Psychologie Wie Träume uns helfen

«Haben Träume einen tieferen Sinn?», fragen sich Menschen schon seit Jahrhunderten.
«Haben Träume einen tieferen Sinn?», fragen sich Menschen schon seit Jahrhunderten.

Warum wir träumen, kann die Wissenschaft nicht sagen. Doch wer sich mit seinen Träumen beschäftigt, entdeckt mehr über sich selber.

Die Illustrationen zeigen vier häufige Traum-Motive. Die Fragen, die sie aufwerfen können, sind Anregungen von Psychiaterin Renate Daniel vom C.-G.-Jung-Institut Zürich.

 

Ich falle ins Bodenlose
Wollte ich zu hoch hinaus? Wage ich zu viel, ist meine Situation nicht stabil? Wie tragfähig sind meine Ideen, muss ich vielleicht erst auf dem Boden der Realität ankommen?

Er flog in einem Raumschiff durchs All. Ein freundliches, unsichtba­res Wesen half ihm dabei, das Schiff in ­einen hellen Lichtstrahl zu steuern, in dem er sich schliesslich auf­löste und in reine Energie ver­wandelte. Chris­toph Gassmann ist überzeugt, dass dieser Traum ihm das Leben gerettet hat.

«Das Erlebnis war so intensiv, dass ich erwachte. Mir war sofort klar, dass die Auflösung des Körpers und die Verwandlung in Licht ein Todessymbol sind», sagt der diplo­mierte Psychologe aus Horgen ZH. Intuitiv stellte er eine Verbindung her zwischen dem Traum und einem kleinen dunk­len Hautfleck, den er seit zwei Jahren am rechten Ellbogen hatte. Am nächsten Morgen liess er alles stehen und liegen und fuhr in die Dermatologische Poliklinik in Zürich. Dort wurde sein Verdacht bestätigt: Beim Hautfleck handelte es sich um ein Melanom. Der Hautkrebs sei kurz davor gewesen, Metastasen zu bilden. «Dann ­wäre ich wohl geliefert gewesen», sagt Gassmann trocken.

Träume haben einen tieferen Sinn. Davon ist der passionierte Traumforscher Gassmann nicht erst seit jenem schicksalhaften Erlebnis überzeugt. Seit Jahren notiert er seine Träume, mehrere Tausend um­fassen mittlerweile seine Sammlung. Die Einsichten und Erfahrungen zur Arbeit mit Träumen, zu der auch die Traumdeutung gehört, hat er in mehreren Büchern festgehalten. «Träume sind eine seelische Regung, genauso wie die Gedanken.» Doch leider gehe vielerorts das Bewusstsein dafür verloren, beklagt Gassmann. Die Psychologie ver­liere das ­Interesse am Trauminhalt allmählich und werde durch die neuen bildgebenden Verfahren der Tomographie immer naturwissenschaftlicher. «Doch wenn sich die Vorstellung festsetzt, wonach Träume Schäume sein sollen, verlieren wir eine wichtige Dimension des Erlebens.»

Die eigene Frau zerhackt

Es ist eine Dimension des Erlebens, die mitunter in beängstigende Abgründe führt. Ein Klient hatte folgenden Traum: «Ich habe meine Frau wie ein Opfertier abgeführt, getötet und zerstückelt. Es war ziemlich eklig. Dann bin ich auf den Markt gegangen und habe das Fleisch verkauft. Auf dem Markt habe ich meine Freunde getroffen. Die neideten mir das Geld, das ich verdient hatte, und ich hatte Angst, sie würden es mir wegnehmen. Da habe ich es versteckt.»

Die Deutung des Traums brachte wenig Schmeichelhaftes ans Licht. In seinem Unterbewusstsein schien der Klient davon auszugehen, dass seine Frau in Zukunft mehr zum Haushaltseinkommen beitragen werde – als Prostituierte. Sein Fleisch zu Markte tragen sei die Traum-Metapher für Prostitution. Die im Traum empfundene Freude über das am Markt verdiente Geld zeige, dass der Klient materielle Werte höher schätze als menschliche Beziehungen.

Wie der Klient auf diese Deutung reagiert hat, ist nicht bekannt. Sie stammt aus dem Werk «Oneirokritika», griechisch für Traumdeutung. Es datiert aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus und ist das älteste ganz erhaltene Traumbuch. Der Verfasser ist Artemidor von Daldis, Traumdeuten und Wahrsagen war sein Beruf. Für seine Studien unternahm der Gelehrte Bildungsreisen durch Kleinasien, besuchte Griechenland und Italien. Im Vorwort rühmt sich Artemidor, es gebe kein Buch über Traumdeutung, das er nicht erworben und studiert habe.

