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Panikmache

Wie Angst uns steuert

Text:
  • Gian Signorell
  •  und Otto Hostettler
Bild:
  • Stock-Kollektion colourbox.com
Ausgabe:
19/09

Ein tabuisiertes Gefühl beeinflusst fast alle unsere Handlungen. Raffinierte Politiker und die Privatwirtschaft nutzen das für ihre Zwecke. Ohne Angst würden wir nicht überleben, doch oftmals leitet sie uns in die Irre.

Angst ist ansteckend, aber keiner will es zugeben. Wohin man auch hört, niemand fürchtet sich vor der Schweinegrippe, alle halten die Pandemie-Warnungen des Bundes für Hysterie. Gleichzeitig folgen viele offensichtlich trotzdem ihrem Gefühl: Die Regale mit Schutzmasken bei Coop und Migros werden seit Wochen leergekauft. Die Migros setzte teilweise täglich 6000 Pakete à 50 Masken ab. Weit über 100 Millionen Masken wurden in den letzten Monaten in der Schweiz insgesamt verkauft. Ähnliche Verkaufsschlager: Javel-Wasser, Gummihandschuhe oder Desinfektionsmittel. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Verkauf von Desinfektionsmitteln, je nach Laden, fast verzehnfacht. Ist der Kauf dieser Produkte Auswuchs einer Pandemie-Angst oder nützlicher Schutz?

Als viele UBS-Kunden Anfang Jahr ihre Konti auflösten, verlor die Grossbank Tag für Tag fast eine Milliarde Franken. War dieser immense Gelderabzug wirklich bloss Rache der Kunden an den UBS-Oberen, aus Verärgerung über deren Geschäftsgebaren, oder vielleicht doch eine Folge der Angst, dass es die Bank bald einmal nicht mehr geben könnte?

«Angst ist ein ganz zentrales Sicherungssystem des Menschen», sagt Josef Hättenschwiler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. «Angst hilft uns täglich dabei, Entscheidungen zu treffen», sagt der Mitbegründer der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression. Entwicklungsgeschichtlich sei Angst ein Selbsterhaltungsprinzip: «Wer Angst hat, überlebt.»

Anders gesagt: Angst steuert seit je unser tägliches Verhalten. Manchmal schützt sie uns vor einer realen Gefahr, manchmal leitet sie uns in die Irre. «Die Mechanismen der Psyche führen dazu, dass wir Risiken anders wahrnehmen als eine tatsächliche Gefahr», sagt Jürgen Margraf, Leiter des Instituts für Psychologie der Uni Basel. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA herrschte eine generelle Angst vor dem Fliegen, die Airlines stürzten in die Krise. Selbst in den Weiten Nordamerikas stiegen viele aufs Auto um. Die Folge: Im ersten Halbjahr nach 9/11 ereigneten sich alleine in den USA fast 900 zusätzliche Todesfälle im Strassenverkehr.

Bedrohungen für Herrn und Frau Schweizer

Seit 1978 erhebt das Institut für Markt- und Sozialforschung gfs-zürich in seinem gfs-Angstbarometer die Bedrohungswahrnehmung in der Schweiz (siehe nachfolgende Grafik). 2008 hatten die Schweizerinnen und Schweizer am meisten Angst vor der Umweltzerstörung und vor einer ökologischen Katastrophe. An zweiter Stelle stand die Angst vor unheilbaren Krankheiten und schweren Unfällen (Verlust der physischen Unversehrtheit). Stellenverlust oder die Angst, nicht genug Geld zu verdienen, also die sozioökonomische Bedrohung, kam im Oktober letzten Jahres erst an fünfter Stelle. «Dies scheint angesichts der damals in den Medien omnipräsenten Finanzkrise paradox», sagt Andreas Schaub, stellvertretender Institutsleiter. Die Schweiz sei zu jenem Zeitpunkt noch nicht von der Krise erfasst worden, wie auch die guten Umsatzzahlen im Weihnachtsgeschäft zeigten. «In der Zwischenzeit dürfte die Finanzkrise wegen steigender Arbeitslosigkeit auch die Schweizer beeinflussen, und auch die Schweinegrippe dürfte ihre Spuren hinterlassen. Daher rechne ich bei der sozioökonomischen Bedrohung und der physischen Unversehrtheit für dieses Jahr mit einem deutlichen Anstieg des Indikators.»

