Umweltschutz Giftcocktails im Wasser

Gefahr für Flüsse und Seen: Jährlich werden deutlich mehr als 2000 Tonnen Pestizide versprüht.

Tausende Tonnen Pflanzenschutzmittel landen weiter auf Schweizer Feldern, in Gärten und Gewässern – auch nicht zugelassene Stoffe. Die Folgen sind gravierend. Doch Kontrollen gibt es kaum.

Konkrete Ergebnisse? Nein, das erwartet niemand ernsthaft, wenn man sich am 4. April beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) trifft und über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln diskutiert. Dabei sitzen dann in Bern eigentlich alle Interessengruppen zusammen, die etwas bewirken könnten: Bundesbehörden, Umweltorganisationen, Landwirte, Grossverteiler und vor allem Leute aus der Agrochemie. Doch wo man auch nachfragt: Niemand erhofft sich mehr von dem runden Tisch, als dass man einmal zusammensitzt und sich austauscht.

Dabei hätten Wissenschaftler des Wasserforschungsinstituts Eawag in Dübendorf die Marschrichtung eigentlich vor­gegeben. Sie veröffentlichten Anfang März einen Fachartikel mit dem Titel «Über 100 Pestizide in Fliessgewässern» – und der Bericht hält, was er verspricht. Die Forscher hatten im Jahr 2012 in fünf mittelgrossen Flüssen im Mittelland – Salmsacher Aach (TG), Furtbach (ZH), Surb (AG), Limpach (SO) und Mentue (VD) – die Pestizidbelastung gemessen. Zwar hatten sie nie daran gezweifelt, dass sie Pflanzenschutzmittel finden würden, «aber insbesondere die grosse Anzahl von Nachweisen sowie die hohen Konzentrationen haben uns überrascht», sagt Christian Stamm, einer der beteiligten Forscher.

Maximalwerte dürften viel höher liegen

Und da Zweiwochenmischproben untersucht wurden und sich so Spitzenkonzen­trationen von Pflanzenschutzmitteln verdünnen konnten, gehen die Forscher sogar noch von viel höheren Maximalwerten aus: «Es ist anzunehmen, dass die maximal ­zulässigen Mengen beim Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln in einigen Fällen systematisch überschritten werden», sagt Forscher Stamm.

Und das nicht nur bei einem einzelnen Wirkstoff. Stamm und seine Kollegen entdeckten «regelrechte Cocktails» von Substanzen. Darunter sind Mischungen aus chemisch völlig verschiedenen Wirkstoffen, die aber physiologisch gleich wirken. So fand sich in den Proben ein Mix, in dem zwar jede einzelne Substanz unter einem Mikrogramm pro Liter lag, alle miteinander aber deutlich darüber.

Die Wirkungen, die solche Kombina­tionen entfalten, sind weitgehend unerforscht. Das Fazit der Forscherinnen und Forscher: Landwirte, aber auch Hobbygärtner und Rasenbesitzer verursachen Gewässerbelastungen, die weit über das bisher vermutete Mass hinausgehen.

Von Unkrautvertilgern bis Rattengift

Schaut man etwas genauer hin, erstaunt die hohe Belastung kaum. In der Schweiz sind rund 500 sogenannte Pflanzenschutzmittel zugelassen: Herbizide gegen Unkräuter, Fungizide gegen Pilzbefall und Biozide, die als Desinfektions- oder Holzschutzmittel oder in Form von Rattengift zum Einsatz kommen. Die Bewilligungen erteilt das Bundesamt für Landwirtschaft. Umweltorganisationen werfen ihm vor, zu industriefreundlich zu sein und neue Substanzen im Zweifelsfall zuzulassen. Tatsächlich entzog das BLW seit 2005 rund 100 Substanzen die einst erteilte Zulassung, unter anderem weil sie sich als umwelt­gefährdend herausstellten. Im gleichen Zeitraum bewilligte das Bundesamt aber auch rund 70 neue Pflanzenschutzmittel. Einige davon, etwa die als bienengefährdend geltenden Substanzen aus der Gruppe der Neonicotinoide, sind mittlerweile bereits wieder (zumindest vorläufig) verboten (siehe Pflanzenschutz: Noch mehr Gift für Bienen?).

