Öko-Mythen Gut oder nur gut gemeint?

Gut oder nur gut gemeint?

Glauben Sie, Gentech-Food sei in der Schweiz verboten? Sind Sie überzeugt, dass holzfreies Holz kein Holz enthält? Nur zu oft ertappt man sich bei Unsicherheiten – und hält an falschen Überzeugungen fest. Auch in Sachen Umwelt ist nicht alles so, wie alle glauben.

Die Bahn ist das ökologischste Verkehrsmittel

Stimmt nur bei Reisen im Inland. Die Züge der SBB fahren so sauber wie kein ein anderes motorisiertes Verkehrsmittel. Nur mit dem Velo fährt man ökologischer. Bei internationalen Zugreisen hingegen sieht die Rechnung anders aus: Während ein Schweizer Zug durchschnittlich 1,1 Liter Benzinäquivalente pro Passagier und 100 Kilometer verbraucht, sind es bei der Deutschen Bahn im Fernverkehr 2,7 Liter und im Nahverkehr sogar 4,8 Liter. Ein mit zwei Personen besetztes Auto benötigt also weniger Energie als ein deutscher Regionalzug. Gründe dafür sind unter anderem die ineffizienten Dieselloks und die schlechte Auslastung der Züge.

Ohnehin ist die Ökobilanz des internationalen Zugverkehrs nicht berauschend. Wer im Zug von Zürich nach Madrid fährt, verbraucht pro 100 Kilometer im Schnitt 2,6 Liter Benzinäquivalente. Ein vollbesetztes, sparsames Auto kann da mithalten. Am nachhaltigsten fährt der Reisecar nach Süden (etwa 1,4 Liter). In Sachen Feinstaub und Stickoxide sind die Werte der Eisenbahn noch schlechter als beim Auto; beim CO2-Ausstoss hingegen schneidet die Bahn besser ab. Auf www.ecopassenger.com kann man die Umweltbelastung der Transportmittel (ausser Reisecar) für jedes beliebige Ziel innerhalb Europas berechnen und vergleichen.

Bei Rotlicht den Motor laufen zu lassen ist sparsamer, als ihn ab- und wieder anzustellen

Dieses ewige Gerücht gehört definitiv ins Reich der Irrtümer. Beim Start eines Autos wird laut VCS nicht mehr Treibstoff verbraucht als im Leerlauf – es sei denn, der Fahrer ist ein Macho, der bei jedem Start seines Boliden das Gaspedal durchdrücken muss. Also: Motor bei Rotlicht immer abstellen und die Vorteile der Gelb-Phase nutzen – oder ein Auto kaufen, das mit der neusten Start-Stopp-Automatik ausgerüstet ist.

Gentech-Lebensmittel sind in der Schweiz nicht erlaubt

Falsch. Aktuell sind drei gentechnisch veränderte Mais- und eine Sojasorte erlaubt, als Lebensmittel für den Menschen wie auch als Tierfutter. Fünf Gesuche sind hängig. Doch weil die Akzeptanz in der Bevölkerung fehlt, werden gentechnisch veränderte Lebensmittel derzeit nur in vernachlässigbar geringen Mengen eingeführt.

Luftverschmutzung nimmt laufend zu

Im Gegenteil. Die wichtigsten Luftschadstoffe werden seit Mitte der achtziger Jahre systematisch gemessen. Das Monitoring zeigt: Die Konzentration nimmt bei fast allen Schadstoffen ab und liegt heute unter den Grenzwerten. Allerdings werden in den Städten die Grenzwerte beim Feinstaub und bei Stickstoffdioxid noch immer überschritten. Einzig der Wert der Ozonbelastung hat sich seit Beginn der Messungen nicht verbessert; der Grenzwert wird – vor allem im Tessin und in den Voralpen – während durchschnittlich 700 Stunden pro Jahr überschritten.

Langsamer Auto fahren bringt nichts für die Umwelt

Und ob! Laut einem Bafu-Bericht verringern sich die Emissionen bei einer Geschwindigkeitsreduktion von 115 auf 100 km/h wie folgt: Kohlenstoff (CO)
30 Prozent, Stickoxide (NOX) 25 Prozent. Der Treibstoffverbrauch wird um fast 10 Prozent gesenkt. Eine Analyse der von den Kantonen angeordneten Temporeduktion auf Autobahnen im Winter 2006 hat zudem gezeigt, dass die Feinstaubwerte um etwa 10 Prozent zurückgegangen sind. Allerdings wurden wegen der Massnahme auch deutlich weniger Autos gezählt.

Die Herstellung von Solarzellen verbraucht mehr Energie, als diese jemals selber liefern werden

Quatsch. Moderne Solarzellen benötigen laut Bundesamt für Umwelt (Bafu) drei bis maximal sechs Jahre, um die Menge Strom zu produzieren, die für ihre Herstellung benötigt wird. Bei einer Lebensdauer von 25 Jahren produzieren Solaranlagen somit vier- bis achtmal mehr Energie, als für die Produktion verbraucht wurde. Man geht davon aus, dass dieser Wert in Zukunft noch erheblich gesteigert werden kann.

Abwasch von Hand ist ökologischer als mit der Geschirrspülmaschine

Stimmt nicht unbedingt. Beim Spülen von Hand wird in der Regel deutlich mehr warmes Wasser verbraucht. Eine moderne, energieeffiziente Maschine wäscht deshalb das Geschirr im Durchschnitt umweltfreundlicher. Wichtig ist aber, dass man das Geschirr nicht vorspült (und wenn, dann nur mit wenig kaltem Wasser), die Maschine optimal füllt und phosphatfreies Spülmittel verwendet.

