Haustiere Warum wir Hunde und Katzen lieben

Tierische Freunde: Warum wir Hunde und Katzen lieben
Foto: Thinkstock-Kollektion

Hunde und Katzen sind Lieblinge, Lebenspartner und Kinderersatz. Dabei zeigen sie uns mit sanften Pfoten den Meister.

Lancelot sei sehr sozial, extrovertiert und total verschmust, schwärmt Eva Noser, 44. Sie spricht nicht von ihrem Lebenspartner, sondern von ihrem Somali-Kater. Die Ärztin wohnt mit Mann, Hund und einem sechsköpfigen Katzenclan unter einem Dach. «Katzen sind wunderbar, sie bereichern unser Leben», sagt Noser, die einen Verein gegründet hat, der Kinder für den Umgang mit Hauskatzen sensibilisieren will.

Auch Daniela Blum, Autorin des Katzen-Blogs «Kamikatze» (siehe Artikel zum Thema), teilt ihre Zürcher Stadtwohnung mit mittlerweile sechs Untermietern. Die ehemaligen Heim- und Strassenkatzen halten ihre Wohltäterin auf Trab und liefern den Stoff für abenteuerlich-absurde Geschichten. Wie man ohne Katzen zu leben vermag? Die Journalistin kann es nicht verstehen: «Mein Alltag wäre viel ärmer an Charme, Witz und Psychosen.»

Menschen, die mit Vierbeinern wenig am Hut haben, mögen sich über passionierte Tierfreunde wie Blum und Noser wundern. Doch innige Beziehungen zwischen Mensch und Tier scheinen die Regel zu sein, nicht die Ausnahme. 70 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer geben als Grund, weshalb sie ein Tier haben, «Tierliebe» an, und rund jeder Fünfte hält ein Tier, weil es ihm «Gesellschaft leistet», wie eine Umfrage der Vergleichsseite bonus.ch bei 2500 Personen ergab. In Grossbritannien betrachten 40 Prozent der Tierhalter ihr Tier gar als Familienmitglied.

Bild: Thinkstock-Kollektion

Hunde haben Herrchen, Katzen Personal. Das sagt schon viel über die Beziehung Mensch-Hund und Mensch-Katze. Hunde sind Rudeltiere, die sich unterordnen und auf Kommando gehorchen. Bei Katzen sind Befehle zwecklos.

Trennung von Nutz- und Haustier

Schnurrli und Bello – in der Schweiz leben rund 1,35 Millionen Katzen und 500'000 Hunde – haben in unserer individualisierten Gesellschaft offenbar neue Rollen übernommen. Der Hund ist kein Wächter mehr, die Katze maust nicht mehr; die Vierbeiner sind zu Partnern geworden, sind Kinderersatz, Mitbewohner, Lebensabschnittsgefährten. Hat man die Vierbeiner früher gefüttert, serviert man ihnen heute «Frühstück» und «Abendessen», appetitlich hergerichtet und mit Grünzeug dekoriert, wie es die Werbung suggeriert. Ums Wohl unserer Schätzchen kümmert sich eine Schar von Tierärztinnen, Hundetrainern, Tierpsychologinnen und Tierflüsterern. Sterben unsere Lieblinge, trauern wir um sie und begraben sie – womöglich auf einem Tierfriedhof.

Die moderne Tierforschung spricht von Sozialpartnerschaft, der Trend heisst Vermenschlichung. Tiere werden heute als Wesen wahrgenommen, die Rechte und Gefühle haben und deren Anliegen von Ombudsstellen und Tieranwälten vertreten werden. Dass Tiere Gefühle wie Angst und Freude haben, glaubt die Mehrheit der Deutschschweizer und Romands, wie eine Studie des Zürcher Zoologen und Katzenforschers Dennis C. Turner von 2009 zeigt.

Wer nun glaubt, in dieser Entwicklung ein Symptom westlicher Wohlstandsverwahrlosung und Dekadenz zu erkennen, täuscht sich. Auch in anderen Kulturen scheint eine ähnliche Entwicklung im Gang zu sein. Eine noch nicht publizierte Studie Turners zeigt, dass eine Mehrheit der Menschen rund um den Globus Hund und Katze Gefühle zugesteht – von der Schweiz über China und Brasilien bis Jordanien. Der Mensch, scheint es, hat den Menschen im Tier entdeckt. Allerdings nicht in jedem: Nutztiere sind davon in der Regel ausgenommen. Der deutsche Psychologe Erhard Olbrich konstatiert eine «merkwürdig schizophrene Haltung» gegenüber Tieren: «Auf der einen Seite sehen wir beim Masttier nur seinen Nutzen, auf der anderen Seite vermenschlichen wir unsere Haustiere.»

