Mutismus
Zu scheu für diese Welt
Daheim plaudern sie munter drauflos, aber in der Schule ist kein Wort mehr aus ihnen herauszubekommen: Kinder mit Mutismus verstummen, wenn sie ihre vertraute Umgebung verlassen müssen.
Die siebenjährige Anna spielt mit ihrer kleinen Schwester. Gekicher und Geschnatter dringen aus dem Kinderzimmer, und Anna scheint auszuprobieren, was ihre Stimme alles hergibt. Mal hört man von ihr kraftvolle Rufe, mal ein empörtes «Hey». Und immer wieder dieses Lachen in allen Tonlagen. Anna, die Stimmgewaltige.
Kaum zu glauben, dass dieses Mädchen früher keinen Ton herausbrachte, sobald eine fremde Person in der Nähe war. Anna sprach lange Zeit kein Wort, auch dann nicht, wenn sie von anderen Kindern oder Erwachsenen angesprochen wurde. Allenfalls ein Kopfnicken oder Kopfschütteln war ihr zu entlocken. Das Antworten übernahm meist Annas Mutter, Nicole Surer (Name geändert). Zwar war es ihr unangenehm, ständig als Sprachrohr zu fungieren. Doch sie ergriff das Wort, um ihr Kind zu schützen. Sie wollte vermeiden, dass es «blöd dasteht».
Dass hinter Annas Schweigen mehr steckte als Schüchternheit, wurde im Kindergarten offensichtlich. Und es war klar, dass das Mädchen nicht automatisch auftauen würde. So wie Anna reagieren viele mutistische Kinder, wenn sie zum ersten Mal ihr «Nest» verlassen müssen. «Die Kinder verstummen, weil sie das Fremde nicht überwinden», sagt Klaus Schmeck, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Uniklinik in Basel. Einen bestimmten Auslöser für das Verstummen gibt es nicht (siehe unten «Sprachlosigkeit: Eine Therapie kann helfen»). Die Mädchen und Buben können zwar sprechen, sie tun es aber nur mit vertrauten Menschen. Schon eine weniger vertraute Person kann den Redefluss zum Versiegen bringen. «Anna sprach eine Zeitlang nicht einmal mit ihrer Grossmutter», erzählt Nicole Surer. Bei mutistischen Kindern kann hinter der scheuen Fassade temperamentvolles oder oppositionelles Verhalten stecken, hat Schmeck beobachtet. Während sie gegenüber Fremden mucksmäuschenstill sind, toben sie sich in vertrauter Umgebung aus und reden ungehemmt drauflos.
In der Therapie ist Geduld geboten
In der Schweiz ist schätzungsweise eines von 1000 Kindern von Mutismus betroffen. Bei Mädchen kommt das Verstummen häufiger vor als bei Buben. Fachleute sind sich einig: Frühe Hilfe ist wichtig, um Folgen wie gestörte Kommunikation oder soziale Isolation zu vermeiden. Dabei ist Geduld gefragt. Bis den Kindern in Therapien ein erster Ton oder gar ein erstes Wort zu entlocken ist, können Monate vergehen. Die Therapien können sich bis zu zwei Jahre hinziehen. Auch Annas erstes gesprochenes Wort in der Therapiestelle für Redestörungen, einer Einrichtung des logopädischen Dienstes der Stadt Zürich, liess lange auf sich warten. Dass sie jedoch noch vor ihrer Einschulung ein paar Worte sprach, war ein grosser Erfolg.
Überhaupt macht Anna nach und nach Fortschritte. Im Schulunterricht antwortet sie heute, ohne zu zögern. «Sie meldet sich sogar selber», erzählt Nicole Surer. Gegenüber anderen Kindern ist das Mädchen jedoch nach wie vor zurückhaltend. Es beobachtet seine Spielkameraden lieber, als mitzumachen, und verständigt sich meistens ohne Worte. Zwar grenzen die anderen Mädchen und Buben Anna nicht aus. Sie rufen sie sogar an, um sich mit ihr zu verabreden. Aber dann muss die Mama vermitteln. Nicole Surer hegt die Hoffnung, dass auch ihre Anna mit der Zeit zum Telefonhörer greifen wird und andere Kinder zum Spielen einlädt: «Es wäre gut, wenn sie ein, zwei feste Freundinnen finden könnte.»
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Sprachlosigkeit: Eine Therapie kann helfen
Kinder mit elektivem Mutismus (auch selektiver Mutismus genannt) sprechen nur in bestimmten Situationen, in anderen bleiben sie stumm oder fast stumm. Das Verstummen hat nichts mit Sympathie oder Antipathie zu tun. Einen eindeutigen Auslöser für Mutismus gibt es nicht. Ursachen können sein:
- Schüchterne Eltern oder Familien, in denen sehr wenig gesprochen wird. Auch ein ängstliches Naturell oder eine verzögerte Sprachentwicklung kann eine Rolle spielen. Einwandererkinder sind öfter von Mutismus betroffen. Sie haben Hemmungen, sich in der noch fremden Sprache auszudrücken.
- Nur selten stecken traumatische Erlebnisse dahinter, etwa Misshandlung oder ein «Familiengeheimnis», das nicht ausgesprochen werden darf.
Mutismus beginnt meist zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr, häufig dann, wenn die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Wenn sie dort nach einem Monat nicht auftauen, sollten Eltern hellhörig werden. Aufmerksame Erzieherinnen und Lehrer informieren die Eltern über das andauernde Schweigen ihres Kindes. Die Störung wird oft nicht richtig oder erst spät diagnostiziert. «Jetzt warten Sie mal ab, das Kind fremdelt halt, das gibt sich mit der Zeit», hören Eltern oft. Manchmal werden die Kinder gar als zurückgeblieben abgestempelt. Ein Irrtum: Die Kinder gleichen ihr Schweigen oft mit hervorragenden Schulleistungen aus.
Bei der Abklärung helfen können Kinder- und Jugendpsychiater, der schulpsychologische oder logopädische Dienst. Spezielle Therapien bieten auch Kinder- und Jugendpsychotherapeuten an. Eltern informieren sich am besten vorher, welche Angebote von der IV finanziert werden beziehungsweise wo es Zusatzversicherungen bei der Krankenkasse braucht. In den Therapien lernen Kinder auf spielerische Weise, ihre Sprache einzusetzen. Sie brummen, knurren oder imitieren Tierstimmen. Oder sie sprechen auf Kassettenrekorder und hören das Band zusammen mit dem Therapeuten an. So merken die Kinder mit der Zeit, was ihre Stimme alles kann und dass sie sich ihrer nicht zu schämen brauchen.
© Beobachter Ausgabe 12 vom 11. Jun 2008 - Alle Rechte vorbehalten





