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Partnerschaft

Jungfrauen wider Willen

Text:
  • Vera Sohmer
Bild:
  • Jupiterimages
Ausgabe:
24/08

Über 30 und in Sachen Sex noch völlig unerfahren? Keine Seltenheit. Eine Betroffene erzählt.

Was sie sich für ihre Ehe wünscht, bringt Heidi Keller (Name geändert) auf einen kurzen Nenner: «Mein Mann und ich wollen Sex - weil es dazugehört, völlig normal ist und weil wir Kinder möchten.» Heidi, ein junges Mädchen, das sich ausmalt, wie es einmal sein wird, wenn es den Richtigen gefunden hat? Falsch. Heidi Keller ist 37 Jahre alt, promovierte Anwältin, seit vier Jahren verheiratet - und hat noch nie mit ihrem Mann geschlafen. Dabei sehnen sich beide danach, ihre Liebe auch körperlich auszuleben. Doch sie hat Angst vor dem ersten Mal: Sie weiss nicht, was sie erwartet, wie es sich anfühlt, ob es wehtun wird. Und bei ihrem Mann ist die Erektion viel zu schnell wieder weg, als dass sie es ausprobieren könnten. «Wir haben es versucht, immer wieder geübt, aber es hat nicht geklappt.»

Keinen Sex zu haben war für Heidi Keller lange Zeit okay. Sie wollte unberührt in die Ehe gehen, aus Überzeugung und weil es ihrer konservativen Erziehung entspricht. Was aber nicht heisst, dass sie keine Liebesbeziehungen eingegangen wäre. Doch sie hatte klare Grenzen gezogen: Bloss kein sexuelles Interesse provozieren, war die Devise. Kuscheln und Küsse liess sie zu, auch zärtliche Berührungen wurden toleriert, aber nie zu viel, nicht unter der Gürtellinie - und nackt schon gar nicht. Als sie ihren künftigen Mann kennenlernte, sprach sie offen darüber, dass sie noch Jungfrau sei, und auch er habe sich als unberührt geoutet. Er wurde wie sie katholisch erzogen, verzichtete auf sexuelle Erfahrungen vor der Ehe. Ideale Voraussetzungen, gemeinsam die Sexualität zu entdecken, so schien es. Dass sich aus ihrer Unerfahrenheit ein derartiges Problem entwickeln würde, damit hatten sie beide nicht gerechnet.

Fast niemand spricht darüber

Sexualtherapeutin Anke Schüffler widerlegt die Ansicht, Angst vor dem ersten Mal sei allenfalls ein Problem von Teenagern. Sie arbeite immer wieder mit Erwachsenen, die noch unberührt sind. Wie viele es in der Schweiz gibt, ist nicht bekannt. Schätzungen in Deutschland zufolge hat jeder zehnte Erwachsene noch nie Sex gehabt. Doch kaum jemand spricht darüber. Kein Wunder, sagt die Therapeutin: «Wer gibt schon gerne zu, dass er mit 37 noch Jungfrau ist? Und wer traut sich zu sagen, dass es deshalb nicht klappt mit einer Partnerschaft?» Alle Welt redet über Sex. Wer im Bett Probleme hat, passt nicht ins Bild; und wer «es» noch nie gemacht hat, erst recht nicht. Erwachsene Jungfrauen stempeln sich daher schnell zu Aussenseitern, zu verklemmten Ewiggestrigen. Und die meisten von ihnen reden nicht über ihr Problem, nicht einmal mit den besten Freunden.

 

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Paartherapeut Markus Fäh bestätigt: «Auch wenn es so scheint, als seien wir alle sexuell aktiv und liberal, gibt es doch immer wieder Menschen, die bis ins mittlere Lebensalter keinen Sex haben.» Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Viele hätten Angst vor dem eigenen Körper, ihren Trieben und vor dem anderen Geschlecht. Manche entscheiden sich aus Angst vor zu viel Nähe für ein Singledasein. Anderen fehlt die Möglichkeit, jemanden kennenzulernen; und wenn sie die Gelegenheit hätten, wüssten sie nicht, wie sie für ihr Anliegen werben sollten. Anke Schüffler: «Sie sind unerfahren, haben kein sexuelles Selbstbewusstsein - sie verfügen nicht über die erotische Kompetenz, jemanden zu verführen.» Das lasse viele daran zweifeln, ob sie überhaupt gut genug sind für einen Partner. Deshalb verzichten sie auf Sex, flüchten in die Enthaltsamkeit. Und das funktioniere meist gut - bis sie sich verlieben.

Das erste Mal dank der Sexualtherapie

Therapeutin Schüffler plädiert dafür, ehrlich zu sein mit sich selbst. «Für manche Menschen mag es in Ordnung sein, ohne Sex zu leben. Aber die anderen dürfen sich eingestehen, dass ihnen etwas fehlt im Leben.»

Heidi Keller sagt, es sei höchste Zeit gewesen, sich dem Problem zu stellen: Sie und ihr Mann machen eine Sexualtherapie. «Dort arbeiten wir auf, was uns so lange gehindert hat. Wir lernen unsere Körper kennen, wie sie funktionieren - und wir erkunden, was uns guttut.»

Neulich gab es für die beiden ein erstes Mal. Zaghaft noch und kurz sei es gewesen. Aber jetzt wisse sie dafür, dass Sex nicht mit Schmerzen verbunden ist. Heidi Keller ist zuversichtlich, dass in ihrer Ehe bald Platz sein wird für ein genussvolles Sexualleben. «Und wenns am Anfang zahmer Blümchensex wird, ist das auch in Ordnung.» Denn sie seien ja schliesslich beide noch Anfänger.

Weitere Infos

Bei Problemen mit der Sexualität ist es ratsam, mit einem Therapeuten zu sprechen; bei der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen finden Sie verschiedene Dienstleistungen nach Fachgebieten sortiert: www.psychologie.ch

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© Beobachter Ausgabe 24 vom 26. Nov 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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