Wer die Vermenschlichung der Haustiere kritisiert oder ins Lächerliche zieht, macht es sich jedoch zu einfach. «Viele intuitive Annahmen von Tierhaltern haben sich mittlerweile als richtig herausgestellt», sagt Katzenforscher Turner. Etwa dass viele höher entwickelte Säugetiere eine Persönlichkeit haben – für Tierfreunde eine Binsenwahrheit.

Noch bis vor kurzem fristete die Mensch-Tier-Beziehung innerhalb der Wissenschaft ein Mauerblümchendasein. «Wir wurden belächelt», erinnert sich Turner. «Mit domestizierten Tieren zu arbeiten war unter Zoologen verpönt.» Die Geringschätzung hat sich unterdessen in Interesse verwandelt: Ab dem nächsten Jahr wird die Mensch-Tier-Beziehung erstmals eine akademische Disziplin – an der Universität Wien, mit Unterstützung der Schweizer Messerli-Stiftung.

Foto: Light/Corbis/RDB

Für Hunde giftig sind Schokolade, aber auch Zwiebeln, Weintrauben und Rosinen.

Evolutionärer Vorteil dank Hund

Neu ist die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht. Bereits vor mehr als 14'000 Jahren haben wir uns den Hund zum Gefährten gemacht; und ein 9500 Jahre altes, auf Zypern entdecktes Katzengrab zeugt davon, dass solche Beziehungen schon vor Jahrtausenden innig sein konnten: Das Tier wurde gleich neben dem Menschen bestattet (siehe «Wege zum Haustier», ab Seite 40).

Doch woher kommt sie, unsere Faszination fürs Animalische? Verhaltensforscher gehen davon aus, dass sich die Liebe zum Tier, wie die Liebe zur Natur, im Lauf der Evolution entwickelt hat. Erstmals formuliert hat diese These der berühmte Zoologe Edward O. Wilson in seinem Werk «Biophilia» aus dem Jahr 1984. Die emotionale Verbundenheit war ein evolutionärer Vorteil: Als Jäger und Sammler waren unsere Vorfahren auf das Wissen über Tiere und Pflanzen angewiesen, sie mussten sie lesen, ihr Verhalten voraussagen können. Das galt auch für das erste domestizierte Tier, den Hund: Je besser Hund und Meister sich verstanden, desto grösser fiel bei der Jagd die Beute aus.

Mit Frauen «reden» Katzen mehr

Nicht nur der Mensch hat sich dem Tier, das Tier hat sich auch uns angepasst. Über die Jahrtausende des Zusammenlebens haben Hunde die Fähigkeit entwickelt, menschliches Verhalten zu lesen. Sie verstehen unsere Sprache und Gestik besser als Menschenaffen, wie Verhaltensbiologen belegen konnten.

Auch Katzen sind wahre Anpassungstalente: Ihr raubtierhaftes Einzelgängertum haben sie in ein Sozialverhalten abgeändert, das mit dem unsrigen kompatibel ist. So haben sich die Nachfahren der nachtaktiven Wildkatzen dem menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus angepasst – Hauskatzen schlafen ebenfalls durch, nicht selten mit ihren Besitzern in einem Bett.

Wenn es um so wichtige Dinge wie Futter geht, arbeiten die Stubentiger mit raffinierten Tricks. Sie betten ins behagliche Geräusch des Schnurrens ein schrilles «Miau» ein, das ans Schreien eines Menschenbabys erinnert – und auch dieselbe Frequenz hat, wie die Kommunikationsforscherin Karen McComb herausfand. Katzen setzen ihre Töne – rund 30 verschiedene haben sie im Repertoire – häufiger in der Kommunikation mit Menschen ein als in der mit Artgenossen. Mit Frauen «schwatzen» Katzen häufiger als mit Männern, «wohl weil Frauen häufiger mit Katzen reden», vermutet Dennis C. Turner.

Foto: Colourbox

Fast jeder zweite ­Katzenbesitzer hat ein Bild seines Haustiers im Portemonnaie.

