Götz E. Rehn
«Nur der Bio-Landbau kann die ganze Welt ernähren»
Götz E. Rehn, Gründer der deutschen Alnatura-Supermärkte, über «Bio», Ernährung und richtiges Verhalten.

Götz E. Rehn, Chef der grössten deutschen Bio-Supermarktkette mit 45 Filialen, eröffnet 2009
BeobachterNatur: Im letzten Jahr ist Alnatura um 24 Prozent gewachsen. Davon können andere Bio-Anbieter nur träumen.
Götz E. Rehn: Wir wachsen jährlich um 20 bis 30 Prozent. Das tönt nach viel. Aber man muss immer die Relationen kennen: «Bio» ist in Deutschland mit einem Anteil von nicht einmal vier Prozent am gesamten Lebensmittelumsatz noch sehr ausbaufähig.
BeobachterNatur: Haben Sie bei der heutigen Wirtschaftslage keine Angst vor einem Einbruch?
Rehn: Wir gehen trotz Rezession von einem Wachstum aus. Aber was morgen ist, weiss niemand. Jetzt geht es darum, unbeschadet durch die Krise zu kommen.
BeobachterNatur: Sind die Menschen bereit, für «Bio» längerfristig mehr Geld auszugeben?
Rehn: Darauf setze ich. Wenn es gelingt, immer mehr Deutschen zu zeigen, dass Essen gut schmecken kann, begeistert mich das. Wenn wir vermitteln können, dass Lebensmittel keine standardisierten Produkte sind wie Autos, sondern etwas organisch Gewachsenes, ist schon viel gewonnen.
BeobachterNatur: Die Schweizer gelten als «Bio-Weltmeister». Dennoch kommen Bio-Supermärkte bei uns auf keinen grünen Zweig.
Rehn: Gegen Akteure wie Coop und Migros ist schwer anzukommen. Aber man hat auch nichts unternommen, um eine Alternative zu bieten. Die Einzelhändler müssten kooperieren und Netzwerke bilden – und nicht ihr eigenes Süppchen kochen.
BeobachterNatur: Bei vielen Bioläden hat man das Gefühl, sie seien in den Achtzigern stehen geblieben.
Rehn: Das stimmt. Man kann nicht erfolgreich sein, wenn man sich nicht weiterentwickelt oder das Konzept nicht anpasst. Wir arbeiten bereits an der dritten Generation unserer Läden. Auch bei Lebensmitteln gibt es zeitgeistige Veränderungen. Jeder, der beharrlich immer das Gleiche macht und sich ärgert, wenn es nicht funktioniert, hat Wirtschaft nicht verstanden.
BeobachterNatur: Lässt sich mit dem Konsum von nachhaltigen Produkten die Welt verbessern?
Rehn: Das glaube ich nicht nur, das ist so! Eine Studie der UN-Welternährungsorganisation (FAO) hat gezeigt, dass nur der Bio-Landbau die ganze Welt ernähren kann. Die herkömmliche Agrarindustrie ist ineffizient und zieht enorme Folgekosten nach sich, die wir nun alle aufarbeiten dürfen.
BeobachterNatur: Ist Bio-Landbau nicht ein Luxus für reiche Länder?
Rehn: Bio-Landbau in einem Entwicklungsland funktioniert bestens. Wir kooperieren zum Beispiel mit dem Sekem-Projekt in Ägypten, wo 1700 Menschen Tee produzieren, der sich auch im Land selber gut verkauft. Das gibt Mut.
BeobachterNatur: Wie sieht Ihr persönlicher ökologischer Fussabdruck aus?
Rehn: Durchaus verbesserungswürdig. Ich habe das Glück, dass ich neben dem Büro wohne. Ansonsten reise ich viel, meist mit dem Zug. Aber wir sind ja nicht auf der Erde, um sie zu konservieren.
BeobachterNatur: Wie meinen Sie das?
Rehn: Wir können machen, was wir wollen: Immer zerstören wir auch. Wenn ich auf der Wiese herumlaufe, knicken Gräser. Das Ziel ist, fair und kooperativ mit der Natur und den Tieren umzugehen, eine Partnerschaft aufzubauen. In den letzten 50 Jahren haben wir uns auf diesem Planeten höchst dilettantisch verhalten. Nun müssen wir wieder von vorne beginnen.
BeobachterNatur: Die Frage ist, ob wir Menschen bereit sind, unser Verhalten zu ändern.
Rehn: Das ist absolut notwendig. So weiterzumachen wie bisher, wäre fatal: Der nächste Crash käme unweigerlich.
Anzeige:
© BeobachterNatur Ausgabe 9 vom 25. Jun 2009 - Alle Rechte vorbehalten

