Tagebuch

«Wie meistere ich den Wandel?»

Text:
  • Koni Rohner
Bild:
  • Jupiterimages
Ausgabe:
26/08

Frage: Ich bin in einer Umbruchphase, beruflich wie privat. Ich möchte dies nutzen, um in meinem Leben etwas andere Schwerpunkte zu setzen. Meine Freundin rät mir zu einer Psychotherapie. Ich bin zwar etwas in Aufruhr – aber doch nicht seelisch krank? Melissa F.

Eine psychotherapeutische Begleitung ist nicht nur sinnvoll, wenn man sich «krank» fühlt. Sie kann auch im Sinn eines Lifecoachings genutzt werden: Dann geht es nicht um die Beseitigung quälender neurotischer Symptome, sondern darum, bei der kreativen Bewältigung der unvermeidlichen Herausforderungen des Lebens unterstützt zu werden.

In der Tat kann man aber auch ohne therapeutische Hilfe an seiner Persönlichkeitsentwicklung und an der Veränderung seines Lebensstils arbeiten. Falls Sie keine intensive Abneigung gegen das Schreiben haben, kann ich Ihnen nämlich noch einen anderen Weg zur Reflexion und Umgestaltung Ihres Lebens empfehlen: Führen Sie ein Tagebuch. Viele Mädchen tun es spontan in der Pubertät. Doch auch Herrscher und Staatsoberhäupter wie der römische Kaiser Marc Aurel und Dichter wie Hermann Hesse oder Max Frisch haben es getan.

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Sich äussern, ohne auf Ablehnung zu stossen

Ein Tagebuch kann gezielt zum wertvollen Begleiter werden. Es kann – gut geführt – eine psychologische oder sogar psychotherapeutische Wirksamkeit entfalten und zum Motor eines inneren Entwicklungsprozesses werden. Im Tagebuch ist es möglich, sich ohne Angst vor Kritik zu äussern. So kann man sich mit Wahrheiten über das eigene Leben vertraut machen, die man vor anderen vielleicht verbergen will. Man lernt sich durch die Reflexion besser kennen, wird sich seiner selbst bewusster und damit eben im ursprünglichen Wortsinn selbstbewusster. Kontinuierlich genutzt, kann das Tagebuch helfen, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und mehr Gelassenheit Lebensfragen gegenüber zu entwickeln. Es kann zum stets zuverlässig verfügbaren Begleiter auf der Lebensreise werden. Nicht zuletzt ist es möglich, zum Beispiel durch das Aufschreiben von Träumen auch das eigene Unbewusste näher kennenzulernen.

Sehr oft beginnt das Tagebuchschreiben in einer Lebenskrise oder in einer Umbruchphase. Es wird zum Ventil für heftige Gefühle, denn Aufschreiben erleichtert. Beim Schreiben findet auch eine erste Klärung statt, weil man das Gedankendurcheinander ordnen muss, um es sprachlich fassen zu können. Neue Problemlösungen oder gar neue Lebensmöglichkeiten können in einer Art Simulation entworfen und ausgelotet werden.

Der deutsche Professor Lutz von Werder hat zusammen mit der Psychologin Barbara Schulte-Steinicke eine Anleitung zum wirksamen therapeutischen Tagebuchschreiben verfasst (siehe nachfolgender Buchtipp). Er zitiert darin zwei Forderungen der griechischen Antike, die für das Tagebuchschreiben richtungsweisend seien: «Erkenne dich selbst!» und «Werde, der du bist!». Es geht vorerst um Selbsterkenntnis, darum, den Mut zu haben, sich nichts vorzumachen. Aber auch darum, nicht stehenzubleiben, sondern sein Potential so weit wie möglich zu verwirklichen. Das Buch vermittelt unter anderem Techniken, wie man sich zum Schreiben aufwärmen kann, bietet geeignete Schreibanreize und gibt Anleitungen, wie sich Blockaden überwinden lassen.

 

Buchtipp

Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke: «Schreiben von Tag zu Tag. Wie das Tagebuch zum kreativen Begleiter wird. Ein Handbuch für die Praxis»; Patmos-Verlag, 2008, 312 Seiten, CHF 30.90

© Beobachter Ausgabe 26 vom 23. Dez 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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