Wovon sich die Schweizer Bevölkerung bedroht fühlt

Mittelwerte ausgewählter Bedrohungen; der Index reicht von 1 (= keine Bedrohung) bis 10 (= grosse Bedrohung)

Klicken Sie auf die Grafik, um sie vergrössert anzuzeigen.

Quelle: GFS, Angstbarometer 2008; Infografik: beobachter/dr

In Deutschland ist dies bereits Realität. Der Verlust der Arbeitsstelle war gemäss einer im März durchgeführten Forsa-Umfrage im Auftrag des «Sterns» die grösste Furcht der Bundesbürger. 67 Prozent gaben an, grosse oder sehr grosse Angst davor zu haben, dass die Arbeitslosigkeit steige.

Wirtschaftskrise, Ökokatastrophen und Krankheiten: Sind wir eine Gesellschaft in Angst? Fürchten wir uns vor immer mehr Dingen? Ja, sagen Experten. So zeigt der gesamte Bedrohungsindex des gfs-Angstbarometers für den Zeitraum der letzten 30 Jahre einen eindeutigen Trend nach oben. «Wir leben in einem Zeitalter der Angst», sagt Psychologe und Hirnforscher Jürgen Margraf. Er spricht, gestützt auf ein psychometrisches Angstinventar, von einem «belegten dramatischen Anstieg der Angsterkrankungen seit 1950». Das durchschnittliche gesunde Kind habe heute deutlich mehr Angst als vor 50 Jahren.

«In ständiger Angstbereitschaft»

«Fürchtet euch immer», verballhornt Dietrich Schwanitz im Titel seines humorigen Essays zum Thema Angst eine Bibelstelle aus der Genesis («Fürchtet euch nimmer»). «Die Bedingungen moderner Existenz sind von sich aus angstfreundlich. Man lebt in ständiger Angstbereitschaft. Angst wird zum Normalzustand», schliesst darin der inzwischen verstorbene Professor für englische Literatur und Autor des Bestsellers «Bildung. Alles, was man wissen muss».

Man braucht Schwanitz’ Einschätzung nicht vollumfänglich zu teilen. So viel aber scheint klar: Die Welt des Bauern im Mittelalter war weniger komplex. Er konnte zwar nicht im Internet praktisch jede in der Welt verfügbare Information abrufen, aber er wusste: Damit die Kuh wieder Milch gab, musste er vor der Statue dieses oder jenes Heiligen eine Kerze stiften. Ganz anders unsere Situation: Wir können über die Zahl der BSE-infizierten Rinder informiert sein und jeden Bissen Fleisch bis zum jeweiligen Tier zurückverfolgen. Doch wir wissen nicht, ob wir das Steak auf dem Teller vor uns gefahrlos verzehren können.

Zu Beginn der neunziger Jahre prägt sich ein unheilverkündendes Kürzel schlagartig ins öffentliche Bewusstsein ein: BSE (Bovine spongiforme Enzephalopathie). Unter dem Begriff Rinderwahnsinn bleibt das Thema jahrelang auf der öffentlichen Agenda, es gibt Diskussionen über die Schädlichkeit der Tiermehlverfütterung, die mögliche Übertragung auf den Menschen. Der Rindfleischkonsum bricht dramatisch ein und bringt eine ganze Branche an den Rand des Ruins. Heute heisst es auf der eigens eingerichteten Website des Bundes lapidar: «Obwohl BSE-Fälle beim Rind seit 1990 festgestellt werden, ist in der Schweiz noch kein Mensch an der durch BSE ausgelösten Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit erkrankt.»

