Mitgefühl Tiere sind emotionale Wesen

Einfühlsam: Schim­pansen erkennen die Bedürfnisse des anderen, spenden Trost und sind fähig zu trauern.
Bild: Photo 24, Gettyimages

Die Fähigkeit sozialer Säugetiere, die Bedürfnisse des Nachwuchses zu erkennen, bringt in der Evolution Vorteile. Forscher sind überzeugt: So entstanden Emotionen wie Mitgefühl – und das war auch der Ursprung menschlicher Sprache, Moral und Kultur.

Tiere kennen keine Gefühle. Davon ging die Wissenschaft jahrhundertelang aus. Doch nun mehren sich Hinweise darauf, dass Tiere sehr wohl emotionale Wesen sind. Und dass Mitgefühl keine menschliche Erfindung, sondern in der Tierwelt weit verbreitet ist.

Der berühmte niederländische Primatologe Frans de Waal, Professor für Psychobiologie an der Emory University in Atlanta, erforscht seit den siebziger Jahren Mitgefühl, Kooperation und Moral bei den Schimpansen, Bonobos und Kapuzineraffen. Der 62-Jährige konnte belegen, dass die Tiere zusammenarbeiten, teilen und einander trösten. Sein Fazit: Menschenaffen sind ähnlich sozial wie wir Menschen. Diese höchste Stufe der Empathie, also die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, lässt sich nicht nur bei den Primaten beobachten. Auch bei Elefanten, Delfinen und Hunden ist Hilfsbereitschaft nachgewiesen worden. Man hat sogar schon Hunde gesehen, die Verlierer eines Kampfes «trösten».

Frans de Waal geht davon aus, dass Empathie mit der Entstehung der Brutpflege begann. In den 200 Millionen Jahren der Säugetier-Evolution hatten jene Weibchen, die sich intensiv mit ihren Jungen beschäftigten, die grössten Chancen, den Nachwuchs durchzubringen. «Wenn Welpen, Jungfüchse, Kälbchen oder Babys unterkühlt, hungrig oder in Gefahr sind, müssen ihre Mütter augenblicklich reagieren», schreibt de Waal in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch «Das Prinzip Empathie». Mutterliebe fungiere sozusagen als Selektionsmerkmal: Weibchen, die sich nicht um das Wohl der Nachkommen kümmerten, könnten ihre Gene viel schlechter weitervererben.

Viele Säugetiere haben nicht nur ein Gespür für das Empfinden anderer; sie kooperieren und teilen gezielt. Afrikanische Wildhunde etwa kümmern sich gegenseitig um den Nachwuchs, teilen Futter- und Wasserquellen und helfen verletzten Gruppenmitgliedern. Das hat gute Gründe: In einer Gruppe steigen die Überle-benschancen. Tiere, die den Nachwuchs gemeinsam aufziehen, verfügen über besondere soziale Fähigkeiten. Denn bei gemeinsamer Brutpflege muss die Verständigung unter jungen und erwachsenen Tieren hoch entwickelt sein, damit das Überleben der Art gesichert ist.

In sozialen Verbänden ist die Unterrichtung des Nachwuchses eine wichtige Aufgabe. Es erstaunt nicht, dass die besten «Lehrer» im Tierreich – Affen, Vögel oder Erdmännchen – auch kooperative Brüter sind. Krallenaffen etwa bringen den Kleinen zunächst tote Insekten; sind die Jungen gross genug, bekommen sie lebende Nahrung vorgesetzt, und schliesslich zeigt ihnen das Vorbild, wo Beute versteckt ist.

Carel van Schaik, Anthropologe an der Universität Zürich, vertritt die These, dass dieses Verhalten – die gemeinsame Aufzucht und Unterweisung des Nachwuchses – die Entwicklung von menschlicher Sprache, Moral und Kultur erst ermöglicht habe. Auch andere Forscher sehen Mutterliebe als wichtigen Katalysator der Evolution. Frans de Waal drückt es so aus: «Wir wären nicht dort, wo wir heute sind, wenn unsere Vorfahren weniger sozial gewesen wären.»

Bleibt die Frage, weshalb sich die frühen Menschen zur gemeinsamen Aufzucht des Nachwuchses entschlossen haben. Gemäss Carel van Schaik könnte diese Entwicklung mit den widrigen Lebensbedingungen des Homo erectus zusammenhängen: In seinem von Dürre geprägten afrikanischen Habitat war Nahrung schwer zu beschaffen. Darum sei das Teilen des Essens eine wichtige Voraussetzung gewesen, um die Kinder durchzubringen.

Buchtipp

Frans de Waal: «Das Prinzip Empathie»; Carl Hanser Verlag, 2011, 352 Seiten, 38.90 CHF

Autor:
  • Tatjana Stocker
06. Mai 2011, Beobachter 4/2011