Das Tier zeigt uns den Meister

In der Verfolgung ihrer Ziele sind Tiere von einer bewundernswerten Konsequenz. Wer meint, er sei es, der sein Tier erzieht, muss sich von der Wissenschaft eines Besseren belehren lassen. «Meistens erzieht ein Tier den Besitzer stärker als umgekehrt», sagt der Wiener Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal, der mit Hunden und Wölfen arbeitet. «Es wäre ein Irrglaube zu sagen: ‹Ich schaff mir einen Hund an und erzieh den ein wenig.›»

Auch Katzenexperte Dennis C. Turner weiss aus jahrzehntelanger Forschungsarbeit wie aus eigener Erfahrung, dass es das Tier ist, das den Menschen trainiert und belohnt. «Wir meinen, Katzen streicheln zu können, wann wir es wollen. Dabei ist es die Katze, die bestimmt, ob und wie lange sie gestreichelt werden will.» Mit Strafen und Strenge, so Dennis C. Turner, bewirke man bei Katzen im Übrigen rein gar nichts.

Das Tier zeigt uns den Meister, nicht umgekehrt. Dazu braucht der Vierbeiner kein Riesenhund zu sein. «Meist sind es die kleinsten Hunde, die ihrem Besitzer auf der Nase herumtanzen», beobachtet Kotrschal. Turner, der am Zürcher Tierspital jahrelang Problemhunde behandelt hat, erinnert sich an zahlreiche ältere Damen, die von ihren Dackeln regelrecht terrorisiert wurden. Auch die Zürcher Tierärztin und Hundetrainerin Veronica Dieth kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, einen verzogenen Hund wieder sozialtauglich zu machen.

Manch ein Tierhalter mag sich tatsächlich wie ein moderner Sklave vorkommen: Miaumiau und Wauwau wollen gefüttert, gestreichelt oder spazieren geführt werden, bei jedem Wetter, mehrmals am Tag, ein ganzes Tierleben lang. Oft fehlt es an grundlegendem Wissen. «Viele Halter haben keine Ahnung davon, was auf sie zukommt», sagt die Tierpsychologin Verena Grünig aus Schaffhausen. «Sie würden sich besser ein Stofftier kaufen.» Dass auch Schosshündchen vom Wolf abstammen und mit einem Schäferhund mehr gemein haben als mit einem Kätzchen, ist vielen Tierfreunden nicht bewusst.

Manche sind mit ihrem Tier komplett überfordert und wissen nur einen Ausweg: das Tierheim oder die Strasse. Tausenden von Vierbeinern wird jedes Jahr auf diese Weise die Liebe gekündigt. Ein weiterer Grund dafür mag sein, dass sich viele Tierhalter der Kosten nicht bewusst sind, die ihre Lieblinge verursachen: 50 bis 150 Franken pro Monat gibt die Mehrheit laut einer Umfrage von bonus.ch für Hunde und Katzen aus. Rund 1,2 Milliarden Franken lassen wir uns gemäss Bundesamt für Statistik unsere Tierliebe jährlich kosten.

Foto: Thinkstock-Kollektion

Das Riechhirn ist beim Hund im Vergleich zum Menschen riesig: Es macht beim ­Hundehirn zehn Prozent aus, beim Menschenhirn ein Prozent.

Glück, Gesundheit und Beruhigung

Doch was macht uns unsere tierischen Gefährten so teuer? Sie tun uns schlicht und einfach gut. Wenn die Katze schnurrt oder der Hund mit dem Schwanz wedelt, fühlt sich auch der Mensch glücklich. «Empathie und emotionale Ansteckung funktionieren über die Grenzen der Spezies hinweg», sagt Erhard Olbrich, der an der Universität Nürnberg jahrzehntelang die Psychologie der Tier-Mensch-Beziehungen erforschte.

Der Umgang mit Tieren kann Stress reduzieren. Katzen etwa haben eine blutdrucksenkende Wirkung auf ihre Halter. Medizinerin Eva Noser kennt den beruhigenden Effekt aus eigener Erfahrung: «Mich mit meinen Katzen zu beschäftigen ist das beste Mittel, um nach einem hektischen Arbeitstag abzuschalten.»

Dass das Herumtollen mit Hunden nicht nur Spass macht, sondern für Glücksgefühle sorgt, konnten jüngst japanische Forscher nachweisen: Der Mensch schüttet dabei das Hormon Oxytocin aus, einen Stoff, der sonst mit Liebe, Treue und der Mutter-Kind-Beziehung assoziiert wird.

