Koni Rohner zu Schizophrenie

«Er fühlt sich ständig bedroht»

Text:
  • Koni Rohner
Ausgabe:
14/10

Margrit und Josef L.: «Unser Sohn hat sein Studium abgebrochen und ist immer eigenbrötlerischer und ­seltsamer geworden. Er nervt uns mit der Idee, eine geheime Organisation wolle unsere Bäckerei ruinieren, und verlangt, dass wir das Telefon nicht benutzen, weil es abgehört werde. Wie sollen wir uns verhalten?»

Koni Rohner zur Schizophrenie: «Er fühlt sich ständig bedroht»

Leider scheint Ihr Sohn von einer ernsten psychischen Störung betroffen zu sein. Sie gehört wohl in den Bereich der schizophrenieartigen Psychosen. Seine Ideen haben offensichtlich ­einen wahnhaften Charakter. Es hat also keinen Sinn, ihm seine Vorstellung ­aus­reden zu wollen. Er wird für keinerlei ­Argumente zugänglich sein. Anderseits ­dürfen Sie natürlich auch nicht mitspielen und zum Beispiel seine Anweisungen befolgen. Dies würde sein Wahnsystem nur noch festigen. Am besten drücken Sie also einerseits Ihr Mitgefühl dafür aus, dass er vor einer Organisation Angst haben und gegen deren Absicht Vorkehrungen treffen muss, sagen aber anderseits deutlich, dass Sie persönlich nicht an die Existenz einer solchen Bedrohung glauben.

Auf diplomatische Art und Weise können Sie ihm auch nahelegen, einen Psycho­logen oder Psychiater aufzusuchen, um über seine Ängste zu reden und sich allen­falls mit einem Medikament etwas Ruhe schenken zu lassen. Allerdings: Obwohl wir von aussen seine Befürchtungen als massive psychische Störungen wahr­nehmen, ist die Bedrohung für ihn Wirklichkeit, und er fühlt sich gesund. Gegen seinen Willen ist keine Behandlung möglich, ausser er würde sein eigenes Leben oder das einer anderen ­Person gefährden.

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Intelligenz leidet nicht

Schizophrene Erkrankungen gehören zu den schwersten psychischen Störungen. Der Name weckt allerdings falsche Vorstellungen. Es handelt sich dabei nicht um gespaltene Persönlichkeiten, die ­etwa bei Tage freundlich
und nachts Ungeheuer wären. Der Wortbestandteil «schizo» (griechisch: schízein = trennen) weist lediglich darauf hin, dass trotz unrealistischen Wahnideen die Intelligenz von der Krankheit nicht ­beeinträchtigt wird.

Schizophrene Erkrankungen sind gar nicht so selten. Einer von 100 Menschen erkrankt mindestens einmal im Leben ­daran. Man unterscheidet zwei Gruppen von Symptomen: Unter «positiven» Sym­ptomen versteht man Übersteigerun­gen des normalen Erlebens. Das Eindrücklichste sind Wahnvorstellungen: Der ­Betroffene sieht sich etwa als Weltenretter oder fühlt sich verfolgt. Oft hört er Stimmen. Andere Patienten haben das Gefühl, ihre Gedanken würden abgesaugt oder es würden ihnen Gedanken eingeimpft.

«Negative» Symptome sind Einschränkungen des normalen Erlebens: Tatendrang und Unternehmungslust versickern, das Denken wird eingeschränkt, die Gefühle flachen ab, Freude, Trauer, Wut, Stolz und Neugier gehen verloren. Auch Mimik und Gestik verarmen. Als Folge davon kommt es zu einem sozialen Rückzug und zu einer Vereinsamung der Betroffenen.

Oft ist ein Aufenthalt in der Klinik nötig

Bei der Frage nach der Ursache der Erkran­kung geht man heute von einem «Verletzlichkeits-Stress-Modell» aus. Eine besondere seelische Verletzlichkeit kann ererbt oder durch schwere negative frühkindliche Erfahrungen erworben werden. Treffen darauf nun Schicksalsschläge oder ganz allgemein seelischer Stress, kann eine schizophrene Episode ausbrechen. Von Schizophrenie spricht man in der inter­nationalen Klassifikation allerdings erst, wenn mehrere Schübe auftreten und die Störung einen chronischen Verlauf nimmt, was nur in der Hälfte aller Fälle geschieht.

Oft ist ein von einer medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung begleiteter Klinikaufent­halt nötig, der eine Entlastung von den Lebensaufgaben bringt. Ein verbessertes Stressmanagement kann dann helfen, einen erneuten Schub zu verhindern. ­Einige Betroffene werden aber auf langfristige medikamentöse Unterstützung angewiesen sein.

Kontakt

www.vask.ch: Dachverband der Vereinigungen der Angehörigen von ­Schizophreniekranken

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