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Rohstoffe

Unser täglich Öl

Text:
  • Stefan Bachmann
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
5/11

Benzin bewegt fast jedes Auto. Erdölbestandteile stecken aber auch in unzähligen Alltagsgegenständen. Was passiert, wenn die Quellen versiegen?

Rohstoffe: Unser täglich Öl

Der moderne Mensch schwimmt im Öl. Beinahe in allem, was wir täglich brauchen, steckt das schwarze Gold: in Kugelschreibern, Duschmitteln, Spielzeug, Verpackungen, Schuhen, Zahnbürsten, Bodenbelägen, Druckertonern, Autositzen, Matratzen – ja sogar in Medi­kamenten. Die petrochemisch, also aus Erdöl hergestellten Produkte machen freilich nur rund zehn Prozent des gesamten Ölverbrauchs aus; der weitaus grösste Teil (rund 57 Prozent) fliesst in den Verkehr. Daneben werden rund 15 Prozent verheizt. Insgesamt liegt der weltweite tägliche 
Ölbedarf bei unvorstellbaren 13,5 Milliarden Litern – das entspricht rund zwei Litern pro Erdenbürger oder 5400 Olympia-Schwimmbecken von je 50 Metern Länge.

Doch was passiert, wenn immer mehr Ölquellen versiegen und die Ölpreise höher und höher steigen? Werden alltägliche Dinge dann zum Luxus für einige wenige? Und welcher Treibstoff wird uns in Zukunft von A nach B bewegen?

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Die Biomasse-Revolution

Forscher rund um den Erdball arbeiten daran, Ersatz für das extrem energiereiche Erdöl zu finden. Einige Produkte könnte man bereits aus anderen Rohstoffen herstellen, bei anderen steht die Forschung kurz vor dem Durchbruch. Vor allem Biomasse – sei es aus Algen, Holz oder Abfall – verspricht, ein Rohstoff der Zukunft zu werden.

Allerdings ist der Weg noch weit: Erst rund ein Prozent des Kunststoffs wird laut der Branchenorganisation European Bioplastics aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt. Und auch bei den Treibstoffen sind erst ansatzweise Alternativen in Sicht. Der Grund ist einfach: Erdöl ist noch immer viel zu billig, als dass sich eine Umstellung bereits lohnen würde.

Ölmarkt: Nachfrage übersteigt Angebot

Die Ölförderanlagen arbeiten auf Hochtouren – doch sie können die weltweit massiv steigende Nachfrage nach Rohöl schon heute nicht mehr befriedigen. Langfristig werden die Fördermengen sogar sinken, da die Ausbeutung der Lager immer aufwendiger wird. Steigende Ölpreise sind die Folge. Revolutionäre Innovatio­nen als Ersatz für das Öl sind daher dringend gefragt

Rohöl: Das Schmiermittel der Weltwirtschaft

In seiner Rohform können wir Erdöl für gar nichts gebrauchen. Der schmierige schwarze Saft aus den Tiefen der Erde besteht aus über 500 verschiedenen Stoffen, die erst getrennt werden müssen. Dies geschieht in der ­Raffinerie durch eine sogenannte fraktionierte Destillation, bei der das Öl erhitzt wird. Dabei ­verdampfen die Einzelbausteine bei unterschiedlichen Temperaturen, so dass sie isoliert werden können. Etwa zehn Prozent des Öls kommen als Naphtha oder Rohbenzin in der Petrochemie zum Einsatz. Es ist der Ausgangsstoff für 90 Prozent aller ­chemisch hergestellten Produkte.

7% für Gase




47% für Benzin
10% für Naphta* (Rohbenzin)
10% für Kerosin


23% für Diesel
3% für schweres Heizöl, Schmieröle, Bitumen

*Nachfolgende Produkte werden mittels Naphta erzeugt

Wie viel Öl in alltäglichen Produkten steckt – und wie es ersetzt werden kann

Klicken Sie auf das Bild, um es Vergössert anzeigen (Foto: Christian Flierl)

Körperpflegemittel, Kosmetika
Cremes, Salben und Lippenstifte enthalten oft Öle und Wachse aus Erdöl. Laut Ulrich Eicken von Mibelle AG erscheinen diese Inhaltsstoffe meist unter den Namen Paraffinum, Petrolatum, Cera Microcrystallina oder Ozokerite. Bei Duschmitteln ist der Anteil von ölbasierten Produkten mit rund fünf Prozent geringer. Eine Abkehr von solchen Produkten wäre teilweise schon heute möglich. Ein Biolippenstift aus Bienenwachs und Pflanzenölen wurde bereits 1991 entwickelt. Heute wird als Ersatzrohstoff oft Palmöl verwendet.
Beispiel Hautcreme: 40 Prozent*