Tiere machen nicht nur glücklich, sie halten uns auch gesund und fit. Das hat damit zu tun, dass sie als soziale Katalysatoren fungieren: Sie ermöglichen Herrchen und Frauchen mehr Kontakte, was wiederum deren Gesundheit zuträglich ist. Faktoren wie Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Rauchen und Bewegungsmangel werden so teilweise kompensiert. Tiere unterstützen auch die geistige Entwicklung von Kindern oder helfen gegen Einsamkeit und bei Verstimmungen. Bei Depressionen wirkt eine Katze häufig sogar besser als der Partner. «Allerdings kann sie eine bereits gute Laune nicht noch weiter steigern, wie ein Partner dies vermag», so der Katzenforscher Turner.

In modernen Gesellschaften hat das Tier neben der Rolle des Partners auch die des Therapeuten übernommen. «Von der Anwesenheit von Tieren zu profitieren» gilt gemäss der International Association of Human-Animal Interaction Organizations seit 2007 als «grundlegendes Menschenrecht». In der Praxis bedeutet das nicht selten eine Instrumentalisierung der Tiere. «In einigen Fällen werden Tiere – von der Katze bis zum Delphin – als Therapeuten regelrecht missbraucht», zeigt sich Dennis C. Turner, einer der Begründer der tiergestützten Therapie, besorgt.

Foto: Colourbox

Hund und Katze sind nicht umsonst unsere liebsten Tiere: Sie überschütten uns mit Zuneigung, sind treu und dankbar. Und sie haben gelernt, mit der Spezies Mensch und ihren Unzulänglichkeiten umzugehen.

Minime genetische Unterschiede

Dass der Mensch Tiere als Therapeuten, als Gefährten und Partner einsetzt, hat gute Gründe. «Die Beziehung zu einem Tier birgt deutlich weniger Frustpotential als zwischenmenschliche Beziehungen», konstatiert Psychologe Erhard Olbrich. Tiere sind in mancher Hinsicht die idealeren, verlässlicheren Partner. Menschen sind inkonsistent, Tiere hingegen ziemlich konsistent. Menschen knüpfen Bedingungen an ihre Zuneigung, Tiere nicht. «Wenn Sie in Washington einen Freund haben wollen, dann schaffen Sie sich einen Hund an», soll US-Präsident Harry S. Truman einst geraten haben.

Hunde scheinen in der Gunst des Menschen besonders weit oben zu stehen: Sie geniessen oft einen höheren Stellenwert als Familienmitglieder. Gemäss dem US-Forscher Lawrence Kurdek haben die Hundehalter unter den amerikanischen Studenten eine engere Beziehung zu ihrem Vierbeiner als zu ihrem Vater.

Hunde sind nicht nur prima Kumpel für Spiel und Sport, sie spüren auch, wenn es uns schlechtgeht, und stimmen ihr Verhalten darauf ab. «Die Sensitivität von Hunden für die emotionalen Befindlichkeiten des ‹Rudelchefs› ist enorm», sagt Olbrich.
Einer der Gründe, weshalb die Beziehung zum Tier oft sehr tief geht, ist die Art der Kommunikation: Sie beruht auf körperlicher Nähe und Berührung und spricht damit laut Olbrich «tiefere Schichten des Nervensystems an als verbale Kommunikation».

Dass Mensch und Tier miteinander überhaupt Beziehungen eingehen können, liegt an ihrer biologischen Grundausstattung: Säugetiere verfügen über ein ähnliches Bindungs-, Sexual- und Stressverhalten wie der Mensch. Auch in ihren sozialen Fähigkeiten, etwa in der Fähigkeit, Emotionen zu haben, ähneln sich Mensch und Tier. «Die genetischen Unterschiede sind minim», sagt Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. Wir sind unseren Haustieren ähnlicher, als vielen von uns lieb sein mag.