Die BSE-Diskussion ist nur eine in einer langen Reihe von Angstwellen, die über das Land schwappten. In den letzten Jahren ängstigten uns die Infektionskrankheit SARS (Schweres akutes respiratorisches Syndrom), Jahrhundert-Überschwemmungen, die Vogelgrippe und zuletzt die für den allergrössten Teil der Bevölkerung völlig harmlose Schweinegrippe. Noch ist es nicht lange her, dass in Briefen verschicktes Waschpulver sofort hektische Betriebsamkeit bei Polizei, Feuerwehr und Spezialdiensten auszulösen vermochte: Anthrax-Alarm! Kein einziger Verdachtsfall erwies sich als reale Bedrohung. Zur Bekämpfung des «Millennium-Bugs» wurde vor der Jahrtausendwende mit Ulrich Grete ein «Jahr-2000-Delegierter» ernannt. Ein hoher Bundesbeamter war felsenfest davon überzeugt, dass der öffentliche Verkehr zusammenbrechen werde. Er forderte an einer internen Lagebesprechung, dass man für besagte Silversternacht in Bern das Hauptstadt-Infanterieregiment aufbiete. Zum Glockenschlag um Mitternacht hielten viele den Atem an. Passiert ist – nichts.

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Die beeinflussten Bürger

Angst ist eine politische Waffe erster Güte. Mit ihr lässt sich die Stimmung anheizen. Das haben längst alle öffentlichen Akteure und Parteien gemerkt. Waldsterben? Ozonloch? Klimawandel? «Gerade auch die Kritiker der ‹Politik der Angst› beteiligen sich an alarmistischen Kampagnen», sagt Frank Furedi, Soziologieprofessor und Buchautor von «Politics of Fear» (Politik der Angst). Linke Politiker und Grün-Alternative hätten vergleichsweise alltägliche Themen wie Nahrung, Luftqualität und Erziehung zum Hort für Horrorgeschichten gemacht. Essayist Schwanitz bescheinigt den Umweltschützern gar «eine Art Katastrophenvirtuosentum». Doch auch bürgerliche Politiker machen hemmungslos Angst. Jüngst etwa Pascal Couchepin in der «Arena» zur IV-Abstimmung: «Wenn die Vorlage nicht angenommen wird, steht die AHV vor dem Ruin», drohte der abtretende Magistrat.

Dürfen Politiker Angst machen? «Angst ist ein zentrales, tiefes und starkes Gefühl. Es ist absolut legitim, dieses Gefühl anzusprechen, sonst geht die politische Botschaft, links wie rechts, an den Leuten vorbei», sagt Alexander Segert. Der Name dürfte einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt sein. Segerts Produkte aber kennt die halbe Schweiz. Er ist Geschäftsführer der Werbeagentur Goal, die für die SVP die Wahl- und Abstimmungspropaganda besorgt. Das Messerstecherinserat, der Soldatenfriedhof gegen das Militärgesetz, das gerupfte Huhn, die roten Ratten, die Schäfchen, die Raben: alles Segerts Kreationen. Der Werber beobachtet in der öffentlichen Kommunikation einen «Aufmerksamkeitsstreit» um das Gefühl Angst: «Es herrscht eine Inflation des Angstgefühls.» Nicht immer aber ist der Appell an die Angst die richtige Wahl. In Zeiten, wo es der Gesellschaft gut gehe, könne er die Angst in der politischen Werbung nicht ansprechen.

Ein Alptraum wird wahr, als die frisch von ihrem Mann getrennte Meg Altman mit ihrer elfjährigen Tochter Sarah in ihr neues Heim zieht. Noch am ersten Abend werden die beiden von einer Einbrecherbande überfallen. Altman und Sarah kommen schliesslich heil davon, weil ihr Haus über einen geheimen Bunker mit mehreren Zentimeter dicken Stahlwänden, Überwachungsmonitoren, separater Belüftung und eigenem Telefonanschluss verfügt: einen «Panic Room». So lautet auch der Titel des Films, aus dem die obige Handlung stammt.

Alles Fiktion? Nein. Vor allem an der Zürcher Goldküste lassen sich immer mehr Hausbesitzer solche Räume einbauen, bestätigt Heinz Gründler, Geschäftsführer der Firma Alarm AG in Meilen. In der Nähe von Luzern hat Gründler einen Raum gebaut, der demjenigen in «Panic Room» schon sehr nahekommt: Überwachungsmonitore, separate Belüftung, Notstromversorgung und ein eigener Mobilfunkanschluss gehören dazu. Sind Panic Rooms die Antwort auf eine reale Gefahr? «Wir haben hier keine amerikanischen Verhältnisse», beruhigt Martin Sorg, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich. Wer sich unsicher fühle, solle besser die Fenster vergittern und eine gute Alarmanlage installieren.

