Tourismus

Schweizer Hilfsprojekt bedroht Python-Paradies

Text:
  • Peter Jaeggi
Bild:
  • Mariluna Wikimedia
Ausgabe:
2/10

Mit Schweizer Steuergeldern wird auf der indonesischen Insel Flores ein Tourismusprojekt realisiert. Es soll der Bevölkerung ein Einkommen bieten und bezieht auch eine Pythonhöhle mit ein. Experten warnen: Wird die Höhle erschlossen, bedeutet dies das Aus für die Schlangen.

Mit gesenktem Kopf kniet der einheimische Bauer vor dem dunklen Loch, in das gleich eine Gruppe Touristen steigen wird. «Ihr Ahnen, wir grüssen euch», setzt er zum Gebet an. «Sorgt euch nicht. Empfangt uns wohlwollend. Schützt uns!»

Ohne dieses Ritual darf niemand die 170 Meter lange Höhle betreten, die lokale Gemeinschaft empfände dies als Respektlosigkeit gegenüber den Lebewesen in der Grotte. Der Legende nach wurde einst ein ganzes Dorf an diesen Ort verbannt: Weil die Bewohner Inzucht betrieben, wurden sie in Schlangen verwandelt. Für die Einwohner der indonesischen Insel Flores ist die Höhle Wae Wau, übersetzt: «stinkendes Wasser», deshalb ein heiliger Ort.

Der Weg zur Schlangehöhle und wie die Ahnen beschwört werden, bevor die Höhle betreten wird (weil es in der Höhle zu dunkel war, konnten die Schlangen nicht gefilmt werden)

Ihrem Namen macht sie alle Ehre. Mit jedem Schritt wird der Ammoniakgestank beissender. Schuld ist der Kot von Abertausenden von Flughunden und Fledermäusen. Nach 90 Metern enthält die Luft noch 14 Prozent Sauerstoff – normal wären 21 Prozent. Besucher ringen nach Luft, kriegen Angst. Manchmal reicht das mit Fledermauskot durchsetzte Wasser bis zu den Oberschenkeln. Darin wimmelt es von kleinen Fledermäusen – noch zappelnden, aber auch toten. Auch Wände und Decke sind voller Fledermäuse und Insekten.

  • Ari Daru, der Führer der kleinen Gruppe, ruft: «Schaut, dort liegt ein Netzpython! Links oben, zusammengerollt in einer kleinen Seitenhöhle. Ich glaube, der misst über vier Meter.» Nur kurz ist die goldgelb gezeichnete Schlange zu sehen. Sie fühlt sich durch die Besucher gestört und schleicht ab. Als Ari Daru das letzte Mal hier war, entdeckte er ein Dutzend Netzpythons.

    Schweiz investiert fünf Millionen

    Bis vor kurzem kannte kaum ein ausländischer Besucher diesen Ort. Das änderte sich mit der Ankunft von Swisscontact, der Entwicklungsorganisation der Schweizer Wirtschaft. Laut Eigenwerbung fördert sie seit 1959 durch Beratung, Aus- und Weiterbildung die privatwirtschaftliche und soziale Entwicklung in Ländern des Südens und Ostens.

    Auf Flores setzt Swisscontact im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit ein Tourismuskonzept des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) um. Ausbildung von Tourismusfachleuten, Weiterbildung für Guides und Hotelangestellte, Beratung für Hotelbetreiber, Aufbau, Marketing und umweltgerechtes Management von neuen Destinationen das sind die Ziele des Seco-Projekts auf Flores. All dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem indonesischen Staat und örtlichen Institutionen. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt; das Seco investiert rund fünf Millionen Franken. Vom Schweizer Geldfluss soll vor allem die lokale Bevölkerung profitieren.

