Inneneinrichtung Kleine Mittel, grosse Wirkung

Kissen als Farbtupfer können das alte Sofa ganz neu beleben.

Wer mit seinem Zuhause unzufrieden ist, kann leicht Abhilfe schaffen. Möbel ­verrücken, Farben und Licht variieren – so schafft man sich eine ­Wohlfühloase. Ein paar Regeln zu kennen, ist aber in jedem Falle hilfreich.

Es gibt Menschen, die irgendwo einziehen können und die Räume mit ihrem Stil und ihrem Geschmack prägen, sodass man sich dort sofort wohlfühlt. Auch wenn die Wohnung kurz zuvor noch trostlos ausgesehen hat. Das seien eben Leute, die ein Händchen dafür hätten, hört man oft. Doch die Grundregeln kann jeder lernen.

Verschiedene Elemente prägen das Interieur und machen die Stimmung aus. Natürliche Materialien stiften Geborgenheit, Farben wirken emotional. Erbstücke erinnern an Vergangenes und bringen Beständigkeit ins Wohngefühl. Dabei kann eine gewisse Ordnung Struktur und Klarheit geben, die sich auf die Bewohner überträgt. Das richtige Licht entspannt einen, hält munter oder animiert Gäste zum Bleiben. Farbe, Licht, Strukturen und Möbel lassen Räume zudem grösser oder kleiner wirken, indem sie einerseits Grenzen betonen und diese anderseits auch überspielen können.

Erinnerungen geben Kraft

Das individuelle Wohlfühlinterieur muss wachsen, sich mit seinen Bewohnern verändern können. Denn eine Einrichtung aus einem Guss mag zwar perfekt scheinen, bleibt aber oft unnahbar. Das kann so weit gehen, dass man sich darin als Fremdkörper fühlt. Anders sieht es aus, wenn man mit einem Gutteil der Möbel und 
Accessoires Erinnerungen verbindet: Da steht das Sofa eines guten Freundes, der ausgewandert ist, dort die Frisierkommode der Oma. Und in der Küche das Tischchen vom Design­laden um die Ecke. Die Wohnung wird durch solche Stücke zum Spiegel des eigenen Lebens und kann Ruhe und Kraft geben.

Gegenüber Trends ist eine Portion Skepsis angebracht. Nie sollte man auf die Idee kommen, das Zuhause sei aus der Mode gekommen. Wohnmessen zeigen inzwischen so viele Stile nebeneinander, dass man sagen muss: Verschiedene Stile mixen und kombinieren ist angesagt.

Man sollte sich frei fühlen, seine eigenen vier Wände so einzurichten, wie es einem Spass macht. Wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, dann den: den Wunsch nach einem Heim, wo sich die Batterien aufladen und das der Reiz­überflutung entgegenwirkt – als Gegenpol zur schnellen und oft stressigen Zeit draussen.

Farbe: Eine Frage der Vorlieben

Die Verwendung von Farben bedingt auch immer eine Entscheidung zwischen Hell und Dunkel, da Farben unterschiedlich viel Licht absorbieren. Je mehr Licht geschluckt wird, umso gedämpfter ist die Raumstimmung. Es gibt Farben, die einen quasi «anspringen», ein starkes Gelb zum Beispiel. «Es kann die Stimmung aufhellen, aber auch stören», sagt Marcella Wenger-Di 
Gab­riele vom Haus der Farbe in Zürich. Neben der objektiven Wirkung haben Farben immer auch einen subjektiven Effekt. Jeder verbindet Farben mit etwas, stellt unbewusst Bezüge her, sei es mit dem Logo des Arbeitgebers oder dem Vorhang des einstigen Kinderzimmers. Meist empfiehlt sich, kleine Räume hell zu streichen und in grossen Räumen Farbakzente zu setzen. Laut Farbgestalterin Wenger-Di Gabriele kann man aber auch ein kleines Zimmer dunkel streichen, um sich ein geborgenes Nest zu schaffen.

Farbentscheide müssen stets vor Ort überprüft werden, indem man grosse Muster malt, in den Raum stellt und sie zu verschiedenen Tageszeiten sowie unter Kunstlicht besieht.

Beliebt ist auch, Farben psychologisch zu betrachten: Rot stimuliert, wirkt appetitanregend und wird daher fürs Esszimmer empfohlen. Blau beruhigt und ist perfekt fürs Schlafzimmer. Grün harmonisiert, Gelb versprüht gute Laune, und Braun vermittelt Geborgenheit. Die Meinungen der Experten dazu gehen auseinander. Aber Farbpsychologie ist so populär, dass ein Farbton des Namens «Cool Down Pink» entwickelt wurde. Er wird wegen seiner vermeintlich aggressionshemmenden Wirkung in Gefängniszellen verwendet, soll aber auch in privaten 
Ruheräumen funktionieren.