Glasflaschen sind besser als Gebinde aus PET

Ein kniffliger Vergleich. Ein zentraler Faktor ist, wie oft eine Verpackung oder ein Material wiederverwertet wird. Am schlechtesten schneiden bei den meisten Vergleichen die Einweg-Verpackungen aus Glas ab. Das Einschmelzen benötigt sehr viel Energie. Auch Aluverpackungen haben eine miserable Ökobilanz – sofern sie nicht rezykliert werden. Werden sie hingegen wiederverwertet, belasten sie die Umwelt nur noch wenig. Auch Einweg-PET-Flaschen schneiden im Vergleich nicht schlecht ab. Am besten wären Mehrwegflaschen aus PET, nur kann man diese heute kaum mehr kaufen. Und Mehrwegflaschen aus Glas sind den üblichen Einweg-PET-Flaschen erst überlegen, wenn sie öfter als 20-mal wiederverwendet werden.

Zuchtfisch ist ökologischer als Wildfang

Kommt darauf an. Immer mehr Fische und Meerestiere stammen aus Zuchten. Für die marinen Fischbestände ist das positiv. Aber Aquakulturen haben negative Folgen für die Umwelt: Der Einsatz von Chemikalien und Antibiotika ist hoch, die Abwässer gelangen ungefiltert ins Meer, und die Zuchtfische werden oft mit Fischmehl aus der kommerziellen Fischerei gefüttert.

Ein Blick auf den Online-Fischführer des WWF Schweiz zeigt, welche Meerestiere empfehlenswert sind und welche nicht. In der schlechtesten Kategorie finden sich 27 Arten aus Wildfang und vier aus Zucht (Aal aus Europa, Barramundi, Roter Thunfisch aus dem Mittelmeer, Crevetten aus den Tropen). Die Greenpeace-Liste ist etwas strenger und führt unter «nicht vertretbar» vier weitere Zuchtarten auf (Dorade, Flussaal, Tilapia, Pangasius). Ohne schlechtes Gewissen kaufen kann man Produkte aus Biozucht und Wildfangprodukte, die mit dem MSC-Gütesiegel für nachhaltige Fischerei ausgezeichnet sind.

Holzfreies Papier enthält kein Holz

Wer das glaubt, ist leider auf dem Holzweg. Auch dieses Papier besteht hauptsächlich aus Holz. «Holzfrei» bedeutet nur, dass fast ausschliesslich Zellstoff beigemischt ist – doch Zellstoff ist ein auf chemischem Weg erzeugter Faserstoff aus Holz. Wer den Wald schützen möchte, kauft am besten Recyclingpapier oder Papier mit dem Siegel FSC.

Licht brennen lassen verbraucht weniger Strom, als die Lampen häufig an- und auszuschalten

Das ist Unsinn. Stromsparer schalten das Licht aus. Leuchtstoffröhren, Energiespar- und Halogenlampen benötigen zwar für die Zündung etwas mehr Strom als für den Betrieb. Aber die Spannungsspitze beim Einschalten ist kurz und liegt höchstens 30 Prozent über dem Wert für Normalbetrieb. Auch ihre Lebensdauer verkürzt sich dadurch nur unwesentlich.

Biolebensmittel schmecken besser als konventionelle Produkte

Höchstens teilweise richtig. Die Stiftung Warentest hat 2007 Bilanz über ihre 54 Bioprodukte-Tests seit 2002 gezogen. Das Resultat: Bioprodukte sind meist frei von Pestiziden, enthalten selten bedenkliche Hilfsstoffe und weniger Nitrat. Im Geschmackstest werden Bioprodukte im Schnitt aber nicht besser bewertet als konventionelle. Viel wichtiger bei der Beurteilung des Geschmacks sind Faktoren wie Sorte, Frische, Saison und Verarbeitung.

Aludeckel zu sammeln ist sinnlos

Irrtum: Wird ein Aluprodukt aus Recycling- statt aus Rohmaterial hergestellt, können 95 Prozent der Energie eingespart werden. Das Sammelgut sollte aber nicht heiss gewaschen werden. Aluhaltige Folien, die sich nicht knicken lassen (Kaffeerahmdeckeli), werden nicht rezykliert. Beachten Sie das Recyclingzeichen.

Korkzapfen sind ökologisch bedenklich

Das Gegenteil ist wahr: Wer Kork kauft, schützt die Natur. Die Korkeichenwälder im Mittelmeerraum sind der Lebensraum vieler seltener Tiere und Pflanzen. Nicht zuletzt wegen dieser Wälder zählt die spanische Provinz Extremadura zu den letzten grossen Naturparadiesen Europas. Wenn Kork nicht mehr benötigt wird, werden die Wälder mit grosser Wahrscheinlichkeit ökologisch weniger wertvoll bewirtschaftet, etwa durchstandortfremde Eukalyptus-Plantagen. Damit würde auch die Bevölkerung ihre Lebensgrundlage verlieren: In der Extremadura zählt Kork zu den wichtigsten Exportgütern.

Papiertüten sind ökologischer als Plastiksäcke

Falsch. Plastiksäcke haben die bessere Ökobilanz. Entscheidend ist aber die Häufigkeit der Verwendung. Am besten schneiden mehrfach verwendete Plastiktüten ab, am schlechtesten nur einmal gebrauchte Papiersäcke.

Autor:
  • Stefan Bachmann
Bild:
  • Andy Fischli
25. Juni 2009, Beobachter 9/2009

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