Gut fürs Geschäft

Mit der Angst lässt sich auch gut Geld verdienen. Ein ganzer Volkswirtschaftszweig, die Versicherungsbranche, lebt davon. Knapp 121 Milliarden Franken betrugen 2007 die gesamten Prämieneinnahmen der privaten schweizerischen Versicherungen. Kein Risiko ist zu klein, als dass es nicht versichert werden könnte. Für 250 Franken Jahresprämie bietet etwa die Assura-Tochter Animalia SA eine Versicherung an, falls die Katze mal zum Tierarzt muss. Die Augsburger Firma Energy Life bot über ein Amateur-Vertreter-Netz «Haus-Harmonizer» gegen Elektrosmog an, ein steckerähnliches Kunststoffgehäuse mit einem Chip drauf. Die Bauernfängerei funktionierte, obschon eine unabhängige Prüfung ergab: Der «Haus-Harmonizer» nützt nichts, sondern er produziert selber Elektrosmog.

Der Freiburger Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Guy Kirsch analysiert den Markt der Angst nach ökonomischen Prinzipien. Wir sind, so Kirsch, ständig daran, unsere allgemeine Lebensangst umzuwandeln in etwas, was man fürchten kann: «Es gibt in der Gesellschaft eine grosse Nachfrage nach Furchtobjekten.» Angst ist ein diffuses Gefühl der Bedrohung, die Furcht ist konkret. Erst diese Umwandlung ermöglicht zielgerichtetes Handeln. Diesen Umstand machen sich Privatindustrie und Politik zunutze: Sie bieten Produkte an, mit denen wir unsere Angst in Furcht umwandeln und dann bekämpfen können. Idealerweise lässt sich der Nutzen sogar mit dem Namen des Produkts kombinieren.

Etwa bei Anti-Falten-Cremen. «Viele Frauen verspüren eine diffuse Angst. Die Kosmetikindustrie sagt ihnen: Sie fürchten sich vor kleinen Falten, und bietet zugleich die Lösung in Form von Anti-Falten-Cremen», sagt Kirsch. Ein weiteres Beispiel: Weil Geldanlegen immer mit Unsicherheit verbunden ist, boten Banken sogenannte Absolute-Return-Produkte an. Wie viel diese Sicherheit wirklich wert war, hat die Finanzkrise an den Tag gebracht.

Doch nicht nur gewöhnliche Menschen treffen Entscheidungen aus Angst. Der führende Angstforscher Borwin Bandelow nennt eine lange Liste von Geistesgrössen, die unter Angstattacken litten, darunter Goethe, Brecht, Beckett oder Kafka. Die Liste liesse sich beliebig verlängern – bis heute zeigt sich, dass Bühnenangst massive gesundheitliche Folgen haben kann. Die Sängerin Barbra Streisand litt unter einer solch schweren sozialen Phobie, dass sie 20 Jahre lang nicht öffentlich auftrat, nachdem sie einmal bei einem Konzert in New York ein paar Worte eines Songs vergessen hatte. Der Autor John Steinbeck war derart von starken sozialen Ängsten befallen, dass er zum Alkoholiker wurde und sich einmal zwei Jahre lang in eine einsame Berghütte zurückzog.

Ein Leben ohne Angst und Aggressionen?

Doch woher kommt eigentlich die Angst? Anatomisch gesprochen: von der Amygdala, dem Mandelkern. So heisst das Kerngebiet im unteren Teil des Gehirns, das wesentlich an der Entstehung von Angst beteiligt ist. Wird dieses Areal zerstört, empfindet man keine Furcht mehr und keine Aggressionen.

Ein wünschenswerter Zustand? Keineswegs. Vor allem Menschen, die sich regelmässig mit Risikosituationen auseinandersetzen müssen, kennen den Wert der Angst. «In meinem Beruf werden mir täglich Menschenleben anvertraut. Vielleicht wäre es mir gar nicht möglich, starke Leistungen zu erbringen, wenn ich dabei nicht eine gewisse Angst zu überwinden hätte», sagt der Herzchirurg Thierry Carrel. Vor einer Operation spiele er in Gedanken alle möglichen Schwierigkeiten durch, danach sei der Plan glasklar. «Im Operationssaal gibt es keinen Platz für Angst und Gefühle. Die Arbeit wird so präzise wie nur möglich durchgeführt.»