Seit je übt die Idee, dass Träume ­einen tieferen Sinn enthalten, eine grosse Anziehungskraft aus. So reicht die Geschichte der Traum­deutung sogar noch weiter zurück als bis zu den «Oneirokritika». Aus der Zeit der zwölften ägyptischen Dynastie, 2000 Jahre vor Christus, ist ein Papyrus mit einer An­leitung zur Traumdeutung erhalten.

 

Ich bin nackt unter Leuten
Exponiere ich mich zu stark und bin dadurch blossgestellt? Wo sollte ich mich in meinen Beziehungen mehr schützen? Wie gestalte ich Nähe, Distanz, Vertrauen in meinen Beziehungen?

Bloss «Abgase des Gehirns»?

Die Idee von der verborgenen Bedeutsamkeit der Träume hielt sich jahrtausendelang, bis sie 1971 ein Mann namens Allan Hobson ernsthaft ins Wanken brachte. Die «New York Times» bezeichnete ihn als «Rebell-Psy­chiater», denn der Professor der Harvard Medical School räumte auf mit den mys­tischen Vorstellungen über verschlüsselte Botschaften in unseren Träumen. Träume seien nichts als «Abgase des Gehirns», das Resultat einer geänderten Hirnchemie.

Seine Theorie: Während wir träumen, sind die Bereiche im Gehirn, die für das ­logische Denken zuständig sind, nicht aktiv, gewissermassen abgeschaltet. So kommt die oftmals bizarre Traumhandlung zustande. Doch nicht alle Hirnbereiche ruhen. Neuronen im oberen Hirnstamm produzieren zufällige Erregungsmuster. Aus diesen zufälligen Signalen versucht nun das Gehirn, eine sinnhafte Interpretationen zu bilden. Das Ergebnis ist ein Traum.

Hobsons Kritik galt insbesondere der Theorie von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Dessen Ideen waren damals unter Psychologen und Psychiatern weit verbreitet. Freud dachte, Träumen sei ein Vorgang, bei dem vor allem unerfüllte Triebe und sexuelle Wünsche zum Vorschein kämen; sie gelte es in der therapeutischen Arbeit zu entschlüsseln. Für Hobson war das Humbug, blosse «Mystik der Glückskeks-Traum-Interpretation».

Mehr als ein zufälliges Neutronenflackern

Doch Hobsons provokative Ansichten stossen heute ihrerseits auf Kritik. George William Domhoff, Psychologie- und Soziologieprofessor an der University of California, Santa Cruz, vermutet, dass im Traum dieselben Gehirnregionen aktiv sind, wie wenn wir im Wachzustand unsere Gedanken schweifen lassen oder tagträumen. Ein Traum muss demnach mehr sein als zu­fälliges Neuronenflackern im Motivationszentrum, das der im Sparmodus laufende Verstand zu wilden Geschichten verkettet.

Domhoff hat aus Dutzenden Studien inhaltliche und neurologische Parallelen zwischen der Geistesleistung im Wachzustand und in Träumen zusammengetragen. Das Ergebnis: Nur die wenigsten Träume sind wirk­lich absurd oder bizarr. 90 Prozent der nächtlichen Erlebnisse werden als klare, kohärente und detaillierte Darstellungen von lebensnahen Alltagssituationen geschildert. Überdies ist die Sprache im Traum genauso komplex und nuanciert wie im Wachzustand. Gesprochene Sätze sind grammatikalisch richtig und sinnvoll. Domhoffs Fazit: Die Leistung des Gehirns ist im Traum ähnlich hoch wie im Wachzustand.

 

Ich fliege wie ein Vogel
Wo bin ich befreit von materiellen Zwängen oder irdischen Belastungen? Oder bin ich abgehoben und versuche, mich der harten Realität zu entziehen?

Umso erstaunlicher erscheint der Umstand, dass die Wissenschaft eine zentrale Frage bis heute nicht beantworten kann: warum wir überhaupt träumen. Doch dieses Unvermögen hat seinen Grund. Dem Traum als Forschungsobjekt ist nur schwer beizukommen. Zwar können in den Schlaflabors die Gehirnströme, die Augenbewegungen und der Herzschlag erfasst und ausgewertet werden. Doch was der Träumende erlebt hat, muss sich der Forscher von ihm erzählen lassen. Der erinnerte Traumbericht ist dabei oft unvollständig und bruchstückhaft.