Beim Bundesamt für Landwirtschaft gibt man sich in Bezug auf die Resultate der ­Eawag-Studie betont gelassen. Was die Pestizidcocktails genau für Auswirkungen auf die Umwelt hätten, sei nicht klar, sagt Olivier Félix, Leiter der Sektion für nachhaltigen Pflanzenschutz. Weitherum akzeptiert sei, dass sich die Wirkung kumu­liere, wenn zwei Stoffe gleich wirkten. «Wir konzentrieren uns vor allem auf die Einzelstoffe.» Dazu gehöre etwa, die Anwendungsvorschriften so zu gestalten, dass ­keine toxikologisch bedenklichen Konzentrationen in Böden oder Gewässern gefunden werden könnten. Konkret: Kritische Kombinationen von verschiedenen Wirkstoffen, wie sie die Eawag-Studie zutage förderte, spielen bei der Zulassung durch das BLW kaum eine Rolle.

Die Sünder werden kaum je erwischt

Zwar werden für jeden einzelnen zugelassenen Stoff detaillierte Anwendungsvorschriften erlassen, etwa wann ein Mittel gespritzt werden darf und in welchen Konzentrationen. Tatsächlich gehen jedoch Landwirte, die zu viel Chemikalien einsetzen, es zum falschen Zeitpunkt tun oder gar zu illegalen Mitteln greifen, ein sehr geringes Risiko ein, erwischt zu werden. Die Kontrollen sind Sache der Kantone, und deren Mittel sind beschränkt. «Wir können nicht neben jedem Bauern stehen, wenn er Pflanzenschutzmittel anwendet», sagt Pascal Simon, Leiter landwirtschaft­liche Produktion des Kantons Baselland. Kontrolliert wird deshalb nur stichprobenweise oder auf Verdacht hin. Die Anzahl Kontrollen ist entsprechend überschaubar: Im Jahr 2011 wurden bei der jährlichen Kampagne in zehn Kantonen im Mittelland insgesamt 82 Proben genommen. Das Resultat: drei Beanstandungen bei Weizen, fünf beim Kartoffelanbau. Den fehlbaren Bauern wurden die Direktzahlungen um gerade einmal 18'000 Franken gekürzt.

Verbotenes Atrazin noch immer im Wasser

So erstaunt es wenig, dass in der Eawag-Studie in allen fünf getesteten Flüssen auch Atrazin gefunden wurde, ein Herbizid, das jahrelang nicht nur als Allroundmittel in der Landwirtschaft eingesetzt, sondern in hoher Konzentration auf Bahndämme gespritzt wurde. Atrazin darf seit Ende 2011 nicht mehr eingesetzt werden – und tauchte dennoch in den Eawag-Wasserproben vom Frühling und Sommer 2012 auf. Juliane Hollender, Leiterin der Abteilung Umweltchemie, geht von mindestens einem Fall aus, bei dem «ein Bauer Restmengen aufgebraucht hat». Andere, tiefere Atrazinwerte seien vermutlich auf Rücklösungen aus dem Boden oder Exfiltration aus belastetem Grundwasser zurückzuführen.

Auch über die auf Feldern und in Fami

liengärten ausgebrachten Wirkstoffmengen ist kaum etwas bekannt. Das Bundesamt für Landwirtschaft veröffentlicht lediglich summarische Zahlen. So wurden 2012 rund 2100 Tonnen Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Detailangaben sind nicht erhältlich, «wegen des Geschäftsgeheimnisses der Hersteller», wie BLW-Mann Olivier Félix erklärt. Klar ist, dass der in der Agrarpolitik 2007 festgelegte Zielwert von maximal 1500 Tonnen Pestiziden pro Jahr mittlerweile deutlich übertroffen ist.

«Sehr bedenklich» findet dies Marcel Liner, Landwirtschaftsspezialist bei der Naturschutzorganisation Pro Natura: «Nicht nur wegen der Menge, sondern auch weil die eingesetzten Substanzen in der Tendenz toxischer geworden sind.» Kommt dazu, dass die landwirtschaftlich genutzte Fläche seit Mitte der Nullerjahre gleich gross geblieben ist. 40 Prozent mehr und giftigere Chemie auf gleich viel Ackerland – eigentlich gäbe es am runden Tisch vom 4. April viel zu besprechen.

Autor:
  • Thomas Angeli
Bild:
  • Arno Balzarini/Keystone
21. März 2014, Beobachter 6/2014