Planung als Rezept gegen die Angst diese Methode wählt auch André Huber, EDA-Mitarbeiter und Ex-Chef des Schweizer Engagements in Afghanistan. «In Kabul ereigneten sich viele Bombenanschläge am Morgen. Meist waren militärische Einrichtungen das Ziel. Deshalb habe ich versucht, in diesen Zeiten solche Gebiete zu meiden.» Am meisten Angst habe er jeweils ganz zu Beginn einer Mission, sagt Huber, der oft in Krisengebieten unterwegs ist.

Wer keine Angst hat, der leistet weniger. Das zeigten schon 1908 die US-Forscher Robert Yerkes und John D. Dodson. Sie fanden heraus, dass die Lernleistung bei mittlerer Erregung am besten, bei zu geringer und zu hoher Erregung am schlechtesten ist. Wenn man etwa ein Examen ablegen oder einen Vortrag halten muss, kann ein mittleres Angstlevel nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz zum besten Ergebnis führen.

«Ein ungeheurer Motor»

«Angst ist eine gute Sache, denn sie signalisiert mir, dass ich mich womöglich überschätze», sagt Extrembergsteiger Ueli Steck, der von sich sagt, er sei ein extrem ängstlicher Mensch, nur glaube ihm das keiner. «Ich bekämpfe die Angst, indem ich mich akribisch und konsequent auf meine Touren vorbereite. Alles muss perfekt sein.»

Zwischen dem Drang nach Perfektion und der Angst besteht ein enger Zusammenhang, sagt Angstforscher Bandelow. Wenn Sportler aufs Podest steigen, Politiker Wahlen gewinnen und Musikern herausragende Interpretationen gelingen, hat dieser Erfolg einen gemeinsamen Nenner: Angst. Trost mit wissenschaftlichem Segen also für alle, die sich schon immer für zu ängstlich hielten, es aber nie zu sagen wagten: «Angst ist ein ungeheurer Motor», sagt Bandelow. «Angst gibt uns die unendliche Energie, die für Spitzenleistungen erforderlich ist.»

© Beobachter Ausgabe 19 vom 17. Sep 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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    Sabrina Hungerbühler, Rennfahrerin:

    Ich habe vor fast nichts Angst. Es macht mir nichts aus, mit 300 Kilometern pro Stunde auf eine Kurve zuzufahren. Die grösste Angst ­habe ich vor dem Alleinsein. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich ein Einzelkind bin. Ich frage mich dann manchmal: Was wird wohl sein, wenn meine Eltern nicht mehr da sind? Diese Angst habe ich oft in stillen, ruhigen Momenten. Ich versuche in solchen Situa­tionen, die Angst zu verdrängen. Zum Glück bin ich oft unter Leuten, das lenkt mich ab.

     

    André Huber, Vertreter der Schweiz in Krisengebieten (früher in Kabul, heute im Kongo): ­

    Beruflich befinde ich mich oft in Gefahrengebieten. Am meisten Angst habe ich dabei jeweils ganz am Anfang. Dann, wenn alles noch unbekannt ist und ich nicht überblicke, welche Handlung welche Folgen haben könnte. Allerdings darf man auch nicht allzu selbstsicher werden, denn die Gefahren lauern meist dort, wo man sie nicht vermutet. Ich sammle möglichst viele Informationen über den jeweiligen Einsatzort im Voraus oder sobald ich angekommen bin. So versuche ich, das Gefahren­potential besser abzuschätzen, um besser damit umgehen zu können. Aber ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich immer.

     

    Susanne Siegenthaler, Militärpilotin:

    Es sind die Momente der Ohnmacht, die mir Angst einflössen. Ich habe vor dem Tod Angst, vor dem Moment des Sterbens. Ich frage mich oft: Was kommt nach dem Tod? Meine Ängste sind sehr persönlich, sie haben nichts mit meinem Beruf zu tun. Ich habe auch Angst, dass engsten Familienangehörigen etwas zustossen könnte. Die Trauer, das Weiter­leben ohne die Liebsten macht mir Angst. 

