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Editorial

Der Hormon-Mythos

Text:
  • Remo Leupin
Ausgabe:
4/10

«Östrogen hin, Testosteron her: In Sachen Sexualität spüren wir das ganze Jahr ­über den Frühling.»

Spüren Sie es auch? Die Tage werden länger, die Natur erblüht, und Lusthormone übernehmen die Kontrolle über unsere Sinne: Endlich kommt Schwung ins Liebesleben.

Schön wärs.

«Frühlingsgefühle» finden allenfalls in Lifestyle-Magazinen statt, hat die Hormonforschung herausgefunden: Biologisch gesehen hat das Frühlingserwachen kaum noch einen Einfluss auf den Menschen. Dass wir in diesen Tagen vermehrt den «Frühling spüren», sei in erster Linie ein psychologisches Phänomen, sagt etwa der Biologe Markus Heinrichs: «Wichtiger als hormonelle Einflüsse sind das intensive Erleben der Natur, die Erinnerungen und Erfahrungen, die wir damit verbinden.» (Siehe Artikel zum Thema)

Doch warum hält sich der Mythos der im Frühling schneller schlagenden Herzen und wild hüpfenden Hormone so hartnäckig in unseren Köpfen?

Gerne wird das Phänomen mit der frühjährlichen «Lichtdusche» erklärt, die biochemische Prozesse in Gang setzt: Die Produktion des Schlafhormons Melatonin wird gedrosselt, das Glückshormon Serotonin wird verstärkt ausgeschüttet – gute Laune macht sich breit. Dieser Effekt werde allerdings überschätzt, sagen Forscher. Wegen der ständigen Versorgung mit Kunstlicht zu allen Jahreszeiten komme es kaum mehr zu grossen Veränderungen im Hormonhaushalt.

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Auch die Geburtenstatistik spricht gegen die angeblich luststeigernden Frühlingsgefühle. Gäbe es diese wirklich, dann müssten die Wintermonate die geburtenstärksten sein. Tatsächlich aber kommen in unseren Breitengraden die meisten Kinder im Sommer zur Welt.

Das war nicht immer so. Früher zeugten Menschen ihren Nachwuchs tatsächlich vor allem im Frühling, wie statistische Studien zeigen. Dieser Trend brach aber in den 1960er Jahren ab – die zeugungsstärkste Zeit begann sich in den Herbst und Winter zu verschieben. Forscher gehen davon aus, dass der moderne Lebensstil uns vom natürlichen Jahresrhythmus abgekoppelt hat. Heute entscheiden sich viele Paare für eine Geburt im Sommer, weil die Schwangerschaft bei angenehmen Temperaturen leichter zu ertragen ist und der Mutterschaftsurlaub zur schönen Jahreszeit bezogen werden kann. Apropos Geburtenkontrolle: Frauen, die mit der Pille verhüten, werden sowieso vom Frühlingssturm der Hormone verschont, da ihr Östrogenspiegel praktisch konstant bleibt.

Stefan Stöcklin ist der Frage nachgegangen, warum wir das ganze Jahr über Frühlingsgefühle verspüren und was in unserem Körper passiert, wenn wir uns verlieben. So viel sei schon jetzt verraten: Obwohl die Chemie der Lust in ihren Grundzügen entschlüsselt ist, bleibt die Liebe ein grosses Rätsel. Und sollten Sie derzeit eine sonderbare Unlust spüren, machen Sie sich keine Sorgen: Vielleicht leiden Sie an einem anderen Phänomen, das in dieser Jahreszeit gehäuft auftritt – an der Frühjahrsmüdigkeit.

© BeobachterNatur Ausgabe 4 vom 06. Mai 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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