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Gedächtnistraining

Die Vergesslichkeit vergessen

Text:
  • Simon Eppenberger
Bild:
  • Jupiterimages

Mit den Jahren lässt die Leistungsfähigkeit des Gehirns nach. Doch Übungen können dem Erinnerungsvermögen wieder auf die Sprünge helfen.

Wie war doch gleich der Name der Frau? Sie winkt, kommt näher, nur noch zwei Meter bis zur Begrüssung. Verflixt, dieses Gesicht – ja klar, damals beim Geburtstag. Doch der Name, wie heisst die Frau gleich? Zu spät, sie streckt bereits die Hand aus.

Vor allem ältere Menschen machen sich in diesen Momenten Gedanken über ihr Gedächtnis, sorgen sich gar um ihre Vergesslichkeit. Doch solche Situationen können jedem passieren, unabhängig vom Alter. Verena Weinmann, 73, aus Wetzikon ZH wollte es gar nicht so weit kommen lassen und machte vor vier Jahren erstmals einen Kurs für Gedächtnistraining. «Das Hirn fit zu halten schadet nicht», habe sie sich gesagt. Seither besucht sie regelmässig Kurse. «So werde ich motiviert, Neues zu lernen, und sehe, dass ich für vieles noch nicht zu alt bin. Das tut schaurig gut.»

In einem solchen Kurs lernte Verena Weinmann unter anderem Strategien, um sich Namen effektiver merken zu können; unmittelbares Aufschreiben oder die Verbindung mit einem Bild sind zwei Möglichkeiten. «Die Vorstellung von Herrn Zimmermann als Zimmermann mit Säge, Holz und Hobel ist hilfreich», sagt Gedächtnistrainerin Ines Moser-Will. Namen seien wie Fremdwörter – sie bleiben oft nicht beim ersten Mal im Gedächtnis.

Die Verbindung verschiedener Faktoren stimuliert das Hirn, regt an und vernetzt manuelle und geistige Fähigkeiten. So umfassen die Tricks und Techniken fürs Gedächtnistraining oft die verschiedenen Sinneseindrücke. Neben der Sprache bieten Töne, Gerüche und Farben praktische Eselsbrücken, weil das Gedächtnis die Informationen automatisch mit Bildern, Geräuschen, Gefühlen und Gerüchen verbindet. Häufig geschieht das unbewusst: Der Geruch des Spitals erinnert an den Beinbruch vor fünf Jahren, das Geräusch des bremsenden Zuges an den Arbeitsweg, die raue Backsteinwand an das Elternhaus, das Plüschtier an die erste Katze.

Man muss nicht Astronaut sein

«Wichtig ist die Aktivierung des Kurzzeitgedächtnisses», erklärt Gedächtnistrainerin Moser-Will. Erst ein gut funktionierender Arbeitsspeicher erlaubt die Aufnahme von neuem und die Vernetzung von bestehendem Wissen. Deshalb soll ein Gedächtnistraining abwechslungsreich gestaltet und mit Übungen im Alltag verbunden werden. Beispiele: einen Tag lang nach der Farbe Orange Ausschau halten und sich im Kurs daran erinnern, was alles orange war. Oder eine Zeitung zur Hand nehmen und in einem Text so schnell wie möglich alle «e» und «ck» streichen.

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Allerdings sind nicht alle Übungen für alle gleich gut geeignet. «Neben der Motivation des Trainierenden ist eine individuelle Abklärung grundlegend», sagt Mike Martin, Professor für Alterspsychologie an der Universität Zürich. «Die Unterschiede bei Personen gleichen Alters sind erheblich.» Kriterien wie Beruf oder Bildung spielen zwar eine Rolle, sind aber nicht entscheidend, wie gut Hirn und Gedächtnis arbeiten. «Das geistige Leistungs- und Entwicklungsvermögen ist kein Schicksal, sondern eine Frage des Verhaltens», sagt Martin. Wenn jemand etwa jahrzehntelang am Fliessband arbeitet, daneben aber aktiv im Leben steht, verantwortungsvolle Aufgaben hat und verschiedene Tätigkeiten ausübt, kann das Hirn genauso leistungsfähig sein wie jenes eines Arztes oder eines Astronauten.

