Triftbrücke Mutige Männer am Abgrund

Brückenbau zwischen mächtigen Felsen: Unter ihnen die Schlucht, über ihnen der Helikopter mit 180 Metern Stahlseil, dazu stürmische Winde – kühne Konstrukteure erstellen die neue Triftbrücke im Berner Oberland.

Die alte und die neue Triftbrücke – über der Schlucht, in der vor kurzem noch ein Gletscher lag.
Brett für Brett wird angeschraubt.
Einfangmanöver auf der alten Brücke: Das 180 Meter lange Seil wird hier festgemacht, um später zum neuen Brückenkopf hochgezogen zu werden.
Am Kopf der neuen Brücke: Walter von Bergen (links), Bruno Siegfried und Walter Brog zurren das Kabel per Handseilwinde fest.
Beim Bau einer Hängebrücke ist vieles Handarbeit: Walter von Bergen bei waghalsiger Tätigkeit auf der Windegg
Statt 102 beträgt die Spannweite der neuen Konstruktion rund 170 Meter und verspricht zur längsten Hängebrücke des Alpenraums zu werden.

Meine Füsse stehen auf Brettern, die in einer ungemütlichen Schräglage über dem Abgrund zittern. Die Halteseile, an denen ich mich vorwärtshangle, vibrieren. 70 Meter unter mir tobt ein Gletscherbach talwärts. Der Föhnsturm tobt mit 60, 70, vielleicht 80 Kilometern pro Stunde durch die tiefe Schlucht, die sich unter der Triftbrücke auftut. Ich stehe auf dem wohl meistfotografierten Übergang der Schweiz, der Triftbrücke, hoch oben in einem Seitental der Sustenpassstrasse. Allein der Gedanke, wie die filigrane Konstruktion über der Schlucht hängt, reicht für ein flaues Gefühl in der Magengegend. Den Blick nach unten schenke ich mir. Ich schaue voraus auf die andere Seite und stelle fest, dass ich eigentlich noch gut dran bin.

Dort nämlich stehen vier Männer im Sturmwind – und am Abgrund. 30 Meter oberhalb der heutigen Triftbrücke wuchten sie schwere gusseiserne Ankerteile über lange Metallschrauben, die sie Tage zuvor in den Fels einbetoniert haben. Dann fixieren sie die Ankerteile mit halbkiloschweren Muttern. Sechs Mal müssen die Männer anpacken, für jedes Seil ein Ankerteil. Der Wind bläst dazu, als wollte er sein Veto einlegen. «Uf dr Windegg» heisst die zugige Ecke hier oben, und sie macht ihrem Namen alle Ehre. Walter von Bergen, Walter «Waltsch» Lüthi, Lorenz Kehrli und Jan Thalmann kümmert das wenig. Immer wieder tritt einer für einen Handgriff auf den äussersten Rand der Felsnase oder turnt auf ihr herum, dass der Zuschauer aus dem Unterland kaum hinzuschauen wagt: Von hier geht es nicht mehr 70, sondern rund 100 Meter in die Tiefe.

Noch 1996 lag dort unten der Triftgletscher. 30 Meter hoch, scheinbar für die Ewigkeit. Doch dann begann das Eis immer schneller zu schmelzen, und die Alpinisten, deren Weg von der Windegg- zur Trifthütte bis dahin direkt über den Gletscher geführt hatte, mussten plötzlich um einen See herumwandern.

Immer mehr von ihnen zogen andere Klettergebiete vor, und der Trifthütte, einst beliebter Ausgangspunkt für Touren, drohte mangels Gästen die Schliessung. «Wir mussten etwas machen», sagt Bauleiter Walter Brog, der damals auch Hüttenwart der Trifthütte war.

Die alte Brücke ist erst fünfjährig

So entstand im Frühling 2004 bei einer Besprechung oberhalb des Gletschers die Idee: «Wir sagten uns: Wenn man in Nepal solche Brücken bauen kann, dann können wir das auch», erinnert sich Brog. «Aber die Leute hielten uns wegen des geplanten Standorts in der Schlucht und der Spannweite von über 100 Metern erst einmal für komplett verrückt.» Die Skeptiker waren allerdings schnell überzeugt, und so entstand innerhalb weniger Monate mit wenig Geld und viel Fronarbeit Realität: die berühmte Triftbrücke.

Mit von der Partie waren auch die Kraftwerke Oberhasli (KWO). Für den Stromproduzenten, der an der Grimsel Pläne für eine umstrittene Vergrösserung des Stausees hatte (und immer noch hat), war die gewagte Konstruktion über die Schlucht ein willkommenes Mittel zur Imagepflege: «Wo sonst bekommen die Leute so dramatisch die Folgen des Klimawandels zu sehen wie hier, wo der Gletscher abgeschmolzen ist?», fragt der KWO-Medienverantwortliche Ernst Baumberger, und die Frage ist durchaus rhetorisch gemeint. Wo sonst könnte man dem Publikum die Vorteile der Wasserkraft derart plastisch vor Augen führen wie 70 Meter über einem tobenden Bergbach? Und weil das imagefördernde Bauwerk auch zugänglich sein musste, um seine Wirkung zu entfalten, öffneten die KWO gleich auch noch die vorher ausschliesslich für den Werkverkehr benutzte Seilbahn für das Publikum.