Licht: Die Vielfalt machts

Licht belebt Wohnungen und kann Wohlbefinden erzeugen. Das zeigt schon der Unterschied zwischen einer nackten Leuchtstoffröhre und indirektem Licht. Generell sollte man mit verschiedenen Lichtquellen arbeiten und die Lichtkontraste innerhalb eines Raums niedrig halten, sonst werden die Augen überanstrengt. Wir brauchen eine Grundbeleuchtung, die nicht hell sein muss. Ausserdem legen wir Licht­inseln, wo mehr Licht benötigt wird, etwa über dem Esstisch oder beim Lesesessel. Niedrig ­gesetztes Licht, etwa bei einer Sitzgruppe, wirkt gemütlich. Zudem können wir Ausgewähltes beleuchten – das Bücherregal oder eine geliebte Statue. Manche Leuchten sind selbst Licht­skulpturen und echte Hingucker. Bis heute ­gültig ist die über 50 Jahre alte Einteilung des Lichtdesigners Richard Kelly: Licht zum Sehen, Licht zum Hinsehen und Licht zum Ansehen.

www.licht.de

Wohnbiologie: Wellness zu Haus

Natürliche Materialien wie Holz, Metall, Leinen oder Hanf schmeicheln nicht nur dem Auge, sondern haben auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Der geölte Parkettboden und sogar der Lehmputz halten Einzug. Es geht ums Wohnklima, um Materialien, die atmen können. Und natürlich sollen Gifte und Krankmacher draussen bleiben – von Lösungsmitteln über Magnetfelder und Schimmelpilze bis hin zum Elektrosmog. Denn oft liegt es nicht an der 
Ästhetik oder am Raumgefühl, wenn wir uns im 
eigenen Zuhause nicht wohlfühlen. In manchen Fällen kann das Umfeld regelrecht krank machen. Die Ursachen spürt am verlässlichsten 
eine Fachperson für Baubiologie auf.

www.baubio.ch

Einrichtungsstile: Das Interieur erzählt Geschichten

Viele jüngere Trends und Stile zielen ganz auf das Wohlfühlmoment ab. Dazu zählt der «Shabby Chic», bei dem das Interieur etwas benutzt aussehen darf. Gebrauchsspuren gehören dazu, 
Secondhand ist eher die Regel als die Aus­nahme. Auch neu Produziertes wird auf Alt getrimmt. Das hat den Vorteil, dass ein einzelner Fleck nicht gleich die Optik zerstört. Beliebt 
ist auch der Retrotrend, sei es bei Armaturen, 
Tapeten oder Tischen: Alles geht, was schon mal da war – besonders angesagt sind die Fünfziger- bis Siebzigerjahre. Der Rückgriff auf Vergangenes gibt unserer Einrichtung Tiefe. Nostalgische Gefühle erwachen, sobald es ums Gestern geht, auch Jüngere sind davor nicht gefeit. Um nicht völlig Zeitmaschine zu spielen, mischt man 
Retrostücke wie Nierentische, Cocktailsessel und Sideboards häufig mit Zeitgenössischem.

Auch der Do-it-yourself-Trend zielt in Richtung Wohlfühlen. Wer sich mit Selbstgeschreinertem und Selbstgenähtem umgibt, spürt eine starke Verbindung zum Interieur. Es ist einzig­artig, und man hat es in verschiedenen Stadien des Entstehens in den Händen gehalten. Ausserdem macht es stolz – und trägt so zur Lebensqualität bei.

www.zurich.fablab.ch
www.honeyhome.ch

Feng Shui: Fliessende Energien

Mit der Umgebung in Harmonie leben – das ist das Ziel von Feng Shui, einer alten taoistischen Lehre, die seit vielen Jahren auch bei uns ihren Platz beim Einrichten hat. Dabei soll sich das Wohlbefinden dadurch einstellen, dass man die Energie «Chi» fliessen lässt. «Sie ist dann qualitativ gut, wenn wir uns an einem Ort wohlfühlen», sagt Sonja Bucher, die Präsidentin des Schweizer Feng-Shui-Berufsverbands. Als nicht optimal gelten etwa Fenster direkt gegenüber der Tür. Dann huscht das «Chi» gleich wieder hinaus. In schmalen Fluren fliesst die Energie zu schnell. Möbel, Farbakzente oder Klangspiele am richtigen Ort können den Fluss lenken.

Zentral ist die Balance zwischen Yin und Yang. Jedes Möbel, jeder Bodenbelag, jedes 
Dekoelement ist entweder Yin oder Yang: Yin sind organische Formen, indirekte Beleuchtung, Holz und Leder, Yang meint Eckiges, direkte Beleuchtung, Glas, Metall, Stein. Das richtige Verhältnis ergibt die perfekte Harmonie. Bei zu viel Yin wird die Umgebung starr und schwer, bei zu viel Yang unruhig oder gar aggressiv. Generell brauchen Aktivräume mehr Yang und Ruheräume mehr Yin. All das ist zudem abhängig vom Einzelnen. «Je nach Typ», so Bucher, «braucht es andere Farben, Formen, Materialien.»

www.fengshui-verband-schweiz.ch

Autor:
  • Anja Martin
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
07. März 2014, Beobachter 5/2014