Mitunter ist auch unklar, ob nicht das ­Experiment selbst die Forschungsergebnisse ver­fälscht. Eine Studie zum Traumerleben ge­schiedener Frauen ergab Folgendes: Die Frauen, die von ihrem Exmann geträumt hat­­ten, schienen die Scheidung besser verarbeitet zu haben als jene, die nicht vom ­Exmann geträumt hatten. Die naheliegende Interpretation schien also zu sein: Das Träumen hilft bei der Bewältigung belastender Lebensereignisse. «Doch ebenso möglich ist, dass sich die Frauen mit der Scheidung intensiver auseinandergesetzt haben, nachdem sie den Traum der Forscherin erzählt hatten», sagt der deutsche Traumforscher Michael Schredl. «Für die Forschung bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass die Theorien zur Funktion nicht wirklich durch empirische Befunde gestützt werden können.»

Hüter des Schlafs

Und solche Theorien gibt es viele. Berühmt ist Freuds Formulierung vom Traum als Hüter des Schlafs. Freud schrieb den Träumen die Funktion zu, Impulse aus dem Unbewussten zu verarbeiten, um ein Erwachen zu verhindern. Der Schwei­zer Freud-Schüler Carl Gustav Jung dachte, Träume kom­pensierten Erlebnisdefizite im Wachzustand und trügen so zu einer ausgewoge­nen Persönlichkeitsentwicklung bei. Ein briti­sches Forscherduo trat in den achtziger Jahren mit dem Satz an die Öffentlichkeit: «Wir träu­men, um zu vergessen.» Träume sollen also das Gehirn von unnötigen Informa­tionen reinigen. Wieder andere mein­ten, ­Träume würden die Stimmung glätten.

Doch aktuelle Forschungsresultate scheinen zu zeigen, dass dem Traum überhaupt keine Funktion zukommt. «Leute, die sich häufig an ihre Träume erinnern, sind psychisch nicht gesünder als solche, die morgens vom Geträumten nichts mehr wissen», sagt Domhoff. Vielleicht, so der Forscher, träumt das Gehirn ja bloss, weil es träumen kann. Die Evolution hat uns zu denkenden Wesen gemacht, die die Fähigkeit haben, gedanklich räumliche Bilder und ein autobiographisches Ich zu simulieren. Das tut das Gehirn eben auch im Schlaf. Die Gedanken können frei herumschweifen, ohne von äusseren Reizen oder von fokussierter Aufmerksamkeit eingeengt zu werden. Dabei weisen Trauminhalte diverse Gesetzmässigkeiten auf, die auf eine genetische Prägung hindeuten. Die Träume bleiben inhaltlich über Jahrzehnte konsistent; sie zeigen Ähnlichkeiten über die Zeit- und Kulturgrenzen hinweg sowie geschlechtsspezifische Muster.

Wieso auch immer – Träume nützen

Einfacher zu beantworten als die Frage nach der Funktion der Träume ist jene nach ­ihrem Nutzen. Träume können eine Quelle der Inspiration sein. Viele Künstler wie etwa Maler Salvador Dalí oder Regisseur Federico Fellini haben sich von ihren Träumen beflügeln lassen. Paul McCartney fiel die Me­lodie zu «Yesterday» im Traum ein. Als er erwachte, spurtete er zum Klavier und spielte sich die Melodie vor, um zu vermeiden, dass er sie vergass. Der Chemiker August Kekulé soll die Struktur des Benzolrings im Traum gefunden haben: Er träumte von einer Schlange, die sich in den Schwanz biss.

Renate Daniel erlebt die Nützlichkeit der Auseinandersetzung mit den eigenen Träumen fast täglich. Sie lehrt am C.-G.-Jung-Institut in Küsnacht ZH und betreut als Psychotherapeutin auch Patienten. Träume spielen in den Therapiesitzungen eine wichtige Rolle. «Der Traum ist ein Kommentar des Unbewussten zu einer Situation. In einer bildhaften Metaphorik, die es zu übersetzen gilt, ergänzt er unsere bewusste Sicht der Dinge», sagt Daniel.

Eine Patientin, die an Panikattacken litt, kam in die Therapie und sagte zu Daniel, sie solle diese Attacken «wegmachen». In der Therapiesitzung erzählte sie einen Traum. Sie stehe am Strand, und übers Meer ziehe ein gewaltiger Tornado heran. Daniel deutete den Tornado als Symbol für die Panik­attacken – auch eine Urgewalt. Sie sagte der Patientin, eine solche Naturkraft kön­ne man nicht einfach «wegmachen». Man könne aber lernen, ihr Auftreten frühzeitig wahrzunehmen, einen angemessenen Umgang zu finden, um sich so gut wie möglich davor zu schützen. Die Therapie klappte, die Patientin wurde nicht länger Opfer der Attacken.