Auf längeres Anschauen reagiert eine Katze oft mit Gähnen – kein Zeichen von Müdigkeit, sondern eine Anti-Aggressions-Geste

Hundehalter schätzen Teamwork

Mit welchem Tier wir uns abgeben, ob wir Katzen, Hunde, Kaninchen oder Schlangen halten, sagt einiges über uns aus. «Gerade Hunde sind Codes nach aussen», sagt Kurt Kotrschal. Welcher Rasse der Hund angehört, ob er dick oder dünn ist, spielt bei der Einordnung des Halters eine grosse Rolle: «Es ist ein Unterschied, ob ein Mann mit einem Dobermann oder mit einem Toypudel auf der Strasse geht.» Dass Hundehalter Männer sind, die ihre Hunde beherrschen wollen, scheint jedoch ein Klischee zu sein. Neuere Untersuchungen der Universität Wien zeigen, dass bei Hundebesitzern Teamwork und Harmonie im Vordergrund stehen. Dass Katzenfreunde, wie landläufig angenommen, eher unkonventionelle Freigeister sind, bestätigt die Forschung hingegen. Bei Katzenhaltern dominieren Motive wie Freiheit, Unabhängigkeit und Anarchie; unter ihnen finden sich mehr Raucher als in Vergleichsgruppen.

In Wien fand man jüngst auch eine Teilantwort auf die Frage, ob Tiere unter der Vermenschlichung leiden. Überraschenderweise wiesen Hunde, die von ihren Besitzern wie kleine Kinder behandelt – sprich: verhätschelt – werden, geringere Stresswerte auf. «Ob der Hund ein Mäntelchen umhat, ist ihm egal, solange die Beziehung zum Halter gut ist», schliesst Studienleiter Kotrschal daraus.

Foto: Gettyimages

Die Katze bestimmt, wann es Zeit ist für eine Streicheleinheit. Auch der Hund weiss längst, wie er uns herumkriegt: mit treuherzigem Blick, herzzerreissendem Winseln oder ganz einfach mit einem festen Zug an der Leine oder am Hemd.

Der Hund bleibt ein Hund

Nicht alle Experten schliessen sich dieser Meinung vorbehaltlos an: Vieles, was Menschen von ihren Haustieren erwarten, sagt beispielsweise der Schweizer Biologe und Fernsehmoderator Andreas Moser, überfordere die Tiere. «Wenn wir von einem Hund menschliche Verhaltensweisen und Reaktionen erwarten, erzeugt das auf beiden Seiten Stress.» Der Mensch solle den Hund als das akzeptieren, was er sei: als Hund.

«Ein Hund ist kein Fun-Tool, er kann nicht Ski fahren oder Golf spielen, und Humor haben Hunde sowieso keinen», bringt Satiriker Frank Baumann die Defizite der Vierbeiner auf den Punkt. Was ihn nicht davon abhielt, mit Familienhund Bostitch – mit Perücke und Brille verkleidet – als Bühnenpartner aufzutreten. Vielleicht wusste Baumann, dass Mann mit Hund automatisch Sympathiepunkte sammelt. Dafür muss das Tier nicht einmal besonders treuherzig dreinblicken.

Foto: Thinkstock-Kollektion

Was Tierfreunde längst wissen, hat nun auch die Wissenschaft belegen können: Kuscheln und Spielen mit unseren Vierbeinern macht uns glücklich. Vielleicht weil es dabei keine Worte braucht: Tiere verstehen uns auch so.

Wege zum Haustier

So kamen Hund und Katze zum Menschen. Unsere Haustiere sind die Nachfahren einst wilder Arten. Bevor der Mensch sie zähmen und als Nutz- und Haustiere halten konnte, musste er sich in einem langen Prozess an die Tiere gewöhnen – und sie sich an ihn.

ca. 135'000 v. Chr.
Laut einer in der Zeitschrift «Science» veröffentlichten Studie existierte der Urhund gleichzeitig mit dem Neandertaler. Er soll sich unserem nahen Verwandten freiwillig angeschlossen haben, da er von ihm profitierte. Die These ist jedoch umstritten.

29'700 v. Chr.
Im heutigen Belgien stirbt ein Tier aus der Familie der Hundeartigen (Canidae), dessen Schädel im Vergleich zu jenem des Wolfs verkürzt ist, was generell als Merkmal der Domestikation betrachtet wird.

12'000 v. Chr.
Ein Mensch wird gemeinsam mit einem Hund begraben. Das Doppelgrab von Oberkassel in  Deutschland gilt in der Forschergemeinde als eindeutiges Indiz dafür, dass der Hund das älteste Haustier ist.

ca. 9500 v. Chr.
In der beginnenden Jungsteinzeit werden die Menschen allmählich sesshaft. Ihre Vorräte ziehen Mäuse an – und damit auch Katzen.

ca. 7500 v. Chr.
In Zypern wird ein Mensch mit einer Katze bestattet. Der Fund des Grabs im Jahr 2004 bestätigt, was genetische Vergleiche zwischen Haus- und Wildkatzen schon vermuten liessen: Die Domestikation der Katze beginnt in dieser Ecke der Welt – genauer: im Nahen Osten, von wo sich die Gene der Wildkatzenart Felis silvestris lybica ausbreiten.

ca. 7000 v. Chr.
In Algerien malt ein Steinzeitmensch in einer Höhle der Gebirgskette Tassili N’Ajjer eine Jagdszene. Auch Hunde sind auf dem Bild verewigt. Sie treiben das Wild vor sich her.

