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Instinkt

Tiere sind mehr als genetisch gesteuerte Maschinen

Text:
  • Stefan Bachmann
Bild:
  • Thomas Lersch
Ausgabe:
1/10

Der Mensch hat Verstand, die Tiere handeln instinktiv – so dachte man lange. Eine unhaltbare These, sagen die Verhaltensbiologen.

Instinkt: Tiere sind mehr als genetisch gesteuerte Maschinen

Die Schimpansen planen und handeln zielgerichtet.

Der Mensch entscheidet rational, die Tiere sind instinktgesteuert. Hartnäckig hält sich diese Meinung. 81 Prozent der Befrag­ten haben in der Umfrage von BeobachterNatur Intuition jedenfalls dem Tierreich zugeschrieben. Doch denken und handeln Tiere tatsächlich intuitiver als wir?

Vorab: Der Begriff Intuition wird nur auf den Menschen angewandt. Bei Tieren sprechen Verhaltensbiologen eher von Instinkt­ver­halten, was im Kern das Gleiche ist: Wenn Tiere ihren Instink­ten folgen, han­deln sie gefühlsmässig und ohne nachzudenken. Beispiele dafür sind uns allen bekannt. So fliegen viele In­sek­ten instinktiv in Richtung Licht, wenn sie die Orientierung verloren haben. Jedes neugeborene Säugetier sucht sofort nach der mütterlichen Zitze. Und vielen Vögeln ist die arteigene Gesangsstrophe in die Wiege gelegt. <

Solche Beobachtungen ver­leiteten Wissenschaftler über Jahrhun­derte dazu, Tiere als ge­netisch gesteuerte «Maschinen» zu betrachten, die immer gleich han­deln. In den letzten Jahrzehn­ten wurde jedoch immer klarer, dass dieses Bild nicht länger aufrechterhalten werden kann. Erstens vermögen die Tiere die genetisch vorgegebenen Verhaltensweisen wie der Mensch durch Lern­erfahrungen zu verfeinern und zu verändern. Zweitens sprechen Biologen heute vielen Tieren eine Intelligenz zu, die weit über das Instinktive hinausgeht. «Wir wissen, dass viele Tierarten ein ausgeprägtes Lernverhalten haben – und wir kennen Arten, die dank hochentwickelten kognitiven Fähigkeiten komplexe Probleme lösen», sagt Barbara König, Professorin am Zoologischen Institut der Universität Zürich. Insbesondere Menschenaffen verblüffen mit ihrer geistigen Flexibilität. Auch Tintenfische gelten als Intel­ligenzler – sie öffnen Schraubverschlüs­se, um an Nahrung zu kommen, und fin­den sich in Labyrinthen gut zurecht. Und auch Rabenvögel und Meeressäuger können komplexe Aufgaben lösen.

Indizien für Bewusstsein

Gewisse Tiere sind sogar fähig zu planen. Buschhäher vergraben Vor­räte: ­lan­g haltbare, aber auch leicht ver­derb­liche, denn Letztere sind nahrhafter. Selbstverständlich graben sie die ver­derb­li­che Ware zuerst aus. Auch Schim­­pansen planen. Wenn sie sich ein Werk­zeug machen, prüfen sie Zweige genau, befreien den gewählten von den Blättern und tragen ihn oft über weite Distanzen zu einem Termitenhaufen, wo sie ihn als «Insektenangel» benützen.

Barbara König geht aber noch weiter und spricht zumindest einigen Tieren auch ein Bewusstsein zu: «Es gibt mittlerweile eine Fülle von Daten, die diesen Schluss zulassen», sagt sie. Für den Philosophen John R. Searle ist dies sogar eine Gewissheit. «Die verrückte ­Ansicht von Descartes, dass Tiere kein Bewusstsein haben, ist vermessen», sagte er gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Vor allem Tiere, die sich im Spiegel erkennen, gelten für Forscher als Beweis dafür: Affen, aber auch Hunde, Delfine oder Elefanten.

Damit deutet alles darauf hin, dass viele Tiere nicht nur ihren In­stinkten folgen, sondern auch bewusste Entscheide fällen können. Dies zweifelsfrei zu be­weisen ist jedoch alles andere als einfach. Die Frage, ob Tiere intuitiver han­deln als Menschen, wird die Forschung also noch lange beschäftig

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© BeobachterNatur Ausgabe 1 vom 10. Feb 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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