Was danach geschah, hatte niemand vorausgesehen: Auf dem exponierten, für Alpinisten gedachten Abstieg zum neuen Übergang tummelten sich plötzlich Turnschuhtouristen, und Familien mit kleinen Kindern wagten aus luftiger Höhe einen Blick in die tosenden Wassermassen. «Die Rega war mehr als einmal hier, um Leute zu befreien, die sich den Rückweg über die Brücke nicht mehr zutrauten», erzählt Lüthi Waltsch, der im Sommer auch Hüttenwart der Windegghütte ist, und grinst.

Der Neubau: Noch höher, noch länger

Nach vier Jahren Erfahrung und einigen Beinahe-Unfällen (Baumberger: «Fast-Ereignissen») entschlossen sich die KWO im letzten Herbst für einen Neubau: oben auf einem Felskopf, besser zugänglich – und noch spektakulärer. Statt 102 beträgt die Spannweite der neuen Konstruktion rund 170 Meter und verspricht zur längsten Hängebrücke des Alpenraums zu werden.

Bis es so weit ist, müssen die vier Männer am neuen Brückenkopf noch einiges leisten. Flughelfer Jan Thalmann versucht mit einem Spannset Windrichtung und -stärke einzuschätzen: «Nicht sicher, ob der Heli bei diesem Wind fliegen kann», meint er knapp und blickt sorgenvoll gegen den Himmel. Im nahen Interlaken regnet es schon seit dem frühen Morgen heftig, und im Wetterbericht war sogar von möglichen Schneefällen die Rede. «Wenn wir sagen ‹zusammenpacken›, dann heisst das in den Heli und weg», hat Bauleiter Walter Brog beim morgendlichen Briefing gesagt.

Ohne Helikopter läuft gar nichts an diesem Tag. Auf einer Wiese an der Sustenpassstrasse liegen sechs dicke Stahlkabel, alle um die 180 Meter lang. Sie sollen zur neuen Brücke hinaufgeflogen und dort fixiert werden. Klappt das nicht, so ist ein wertvoller Arbeitstag verloren, und die Zeit drängt: Zur Saisoneröffnung am 12. Juni muss auch das letzte Brett fixiert, die letzte Schraube angezogen sein.

Man wartet, isst ein Znüni. Dann endlich gibt Jan Thalmann ein Zeichen: «Chrigel probierts.» Kurz darauf taucht aus dem Tal der Lama-Helikopter von Christian «Chrigel» von Allmen auf. An seiner Unterseite hängen knapp 180 Meter Stahlkabel, 750 Kilo schwer. Das Kabel schwingt im Wind, und beim östlichen Kopf der neuen Brücke steigt die Spannung. Es braucht mehrere Anläufe, bis die Männer das zehn Meter lange Seilstück zu packen kriegen, das unten am Kabel befestigt ist. Dann geht alles sehr schnell: Während von Allmen, unbeeindruckt vom Wind, den Helikopter punktgenau über dem Brückenkopf hält, löst Waltsch Lüthi die Stofflappen, die das Kupplungsstück des Stahlkabels während des Transports schützten. Kaum vom Stoff befreit, sitzt das Kupplungsstück auch schon an seinem Platz und ist durch einen massiven Stahlbolzen gesichert. 

Von Allmen zieht nun den Helikopter sorgfältig über die Schlucht zum westlichen Brückenkopf. Den ursprünglichen Plan, das neue Kabel auf der bestehenden Brücke zwischenzulagern, hat er schon längst fallengelassen. Dafür bläst der Föhnsturm zu stark.

Stattdessen versuchen Bauleiter Walter Brog und ein Helfer, das schlingernde Kabel von der alten Brücke aus zu erwischen und von dort zum neuen Brückenkopf zu ziehen. Es ist ein schwieriges und gefährliches Unterfangen. Das Seil, um das Kabel zu fassen, ist zu kurz. Pilot von Allmen kommt mit seinem Helikopter gefährlich nah an die Felsen heran. Als sie es nach drei Anläufen endlich geschafft haben, atmen selbst die gestandenen Bergführer hörbar auf. Nur Chrigel von Allmen wird später sagen, so wild sei alles gar nicht gewesen. In der Höhe, 200 Meter über der Brücke, habe der Wind gar nicht so stark geblasen. Bloss das Kabel habe etwas geschlingert.

