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Nanotechnologie

Menschen als Versuchstiere

Text:
  • Andrea Haefely
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
  •  und private Aufnahme
Ausgabe:
3/11

Titandioxid findet sich in Sonnencremes, in Kaugummis, in Zahnpasta, in Reinigungsmitteln. Seine langfristige Wirkung auf den Menschen ist unbekannt.

Nanotechnologie: Menschen als Versuchstiere

Jürg Tschopp, 60, ist Professor für Biochemie an der Universität Lausanne. Er erforscht die Mechanismen, die zu Entzündungen im Körper führen. Gemeinsam mit einer französischen Forschungsgruppe ist er da­rauf gestossen, dass das vermeintlich harmlose Titandioxid und weitere Substanzen, die in Lebensmitteln und Kosmetika eingesetzt werden, möglicherweise Schaden im menschlichen Körper anrichten können. Die Forschungsergebnisse wurden unlängst im ­Wissenschaftsperiodikum «PNAS» veröffentlicht.

Beobachter: Achten Sie beim Einkaufen darauf, ob die Produkte Nanopartikel enthalten?
Jürg Tschopp: Früher nie, seit unseren Forschungsergebnissen allerdings schon.

Beobachter: Was haben Sie denn herausgefunden?
Tschopp: Wir konnten vor kurzem an Mäusen zeigen, dass Titandioxid- wie auch Asbestpartikel durch die gleichen Gefahrendetektoren, sogenannte Inflammasome, im Körper erkannt werden. Damit kann auch auf gleiche Art und Weise eine Entzündung ausgelöst werden. Es ist deshalb nicht auszuschliessen, dass Nanopartikel auch beim Menschen chronische Entzündungen hervorrufen können, die – wie beim Asbest – möglicherweise erst nach Jahren oder Jahrzehnten zu gesundheitlichen Problemen führen.

Beobachter: Wieso werden Nanopartikel nicht vorsichtshalber verboten, bis die Forschung so weit ist, dass man die Risiken abschätzen kann?
Tschopp: Die Risiken der Nanopartikel sind schwer einzuschätzen, da die Folgen, genau wie beim Asbest, erst in einigen Jahren auftauchen können. Sichere Voraussagen sind sehr schwierig, im positiven wie im negativen Sinn. Die möglichen Gefahren sind allerdings bekannt. Deshalb wird weltweit in Kommissionen und Laboratorien entsprechend geforscht. Bis eindeutige Resultate vorliegen, werden allerdings die Menschen weiterhin als Versuchstiere benutzt.

Beobachter: Wie erkenne ich, ob in einem Produkt Titandioxid enthalten ist?
Tschopp: Möglicherweise steht «Titandioxid» im Kleingedruckten. Aber auch hinter den Codes CI 77891 und E 171 versteckt sich die Substanz.

Beobachter: Gelten Ihre Forschungsergebnisse nur für Titandioxid oder auch für andere Nanopartikel, die in Kosmetika oder Lebensmitteln eingesetzt werden?
Tschopp: Wir haben in unserer Untersuchung nur vier Substanzen getestet, wovon zwei aktiv waren: Titandioxid und Siliciumdioxid (E 551), ein weitverbreitetes Antiklumpmittel, das in Nahrung, Kosmetika und Arzneien vorkommt. Unser neuentwickelter Test ist sehr einfach und erlaubt es, innerhalb eines Tages vorauszusagen, ob eine Substanz entzündungsfördernd ist oder nicht. Damit liessen sich auch andere Nanopartikel auf ihre Entzündungsaktivität leicht untersuchen.

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Beobachter: Aber auch Siliciumdioxid wurde doch schon lange auf seine Unbedenklichkeit hin geprüft.
Tschopp: Ja, allerdings ist es auch wohlbekannt, dass selbst herkömmliche kleine Siliciumpartikel eine Entzündungskrankheit bei Minenarbeitern hervorrufen können, die sogenannte Silicosis. Wir konnten nun zeigen, dass Silicium-Nanopartikel die gleichen Nebenwirkungen haben könnten. Nanopartikel werden erst seit etwa zehn Jahren im grossen Massstab eingesetzt, und wie das Beispiel Asbest ja gezeigt hat, reicht diese Zeitspanne nicht zwingend, um verheerende Folgen ausschliessen zu können.

Beobachter: Der Körper kann Nanopartikel theoretisch über Haut, Lunge und Magen-Darm-Trakt aufnehmen. Wo orten Sie die grösste Gefahr?
Tschopp: Sicher bei der Lunge. Insofern sind Menschen, die mit diesen Substanzen arbeiten, vorderhand am meisten gefährdet. Aber auch der Darm ist ihnen stark ausgesetzt, wenn wir an alle Nanopartikel denken, die in unseren Lebensmitteln zu finden sind.

Beobachter: Dann sind Anwendungen auf der Haut unbedenklich?
Tschopp: Untersuchungen zeigen, dass Nanoteilchen nur schwer durch gesunde Haut dringen. Aber schon Rasieren hat bei unseren Mäusen gereicht, um den Partikeln das Eindringen zu erleichtern. Und gerade beim Sonnenbaden ist die Haut immer etwas gereizt. Das macht es den Teilchen, die ja in vielen Sonnencremen vorkommen, einfacher einzudringen. Ähnliches gilt für Schleimhäute wie das Zahnfleisch.

Beobachter: Was fordern Sie von Herstellern, die Nanopartikel einsetzen?
Tschopp: Die Hersteller sollten ihre Substanzen darauf testen lassen, ob sie ebenfalls diese Inflammasome aktivieren. Und als Konsument sollten Sie möglichst auf Produkte mit Nanopartikeln verzichten, wo deren Einsatz nicht zwingend notwendig ist, etwa bei Zahnpasta. Die enthält Titandioxid nämlich ausschliesslich deshalb, damit die Creme möglichst weiss aussieht.

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© BeobachterNatur Ausgabe 3 vom 03. Feb 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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