Getreu der Lehre von C. G. Jung ist ­Renate Daniel überzeugt, dass Träumen gar eine in die Zukunft weisende Deutungskraft innewohnt. Sie hat es selbst erlebt, als sie sich vor Jahren für eine neue Stelle bewarb. Das Vorstellungsgespräch war gut verlaufen, sie war zuversichtlich, die Stelle zu bekommen. In der Nacht träumte sie, sie fahre in einem Bus zum neuen Arbeitsort. Doch als der Bus bei der Klinik ankam, fuhr er vorbei, ohne zu halten, und befand sich auf einmal auf einer nebligen Bergstrasse. «Beim Er­wachen war mir sofort klar: Diesen Job ­bekomme ich nicht.» Tatsächlich meldete sich ein paar Tage später der vermeintlich neue Chef mit der Nachricht, er habe sich für jemand anderen entschieden.

«Wir nehmen im Wachzustand viel mehr wahr, als uns bewusst wird», sagt Daniel. Doch diese Informationen seien nicht verloren. «Der Traum hat die Fähigkeit, diese unbewusst gebliebenen Informationen neu zu ordnen und ins Bewusstsein zu bringen.» Er sei in diesem Sinn eine Ergänzung zum Wachzustand.

 

Eine Bestie bedroht mich
Wo bedroht mich eine gewaltige Kraft der Natur? Welche Beziehung habe ich zu meinen Trieben und Instinkten? Überwältigen sie mich? Missachte ich sie?

Willentlich träumen – und dabei trainieren

Manchen Menschen gelingt auch das Umgekehrte: im Traumzustand wach zu werden. Sie übernehmen in ihren Träumen die Kontrolle und fliegen wie ein Vogel durch zauberhafte Landschaften oder gehen durch Betonmauern, als wären diese aus Papier. So etwa der Traumforscher Daniel Erlacher. ­Luzides Träumen oder Klartraum nennt man dieses Phänomen. Es ist eines der Forschungsgebiete Erlachers, der am Institut für Sportwissenschaft der Uni­versität Bern arbeitet.

Die Fachrichtung Sport mag erstaunen in diesem Zusammenhang, doch der Sportwissenschaftler verfolgt einen ganz bestimmten Zweck. Er will herausfinden, ob man Bewegungsabläufe im Traum trainieren kann. Erlacher liess eine Gruppe von Sportstudenten Zielwurf trainieren. Die Aufgabe bestand darin, eine Münze in eine rund zwei Meter entfernte Tasse zu werfen. Eine zweite Gruppe trainierte den Wurf nur im Klartraum. Ergebnis: Beide Gruppen erreichten ungefähr die gleiche Anzahl Treffer.

Auch am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie werden Klarträume erforscht; in der Hoffnung, sie als Therapie gegen Alpträume einsetzen zu können. Hier sind die Erfolge bescheidener, denn das Erlernen der Technik ist anspruchsvoll. «Es ist ein bisschen wie beim Klavierspielen. Jeder kann es lernen. Die Frage ist aber, wie weit er es bringt», sagt Forscher Victor Spoormaker. Wer beim Klarträumen Erfolg haben will, muss sich intensiv mit seinen Träumen auseinandersetzen und die Traumerinnerung fördern, indem er diszipliniert die Träume aufschreibt. Zudem sollte tagsüber durch bestimmte Übungen das Bewusstsein für den Wach- und den Traumzustand geschärft werden.

«Sie sollten Ihren Geist reinigen»

Tenzin Wangyal Rinpoche hat es darin zur Meisterschaft gebracht. Der tibetische Lama lehrte auch schon in der Schweiz Traumyoga, die tibetische Spielart des Klarträumens. «Wenn Sie sich vor dem Zubettgehen die Zähne putzen, sollten Sie auch Ihren Geist reinigen», sagt Tenzin Rinpoche. Wer die Lasten des Tages mit ins Bett nehme, könne nicht offen sein für seine Träume. «Träume sind eine eigene Realität. In ihnen können wir Blockaden lösen, weil wir uns trauen, Dinge anzugehen, vor denen wir im Alltag zurückschrecken.» Der Lama rät deshalb auch Yoga-Laien und Nichtträumern, sich mit ihren nächtlichen Visionen auseinanderzusetzen: «Schliesslich schlafen wir 25 Jahre unseres Lebens – da sollten wir uns schon damit befassen, was in dieser Zeit passiert.»

Autor:
  • Gian Signorell
  •  und Balz Ruchti
Bild:
  • Thinkstock Kollektion