     

    Thierry Carrel, Herzchirurg:

    Darf ich als Chefarzt und Chirurg überhaupt Angst haben? Angst kann man nicht ein- oder ausschalten, jeder Mensch fürchtet sich ab und zu. In meiner Tätigkeit empfinde ich es allerdings mehr als Respekt vor der Sache. Und es geht schliesslich um eine Leistung, die man perfekt erbringen muss. Die Frage ist, ob man sich von der Angst lähmen oder antreiben lässt. Vielleicht muss ich als Herzchirurg mehr als andere die Fähigkeit und Stärke haben, der Angst mutig entgegenzutreten. Ich versuche, mir ständig bewusst zu sein, dass mir eine gewisse Portion Angst bei meiner Arbeit hilft, sie treibt mich an, Risiken und Chancen sehr gut abzuwägen. Wo ich Angst spüre, liegt für mich die Herausforderung, wie bei einem Bergsteiger in der Eigernordwand.

     

    Marianne Heimoz, ­Direktorin Anstalten Hindelbank (Vollzugsanstalt für Frauen):

    Angst als Grundhaltung ist mir fremd, ich habe ein stark ausgeprägtes Urvertrauen. Aber ich ­ken­ne Angstgefühle, allerdings nur punk­tuell und situationsbedingt, und zum Glück nur sehr selten. Diese Gefühle lassen sich in der Regel rasch mental bewältigen. In Situationen, die für andere oder mich kritisch sein könnten, bin ich vorsichtig und versu­che die Risiken abzuschätzen, diese wenn möglich mit geeigneten Massnahmen zu minimieren und erst nachher zu handeln.

     

    Francine Jordi, Sängerin:

    Angst ist ein normales und natürliches Gefühl, das absolut lebenswichtig ist: Es hält uns davon ab, in Situationen zu geraten, die eine Bedrohung für unser Wohlbefinden bedeuten und die wir nicht bewältigen können. Alle haben ein Recht auf Angst, und jeder Mensch geht damit ­anders um. Loslassen können ist mein Prinzip, das mir hilft, mit Angst umzugehen.

     

    David Dimitri, Seiltänzer:

    Ich habe Angst, wenn ich unsicher bin. Als ich vor 25 Jahren in Harlem in New York auf der Strasse von einer Bande überfallen wurde, hatte ich Angst. Natürlich wurde ich überfallen, ­gerade weil ich Angst hatte und dies auch ausstrahlte. Als Seiltänzer muss ich mich während jahrelangen Trainings nicht nur mit der Kunst des Balancierens vertraut machen, sondern diese Körper­beherr­schung auch so gut meistern, dass ich auch mitten auf einem Hochseil von 800 Metern Länge und in 100 Metern Höhe ­keine Angst bekomme. Bekäme ich auf einem solchen Spaziergang Angst, wäre ein Absturz programmiert. Das Rezept ­dagegen: Erfahrungen sammeln und ständiges Wiederholen der Übungen, ständiges Training.

     

    Ueli Steck, Extrembergsteiger:

    Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch, nur glaubt mir das niemand. Beim Klettern oder Bergsteigen ist Angst jedoch gefährlich, Respekt und Sorgfalt sind dafür sehr wichtig. Sie helfen mir, mich nicht zu überschätzen. Ich muss mir immer vorher überlegen, was ­alles schiefgehen kann. Was ist, wenn das Wetter plötzlich umschlägt, wenn mir das Essen ausgeht, wenn mir aus Versehen ein Handschuh ­hinunterfällt, wenn der Fuss wegrutscht? Deshalb muss ich mir über­legen, wie mein Körper zu reagieren hat, und versuchen, jede mögliche Situa­tion vorher im Detail zu trainieren.

     

    Alois Spiller, Richter (verurteilte den «Muo­tathaler Mörder» ­zu neun Monaten bedingt):

    Ich habe Angst, kleinere oder grössere Fehler zu machen (das geschieht häufig), die sich in der Folge nicht wiedergutmachen lassen (das geschieht selten). Ich übe mich stets darin, die Form zu op­timieren, begangene Fehler auszubügeln.

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