Meist schreibt der Volksglaube einzeln stehenden, sehr alten Bäumen wie der bekannten Linde von Linn eine besondere Bedeutung zu.
Der Glaube an die Macht der Bäume ist fest in unserem Kulturgut verankert. In der germanischen Mythologie verkörpert die Esche Yggdrasil den ganzen Kosmos. Einigen heidnischen Völkern waren besondere, meist einzeln stehende Bäume so heilig, dass sie weder umgehauen noch ihrer Zweige beraubt werden durften. Christliche Missionare versuchten diesen Kult zu unterbinden, fällten die Bäume – und bezahlten häufig mit ihrem Leben dafür.
Vielerorts gingen junge Mädchen zur Wintersonnenwende in den Wald und umarmten die Bäume. Durch den engen Kontakt sollten sie einen verstorbenen Ahnengeist aufnehmen, um ihn eines Tages wieder ins Leben zurückzuführen. Auch der Weihnachtsblock, den man zu Urgrossmutters Zeiten in der Schweiz noch kannte, soll Ahnenwesen enthalten haben. Dabei handelt es sich um einen alten Baumstrunk, den man während der kürzesten Tage ins Haus holte – und der Kraft und Wärme spendete.
In den katholischen Gebieten der Schweiz sind heilige Bäume bis in unsere Zeit bekannt. Bei der Einführung des Christentums wurden sie mit christlichen Symbolen versehen und als eigentliche Naturkapellen genutzt.
Oft sind es skurrile Baumgestalten und eigenartige Wuchsformen, die die Phantasie der Menschen anregen. So werden wirre Triebe manchenorts mit dem Teufel in Verbindung gebracht, die Hohlräume im Innern von alten Bäumen mit Zwergen und Elfen. In der Elfenau bei Bern soll sich sogar die Madonna in einer Eiche offenbaren – die Wülste um einen beschädigten Teil des Stamms bilden die Umrisse einer weiblich wirkenden Gestalt in einem Umhang.
Aber auch ohne solche Symbolik kann der Besuch eines Baums ein besonderes Erlebnis sein. Ein Spaziergang durch den Wald wirkt erholsam für Körper und Geist: Die natürlichen Gerüche und Geräusche regen unsere Sinne an und bieten eine wohltuende Abwechslung zum Lärm und Gestank der Zivilisation. Zudem bilden solitäre Baumriesen für viele Tiere und Pflanzen ein eigenes, in sich geschlossenes Ökosystem. So wird die Rast im Schatten einer grossen Baumkrone garantiert nie langweilig.
Kurt Derungs: «Baumzauber. Die 22 Kultbäume der Schweiz»; Edition Amalia, 2008, 192 Seiten, 39.90 CHF
Magisches Holz
Bäume beflügeln die Phantasie
Meist schreibt der Volksglaube einzeln stehenden, sehr alten Bäumen wie der bekannten Linde von Linn eine besondere Bedeutung zu.
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Der Glaube an die Macht der Bäume ist fest in unserem Kulturgut verankert. In der germanischen Mythologie verkörpert die Esche Yggdrasil den ganzen Kosmos. Einigen heidnischen Völkern waren besondere, meist einzeln stehende Bäume so heilig, dass sie weder umgehauen noch ihrer Zweige beraubt werden durften. Christliche Missionare versuchten diesen Kult zu unterbinden, fällten die Bäume – und bezahlten häufig mit ihrem Leben dafür.
Vielerorts gingen junge Mädchen zur Wintersonnenwende in den Wald und umarmten die Bäume. Durch den engen Kontakt sollten sie einen verstorbenen Ahnengeist aufnehmen, um ihn eines Tages wieder ins Leben zurückzuführen. Auch der Weihnachtsblock, den man zu Urgrossmutters Zeiten in der Schweiz noch kannte, soll Ahnenwesen enthalten haben. Dabei handelt es sich um einen alten Baumstrunk, den man während der kürzesten Tage ins Haus holte – und der Kraft und Wärme spendete.
In den katholischen Gebieten der Schweiz sind heilige Bäume bis in unsere Zeit bekannt. Bei der Einführung des Christentums wurden sie mit christlichen Symbolen versehen und als eigentliche Naturkapellen genutzt.
Oft sind es skurrile Baumgestalten und eigenartige Wuchsformen, die die Phantasie der Menschen anregen. So werden wirre Triebe manchenorts mit dem Teufel in Verbindung gebracht, die Hohlräume im Innern von alten Bäumen mit Zwergen und Elfen. In der Elfenau bei Bern soll sich sogar die Madonna in einer Eiche offenbaren – die Wülste um einen beschädigten Teil des Stamms bilden die Umrisse einer weiblich wirkenden Gestalt in einem Umhang.
Aber auch ohne solche Symbolik kann der Besuch eines Baums ein besonderes Erlebnis sein. Ein Spaziergang durch den Wald wirkt erholsam für Körper und Geist: Die natürlichen Gerüche und Geräusche regen unsere Sinne an und bieten eine wohltuende Abwechslung zum Lärm und Gestank der Zivilisation. Zudem bilden solitäre Baumriesen für viele Tiere und Pflanzen ein eigenes, in sich geschlossenes Ökosystem. So wird die Rast im Schatten einer grossen Baumkrone garantiert nie langweilig.
Religiöse Symbolik mit Denkmalstatus
Buchtipp
Kurt Derungs: «Baumzauber. Die 22 Kultbäume der Schweiz»; Edition Amalia, 2008, 192 Seiten, 39.90 CHF
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© BeobachterNatur Ausgabe 5 vom 01. Jun 2011 - Alle Rechte vorbehalten