«Jetzt wird es langsam langweilig»

Der Wind hat in der Zwischenzeit noch mehr aufgefrischt, eine Lagebesprechung ist angesagt. Man trifft sich im Baucontainer auf dem westlichen Brückenkopf. Kaffee und Bätziwasser stehen auf dem Tisch, Cervelats werden ausgepackt. «Wir brauchen längere Seile oben und unten am Kabel», entscheidet Bauleiter Walter Brog. Und zuunterst müsse ein Gewicht hängen, damit das Kabel weniger schlingert. Flughelfer Bruno «Sigi» Siegfried funkt das ins Tal, und nach einer Viertelstunde kommt der Bescheid: «Alles klar, es geht weiter.»

Nur Minuten später schwebt der Helikopter der Air Glacier wieder über dem Brückenkopf. Das Stahlkabel hängt nun an einem etwa 30 Meter langen Kletterseil. Unten, ebenfalls an einem langen Seil, ist ein Wasserkanister befestigt. Das Kabel hängt deutlich ruhiger in der Luft und ist einfacher zu fassen. Gefährlich bleibt die Arbeit trotzdem. Wenn der Helikopter das Seilende mit dem Gewicht absetzt, jagen ihm die Männer am Boden hinterher und versuchen, es zu packen. Ein falscher Tritt in diesem steilen Gelände kann dabei üble Folgen haben. 100 Meter weiter unten rauscht der Gletscherbach.

Kabel für Kabel fliegt Chrigel von Allmen aus dem Tal hinauf, und der Pilot und seine Helfer gewinnen zusehends an Routine. «Jetzt wissen wir wie, jetzt wird es langsam langweilig», grinst Flughelfer Sigi, als das vierte Kabel an seinem provisorischen Platz festgezurrt ist. Kabel Nummer fünf und sechs sind nach solchen Sprüchen bloss noch Formsache – kräfteraubende Formsache allerdings. Und der Föhnsturm tobt immer noch.

Die Männer auf dem westlichen Brückenkopf montieren nun eine Seilwinde, um die sechs Kabel, die provisorisch an den Pfeilern der alten Brücke festgezurrt sind, an ihren Platz zu ziehen. Auf den exponiertesten Stellen platzieren sie Umlenkrollen und schrauben sie – sicher ist sicher – gleich im Fels an. Dann ziehen sie sorgfältig die ersten beiden Kabel hoch und legen sie über die im felsigen Boden einbetonierten Brückenträger. Die letzten Meter sind Handarbeit.

Zum Schluss hämmern sie die massiven Bolzen in die Ankerteile. Bauleiter Walter Brog nickt zufrieden, dreht sich um und versucht, sich im Windschatten seiner aufgeschlagenen Jacke eine Zigarette anzuzünden. Er braucht fünf Versuche und grinst: «Das war wohl das Schwierigste heute.»

Ein paar Tage später ist statt coolen Sprüchen wieder pure Konzentration angesagt. Walter Brog liegt bäuchlings auf den ersten Brettern der neuen Triftbrücke. Vor ihm hängt Walter von Bergen in einer Art Gondel. 100 Meter unter ihnen treiben Eisschollen im Gletschersee, aber die beiden Männer haben keine Zeit, die Aussicht zu geniessen. Sie montieren Meter für Meter den Boden der neuen Brücke. Mit robusten Metallträgern verbinden sie alle anderthalb Meter die Lastseile und schrauben sie daran fest. Darüber kommt ein Metallkreuz zu liegen, das der Brücke zusätzliche Stabilität geben soll. Erst dann werden die drei Bodenbretter angeschraubt. Ganz zum Schluss montieren die Männer auf den beiden Seiten der Trittfläche je ein massives Kantholz, «damit sich die Touristen sicherer fühlen», sagt Walter Brog und macht klar, dass zwischen Touristen und Alpinisten ein deutlicher Unterschied besteht.

Neues Leben für die alte Brücke

Vom sicheren Felskopf her bringen die Kollegen ständig Nachschub. Sie gehen über die Planken, als hätten sie festen Boden unter den Füssen. «Das», sagt Walter Brog, «ist der anstrengendste Teil der Schlussmontage.» Sieben Kilo wiegt jedes Bodenbrett, drei aufs Mal kann der Träger über die noch wacklige Brücke bringen, und der Weg wird von Brett zu Brett länger. Zwei Drittel sind bereits geschafft, und die Aussichten, dass bis zur Saisoneröffnung am 12. Juni eine brandneue Brücke über der Schlucht hängt, stehen gut.

Noch steht aber den Männern viel Arbeit in luftiger Höhe bevor. Nicht bloss die neue Brücke muss bis dahin gebaut sein: Die alte soll dann auch verschwunden sein. Stück für Stück werden bis dann Bodenbretter abgeschraubt und weggetragen, Verbindungsstücke gelöst, Seile ausgehängt und schliesslich die Brückenträger aus Beton und Fels gespitzt. Es ist nicht das Ende der alten Triftbrücke, sondern der Beginn eines Neuanfangs: Noch in diesem Sommer werden Walter Brog und seine Helfer sie im Göschenertal bei der Salbithütte wieder aufbauen.

Autor:
  • Thomas Angeli
Bild:
  • Robert Bösch
10. Juni 2009, Beobachter 12/2009