    Touristen vertreiben die Tiere

    Die Aufbauhilfe der Schweizer wird vor Ort geschätzt. Biologen kritisieren aber, dass neben unproblematischen Gebieten auch die Pythonhöhle Wae Wau touristisch erschlossen werden soll. Einer davon ist Mark Auliya. Aus Rücksicht auf die Tiere sollten nur Forscher die Höhle besuchen, meint der deutsche Schlangenexperte. «Ein Massenansturm von Besuchern könnte Flughunde und Fledermäuse so stark stören, dass sie den Ort verlassen.» Ist die Nahrungsgrundlage der Netzpythons weg, verschwinden auch die Schlangen, befürchtet Auliya. Das weiss auch der einheimische Führer Ari Daru: «Besucher vertreiben die Fledermäuse. Das habe ich in einer anderen Höhle selbst erlebt. Dort hat es jetzt keine Schlangen mehr.»

    Doch nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Menschen könnte die touristische Nutzung der Höhle gefährlich werden, denn Flughunde übertragen Krankheiten. «Wer in den Tropen und Subtropen eine Fledermaushöhle betritt, setzt sich krank machenden Pilzsporen aus», warnt etwa der renommierte kanadische Fledermausforscher Brock Fenton. Histoplasmen, wie diese Erreger heissen, finden sich vor allem im Umfeld von Vogelniststätten sowie in Fledermaushöhlen, wo sich die Pilze im Erdboden, insbesondere im Kot, entwickeln. Die Pilzsporen gelangen über die Atemluft in den Körper und lösen die sogenannte Histoplasmose aus – eine Krankheit, die zwar meist nur grippeähnliche Symptome verursacht, aber in Ausnahmefällen auch zum Tod führen kann. Daneben können Flughunde auch Tollwut übertragen. «Deshalb», so Brock Fenton, «rate ich dringend vom Besuch solcher Fledermaushöhlen ab.»

    Unterstützung erhalten die Kritiker auch von der Schweizer Geografin und Agrarökologin Ladina Alioth. Sie hat eine Tragfähigkeitsstudie zum Projekt erstellt und ist in ihrem Bericht zum Schluss gekommen, dass sich die Höhle Wae Wau nicht für den Tourismus eignet: «Das höchst sensible Ökosystem ist ein limitierender Faktor für eine touristische Nutzung.» Ausserdem, so Alioth, würden von der Entwicklung der Höhle nur sehr wenige Menschen aus der lokalen Bevölkerung profitieren.

    Swisscontact-Projektleiter Thomas Ulrich räumt zwar ein, dass die Höhle «aus ökologischer Sicht kein Platz für Massentourismus» sei. Trotzdem steht das Logo von Swisscontact auf einer überall erhältlichen Karte, die das ökologisch fragile Schlangenbiotop speziell hervorhebt.

  • Netzpython: Das längste Reptil der Welt

    Mit einer Länge von bis zu neun Metern ist der Netzpython die längste Schlange und damit das längste Reptil der Welt  und doch weitgehend unbekannt. Wegen ihrer schönen Haut wird die Riesenschlange in Südostasien stark bejagt.

    Der Netzpython (Python reticulatus) gehört zur Familie der Riesenschlangen und ist die längste Schlange der Welt. Das längste nachgewiesene Exemplar mass 8,7 Meter, wog 145 Kilogramm und lebte im Zoo von Pittsburgh (USA). In Gefangenschaft kann der Riese über 30 Jahre lang leben. Wie alt der Netzpython in Freiheit wird, ist nicht bekannt.

    Das Verbreitungsgebiet des Netzpythons umfasst grosse Teile Süd- und Südostasiens: Es erstreckt sich vom indischen Bundesstaat Assam und Bangladesch sowie der Nikobaren-Inselgruppe im Westen bis zu den Philippinen und in den Osten Indonesiens.

    Netzpythons sind sehr gute Schwimmer und haben viele Inseln Süd- und Südostasiens besiedelt. Bereits 1908 wurde der Netzpython daher auch als eine der ersten Wirbeltierarten wieder auf der Insel Krakatau festgestellt, nachdem diese 1883 durch einen Vulkanausbruch völlig zerstört worden war.