Kleidung
Nylon, Polyamid, Elasthan, Polyester – diese und weitere Fasern stammen aus den Kesseln der Petrochemie. Auch Skihosen, Outdoor-Jacken oder Faserpelze aller Art werden aus Erdöl hergestellt. Längst wird an Alternativen geforscht. Laut Julian Ihssen von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) stellen bereits mehrere Firmen Polyamid 
aus Rizinusöl her. Andere Polymere könnten dereinst auf Mais basieren.
Beispiel Freizeithemd: 20 Prozent

Autoreifen
Neben Naturgummi kommt bei der Herstellung von Autopneus auch synthetischer Kautschuk aus Erdöl zum Einsatz. Der Reifenhersteller Goodyear ­experimentiert derzeit an Reifen aus Bio-Isopren, das aus Zucker oder Mais hergestellt wird. Schon 2013 will man es im industriellen Massstab produzieren; der erste Biopneu soll 2015 auf den Markt kommen.
Beispiel Pneu: 60 Prozent

Reinigungs- und Waschmittel
Auch die meisten Wirkstoffe in Reinigungs- und Waschmitteln werden aus Erdöl gewonnen. Eine Umstellung auf Biochemikalien ist zwar teuer, aber möglich. Die Firma Henkel hat es mit dem Waschmittel «Terra» bereits vorgemacht. Als Ersatz dient Kokos- und Palmöl. Palmöl gilt allerdings als ökologisch bedenklich, da für die Ölpalmen-Plantagen häufig Regenwald ge­rodet wird. Henkel setzt deshalb auf nachhaltig produziertes Palmöl.
Beispiel Waschmittel: 5 Prozent

Pharmazeutika
Die Biotechnologie ist seit einiger Zeit ein riesiges Forschungsfeld. Dabei bauen die Wissenschaftler biologische Prozesse nach, die sie nutzbar zu machen versuchen. Geforscht wird auch am Ersatz von petrochemisch hergestellten Inhaltsstoffen für Medikamente. Die Schweiz spielt bei diesem Forschungszweig eine sehr grosse Rolle.
Beispiel Aspirin: 35 Prozent

Kunststoffe
Kunststoffe aus erneuerbaren Quellen wie Zuckerrohr, Mais, Algen oder Holz erreichen zurzeit einen Marktanteil von nur einem Prozent. Doch Experten gehen davon aus, dass 2025 bereits 30 Prozent der Kunststoffe aus Biomasse stammen werden. Laut einer Studie der Universität Utrecht wäre deren Einsatz bei rund 85 Prozent aller Materialien technisch möglich. Die Hürden sind jedoch hoch: Es gilt, neue Verfahren zu entwickeln und die Herstellungskosten zu senken. Darüber hinaus ist Biomasse noch nicht in den gewünschten Mengen verfügbar. Die Forschung läuft aber auf Hochtouren. «Die Herstellung von Massenkunststoffen wie PE, PET oder PP auf Basis von Biomasse ist in der Entwicklung», sagt Kristy-Barbara Lange vom Branchenverband European Bioplastics. Polyethylen (PE) könne man bereits aus Zuckerrohr herstellen; an der Entwicklung einer Bio-PET-Flasche arbeiten die grossen Limonadehersteller; Polyurethan, das zum Beispiel als Schaumstoff in Sofas zur Verwendung kommt, ist bereits aus Rizinusöl zu haben. Auch etliche neuartige Biokunststoffe, die sich mit der Zeit selber abbauen, wurden schon entwickelt. Ebenso experimentiert man mit Kunststoffen aus Pflanzenabfällen und aus Holz. Von einer industriellen Herstellung ist man hier aber noch weit entfernt.
Beispiel Kreditkarte: 43 Prozent; PVC-Rohr: 43 Prozent; Plastikeimer: 100 Prozent

* Die Anteile schwanken je nach Produkt. Alle angegebenen Werte sind daher lediglich als Beispiele zu verstehen.

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© BeobachterNatur Ausgabe 5 vom 01. Jun 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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