Nachweisliche Defizite der Hirnleistung können durch ein gezieltes und kontinuierliches Training zumindest teilweise wettgemacht werden. Das gilt für jedes Alter und unabhängig vom Gesundheitszustand. Demenzkranke Personen erlangen durch Gedächtnistraining ihre ursprüngliche Leistungsfähigkeit zwar nicht zurück, weisen aber eine bessere Merkfähigkeit auf und bleiben länger sozial integriert. Mit einem Dutzend Trainingsstunden ist das jedoch nicht möglich. Nur regelmässiges und langfristiges Üben bringt einen Erfolg, der anhält – ähnlich wie beim Sport.

Am wirkungsvollsten ist das Ändern des täglichen Verhaltens. Wenn neue Anreize für das Hirn in den Alltag integriert werden, klappt es mit dem Trainieren automatisch und ohne grossen zeitlichen Aufwand: die Einkaufsliste aus dem Gedächtnis abrufen, eine fremdsprachige Zeitung lesen, kopfrechnen. Wem dies nicht genug ist, kann Strategien aus einem Gedächtnistraining praktisch einsetzen und sich beim Jassen alle gespielten Karten merken oder bei der Zusammenkunft des Sportvereins alle Namen der Anwesenden.

Wenn es trotz gezieltem Training nicht so recht klappen will, könnte der Grund einfach sein: Stress. Dauernde Zeitknappheit beeinträchtigt das Gedächtnis. Deshalb ist es möglich, dass ein besseres Zeitmanagement grössere Wirkung erzielt als ein Gedächtnistraining.

 

Und was verspricht die Zukunft? Heute setzen sich überwiegend jene Leute aktiv mit dem Hirn auseinander, die ohnehin geistig fit sind. Viele, die sich um ihre Gedächtnisleistung sorgen, verdrängen hingegen den Gedanken, nicht mehr «zwäg im Kopf» zu sein – sie nehmen keine Hilfe in Anspruch. «Das wird sich künftig ändern», sagt Mike Martin. In Japan zum Beispiel sei das Hirntraining bereits zu einem Volkssport geworden.

Gehirntraining

  • Lernen Sie die Einkaufsliste durch bildhafte Vorstellungen auswendig. Sie können die Produkte zum Beispiel einem Körperteil zuordnen: die Milch dem Fuss, das Brot dem Kopf, die Äpfel den Augen. Auf dieselbe Weise können Sie sich auch eine Kontonummer merken.
  • Trainieren Sie Ihre beiden Gehirnhälften, indem Sie von Zeit zu Zeit etwas mit links tun, wofür Sie normalerweise die rechte Hand benutzen (oder umgekehrt): die Zähne putzen, Zwiebeln schneiden, eine Telefonnummer wählen, Jasskarten halten, die Tür schliessen.
  • Versuchen Sie, alltägliche Verrichtungen mit geschlossenen oder verbundenen Augen zu tun: ein Joghurt öffnen und auslöffeln, eine Orange schälen oder die Schuhe binden.
  • Steigen Sie Treppen im Passgang hinauf und hinunter. Oder gehen Sie kurze Strecken rückwärts.
  • Verfremden Sie Sätze nach folgendem Muster: «Whictig ist eziing, dsas der ertse und der lettze Buhcstbaen eneis Wtreos stemimn. Der Rset knan ein völilegs Duchrienanedr sein und trtozedm prboelmols gelseen wreden – Kroretkrummporgrae im Hrin mcehan es milögch.» Sie werden sehen: Es spielt keine Rolle, welche Reihenfolge die Buchstaben in einem Wort haben.

 

Neun Rätsel inkl. Auflösung: zum Denksport
(PDF, 58 kb)

 

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