    Wenig Scheu vor Siedlungen

    Netzpythons sind sehr anpassungsfähige Tiere und besiedeln heute auch landwirtschaftliche Nutzflächen sowie Dörfer und Städte. Erwachsene Exemplare suchen meist Verstecke auf dem Boden auf. Über deren Art ist wenig bekannt, in besiedelten Bereichen ruhen die Tiere aber regelmässig unter Häusern. Grosse Exemplare nutzen Wasserstrassen, um sich geräuschlos ihrer Beute zu nähern.

    Auf dem Menüplan der jüngeren Netzpythons stehen mehrheitlich kleine Säugetiere wie Ratten oder Fledermäuse. Grössere Exemplare verzehren Hühnervögel, Affen, Schuppentiere, Kleinhirsche, aber auch bis zu 50 Kilogramm schwere Schweine. Belegt sind zudem auch wenige tödlich verlaufene Übergriffe auf Menschen.
    Meist aber ist nicht der Mensch, sondern das Tier das Opfer. Netzpythons werden vor allem wegen ihrer Haut gejagt, die zu Schuhen, Taschen, Portemonnaies oder Stiefeln verarbeitet wird. Jährlich werden über 300 000 Netzpythons zur Lederverarbeitung gefangen. Vielerorts ziehen die Jäger den Schlangen die Haut bei lebendigem Leib ab.

    Pythonfleisch als Potenzmittel

    Laut dem deutschen Zoologen und Schlangenexperten Mark Auliya ist die Art dank ihres grossen Verbreitungsgebietes nicht gefährdet. Prekär sei aber die Situation der Tiere in Malaysia und Indonesien, wo der Bestand stark abgenommen habe. «Der Hauthandel hat dazu geführt, dass lokale Populationen so stark dezimiert wurden, dass etablierte Händler ihr Geschäft aufgegeben haben.» Die beiden Länder exportieren zurzeit über 300 000 Pythons jährlich. Die Ausfuhr ist zwar legal, jedoch alles andere als nachhaltig. Die Nachfrage ist so gross, dass heute immer mehr Netzpythons noch vor ihrer Geschlechtsreife gefangen werden. Auch die traditionelle asiatische Volksmedizin fordert zahlreiche Opfer unter den Schlangen; auf der Insel Flores wird das rohe oder gedörrte Fleisch des Netzpythons als Potenzmittel verwendet, und Pythonfett wird bei Gelenkschmerzen eingerieben.

    Der Netzpython ist im Washingtoner Artenschutzübereinkommen gelistet und unterliegt daher Handelsbeschränkungen.

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Auch das Seco sieht in der Entwicklung der Höhle kein Problem. «Allen Beteiligten ist klar, dass an dieser einzigartigen, aber abgelegenen und eher unwirtlichen Lokalität Massentourismus gar keine Chance hat, sondern allenfalls eine limitierte Anzahl fachlich speziell interessierter Besucher angesprochen wäre», schreibt Seco-Projektleiter Stefan Denzler in einer Stellungnahme. «Diese Höhle ist darum auch nur marginal Teil der gesamten, die lokale Bevölkerung miteinbeziehenden Massnahmen im Hinblick auf einen nachhaltigen Tourismus auf Flores.»

Behörden setzen auf Touristen

Die Tourismusbehörde von Westflores scheint dies allerdings anders zu sehen. Bereits hat sie den ursprünglichen Namen der Höhle durch die werbewirksamere Bezeichnung «Snake Palace» Schlangenpalast – ersetzt. «Die Höhle hat einen sehr hohen touristischen Stellenwert», sagt der zuständige Beamte, Konstant Nandus. Deshalb plane man auch eine Strasse, die zu dem kleinen Naturparadies führen soll.

Die Kritiker des Projekts befürchten das Schlimmste für die Schlangenhöhle. Thomas Ulrich dagegen rät, als Schutzmassnahme gegen zu viele Besucher «den Eingang mit einem Eisengitter» abzuschliessen. Ob das reichen wird? Bereits hätten viele Touristen die Höhle besucht, berichten Einheimische – und das noch vor dem Bau der geplanten Erschliessungsstrasse.

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© BeobachterNatur Ausgabe 2 vom 12. Mär 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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