger:

    Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch, nur glaubt mir das niemand. Beim Klettern oder Bergsteigen ist Angst jedoch gefährlich, Respekt und Sorgfalt sind dafür sehr wichtig. Sie helfen mir, mich nicht zu überschätzen. Ich muss mir immer vorher überlegen, was ­alles schiefgehen kann. Was ist, wenn das Wetter plötzlich umschlägt, wenn mir das Essen ausgeht, wenn mir aus Versehen ein Handschuh ­hinunterfällt, wenn der Fuss wegrutscht? Deshalb muss ich mir über­legen, wie mein Körper zu reagieren hat, und versuchen, jede mögliche Situa­tion vorher im Detail zu trainieren.

     

    Alois Spiller, Richter (verurteilte den «Muo­tathaler Mörder» ­zu neun Monaten bedingt):

    Ich habe Angst, kleinere oder grössere Fehler zu machen (das geschieht häufig), die sich in der Folge nicht wiedergutmachen lassen (das geschieht selten). Ich übe mich stets darin, die Form zu op­timieren, begangene Fehler auszubügeln.

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