3000 v. Chr.
Die Ägypter ent­decken die künstliche Auslese. Sie züchten erste Rassen, die je nach Körperbau eher für die Jagd oder den Kampf geeignet sind.

900 v. Chr.
Die Ägypter verehren Katzen als Abbild der Fruchtbarkeitsgöttin Bastet. Sie halten Katzen als Tempeltiere und mumifizieren sie sogar. Zeugnis des Bestattungskults sind die riesigen Friedhöfe in Bubastis, der heiligen Stadt der Göttin.

500 v. Chr.
Die Römer setzen Hunde für verschiedene Aufgaben ein: als Hirten-, Wach-, Jagd- und Kampfhunde. Es bilden sich weitere Rassen.

Katzen bekämpfen auf griechischen Schiffen die Mäuse an Bord und sichern so die Vorräte und das Überleben der Menschen.

300 v. Chr.
Auch die Römer schliessen Freundschaft mit Katzen. Dank ihrem Hang zur Reinlichkeit lösen diese das Frettchen ab, das bisher zur Schädlingsbekämpfung gehalten wurde.

200 v. Chr.
Die Chinesen der Han-Dynastie züchten Pekinesen. Sie sind zunächst als Palasthunde dem Kaiserhaus vorbehalten.

6. bis 15. Jahrhundert
Im Mittelalter gelten Hunde als unhygienisch, man fürchtet sich vor verwilderten Rudeln. Mancherorts werden Hunde­fänger eingesetzt. Einzig der Adel liebt die Hunde. Jagd­meuten und Schosshunde sind Statussymbole.

Die Menschen des Mittelalters haben eine zwiespältige Beziehung zur Hauskatze. Man schätzt sie als Jägerin von Ratten und Mäusen, gleichzeitig wird sie aber auch dämonisiert – vor allem während der Hexenverfolgung im Spät­mittelalter.

14. bis 18. Jahrhundert
Im fernen Asien passiert etwas Interessantes: Dort leben keine Wildformen, mit denen sich die Hauskatze mischen kann. In den isolierten Gruppen setzen sich Mutanten durch – Rassen wie die Siamkatze entstehen.

18. Jahrhundert
Inzwischen gibt es mehr als 20 verschiedene Hunderassen. Sie leben in allen Bevölkerungsschichten, wobei die Jagdhunde nach wie vor dem Adel vorbehalten sind.

19. Jahrhundert
Erst jetzt werden gezielt Rassen gezüchtet, vor allem in England.

1814
Der Bernhardiner Barry stirbt, der als Lawinenhund auf dem Grossen St. Bernhard Bekanntheit erlangt hat: Er soll über 40 Personen das Leben gerettet haben. Der Held wird aus­gestopft und kann noch heute im Natur­historischen Museum in Bern besucht werden.

1871
Der englische Künstler Harrison Weir organisiert die erste Rasseausstellung in London. Der Tierzeichner und Buchillustrator gilt als Begründer der modernen Katzenzucht.

2006
Die US-Biotechnologiefirma Allerca züchtet eine angeblich hypoallergene Katze. Da ihr ein bestimmtes Protein fehlt, soll sie auch Allergikern keine Probleme bereiten.

2010
Heute gibt es über 350 Hunderassen. Zahlreiche Linien sind jedoch überzüchtet oder leiden an Erbkrankheiten – wie Möpse, die kaum atmen können, oder Deutsche Schäfer, die schon in jungen Jahren an Arthrose leiden.

50 bis 100 Katzenrassen sind als solche anerkannt – abhängig vom Verband. Die World Cat Federation etwa geht von 66 Rassen aus. Mit künstlicher Befruchtung betreten Züchter neues Terrain: Sie kreuzen Katzen, die sich nicht natürlich paaren würden.

Autor:
  • Tatjana Stocker
Mitarbeit:
  • Andrea Freiermuth
07. Oktober 2010, Beobachter 8/2010