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Koni Rohner zum Altern

«Wird alles noch schlimmer?»

Text:
  • Koni Rohner
Bild:
  • Stock-Kollektion colourbox.com
Ausgabe:
12/10

«Alternde Leute brauchen ein eigentliches Verlustmanagement, um nicht niedergedrückt zu werden.»

Koni Rohner zum Altern: «Wird alles noch schlimmer?»

Fredi G.: «Mit erst 67 plagen mich schon allerlei Beschwerden. Kaum bin ich von einer Diskushernie halbwegs genesen, macht sich die Hüfte bemerkbar. Und im Blut hat die Ärztin Werte gefunden, die auf eine schlechte Nierenfunktion hindeuten. Ich darf gar nicht an die Zukunft denken. Was kommt da noch alles auf mich zu?»

Was auf einen zukommt, weiss in der Tat niemand. Darum ergibt es auch keinen Sinn, darüber nachzudenken. Sicher ist, dass wir alle am Ende sterben werden – und in der Regel nach einer mehr oder weniger quälenden Krankheit. Mutig, dass Sie die Situation nicht verdrängen oder überspielen, sondern der Tatsache ins Auge schauen, dass gesundheitliche Störungen zum Alter gehören. Achten Sie auf eine gesunde Lebensweise mit genug Bewegung und mässigem Essen und geniessen Sie alles, was Freude macht. Mehr können Sie nicht tun.

Der Umgang mit dem Alter ist in unse­rer Gesellschaft etwas einäugig. Normaler­weise überwiegen beschönigende und verharmlosende Bilder: «60 ist kein Alter» oder «Topfit bis ins Alter», so lauten die Schlagworte.

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Der Mensch muss lernen zu leiden

Die moderne Medizin hat unser Leben zwar massiv verlängert, aber sie konnte keine von Gebrechen und Krankheiten freie Gesellschaft schaffen. Die meisten von uns werden im Alter mit Leiden leben müssen. Für Sigmund Freud war seelische Gesundheit durch Arbeits- und Genuss­fähigkeit definiert. Im Alter brauchen wir auch Leidensfähigkeit, wenn wir uns nicht von Depression, Lebensüberdruss und Verbitterung unterkriegen lassen wollen.

Der amerikanische Entwicklungs­psychologe Erik Erikson hat allen Altersstufen eine zentrale Aufgabe zugewiesen. Im frühen Kindesalter geht es um den ­Erwerb eines stabilen Urvertrauens. Im ­Jugendalter steht die Identitätsfindung im Zentrum, im frühen Erwachsenenalter sind es Liebe und Intimität. In der Lebensmitte geht es darum, schöpferisch zu sein, im Beruf oder in der Familie. Dem Alter hat er die Begriffe Verzweiflung und Integrität zugeordnet. Wenn es gelingt, sein gelebtes Leben mit allen Glücksmomenten, aber auch Fehlern anzunehmen, und wenn man Krankheit und Tod nicht übermässig fürchtet, erlangt man das, was Erikson Weisheit nennt.

Wie aber kann man mit Leid umgehen, ohne zu verzweifeln? Es ist keine Frage, dass man im Alter neben körperlichen Schmerzen auch seelische erleiden muss. Man verliert nicht nur an Schönheit, Vitalität und Gesundheit – sondern man verliert auch immer mehr Menschen. Die Kinder sind ausgezogen, vielleicht sterben Freunde oder der Partner. Alternde Leute brauchen ein eigentliches Verlustmanagement, um davon nicht niedergedrückt zu werden.

Der Schmerz setzt auch Kräfte frei

Der österreichische Psychoanalytiker ­Viktor Frankl hat sich intensiv mit dem Umgang mit Leiden befasst. Er betont, dass wir Menschen zwar nicht frei sind von Bedingungen, wie zum Beispiel den Einschränkungen und Belastungen des ­Alters, aber frei in unserer Stellungnahme zu diesen Bedingungen. Wir brauchen uns von ihnen nicht unterkriegen zu lassen.

Der Motor dafür sei eine «Trotzmacht des Geistes». Das heisst, Leiden kann ­Kräfte frei machen. Paradoxerweise geht das über eine Annahme des Leidens: Wer sich nichts vormacht, sondern sich dem stellt, was ihn belastet, der kann sich ­gerade dadurch davon distanzieren. Das Leiden erfasst nun nicht mehr den ganzen Menschen mit Leib und Seele, sondern nur noch einen Teil. Ein Schüler Frankls, Alfried Längle, hat herausgearbeitet, dass uns gar nicht das Leid selbst leiden lässt, sondern vor allem die Tatsache, dass all diese Zerstörung von Geliebtem, all diese Verluste unfreiwillig geschehen. Auch daraus folgt: Je besser wir unser Leiden annehmen können, desto leichter ist es zu ertragen.

Tipps für «weises» Altern


  • Die Bedingungen des Alters aushalten und annehmen.
  • Beziehungen pflegen, wenn nötig aber auch loslassen und Verluste betrauern.
  • Sich selbst bleiben, sich mit sich selbst versöhnen.
  • Sich in einen grösseren Zusammenhang einordnen.
  • Auch immer wieder Ziele in der ­Zukunft anstreben.

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