Konsumkritiker Kalle Lasn
«Die Menschheit fährt gegen eine Wand»
Einst bekämpfte er mit Kampagnen und Filmen Grosskonzerne. Heute sieht der Konsumkritiker Kalle Lasn das Problem woanders: bei den Konsumenten, die auf nichts verzichten wollen.

(Bild: Adbusters)
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Richard Branson, der reich wurde mit Discount-Airlines und Flugreisen für jedermann, will in den kommenden zehn Jahren drei Milliarden Dollar in die Erforschung alternativer Treibstoffe stecken und damit die Welt retten. Wie ernst können wir denn so etwas nehmen?
Kalle Lasn: Es klingt absurd, aber es ist eben noch immer «business as usual». Ich kenne es von der Werbeindustrie - deren Vertreter fangen plötzlich an, von «grüner Werbung» zu reden - ein Widerspruch in sich. Vielleicht konnten die Konzerne einfach zu lange solchen Quatsch erzählen, ohne dass ihnen jemand widersprochen hat. Aber die aktuelle Bewegung zeigt ja, dass das nicht mehr funktioniert. Natürlich bin ich mit der Oberflächlichkeit nicht zufrieden. Aber der Trend zeigt in die richtige Richtung.
Sie empfinden es nicht als heuchlerisch oder gar zynisch? Es riecht doch nach Betrug, wenn Erdölkonzerne sich als Allheilmittel gegen Umweltprobleme anpreisen.
Das muss kein Betrug sein. Unlängst hat mich der Ölkonzern Shell für eine gigantische Summe eingeflogen, damit ich vor der Konzernleitung referiere. Ich war überrascht von der Aufmerksamkeit dieser Leute. Natürlich geht es ihnen darum, die Kontrolle zu wahren und möglichst hohe Profite zu erzielen - aber gleichzeitig habe ich ein echtes Interesse gespürt, meinen Standpunkt kennenzulernen. Und den Willen, etwas daraus zu lernen.
Sie klingen ungewohnt versöhnlich. Was ist passiert?
In den letzten zwei Jahren habe ich einen Wandel durchgemacht: Bis anhin habe ich ausschliesslich die Konzerne und die grossen Brands angeklagt. Ich wollte sie als Brunnenvergifter der Kultur blossstellen, und an dieser Zielsetzung hat sich nichts Wesentliches geändert. Allerdings hat sich mehr und mehr das Bedürfnis dazugesellt, den Zeigefinger nicht nur gegen die Wirtschaft, sondern die ganze Erste Welt zu erheben. Gegen diese eine Milliarde reicher Menschen, Leute wie Sie und mich: Ich sehe uns alle zunehmend als das Problem. Die Konzerne geben uns, was wir verlangen. Wenn wir ein bisschen grüner sein wollen, dann geben sie sich einen neuen Anstrich. Die Wahrheit aber ist, dass wir gar nicht gewillt sind, die fundamentalen Kompromisse einzugehen, die es etwa für eine CO2-neutrale Zukunft bräuchte. Wir fahren Hybridautos und sind stolz darauf, dass wir die Autokonzerne dazu gebracht haben, unsere Wünsche nach etwas weniger umweltschädlichen Fahrzeugen zu erfüllen - aber keiner von uns ist bereit, sein Mobilitätsverhalten zu ändern. Die Autokultur bleibt unangetastet, während wir nach technischen Möglichkeiten suchen, um Symptome zu bekämpfen. Wir wollen auf unseren opulenten und dekadenten Lebensstil einfach nicht verzichten. Wir im Westen sind eine Milliarde Menschen und wir verursachen mehr Schäden als die restlichen fünf Milliarden. Wir sind das wirkliche Problem, aber wir wollen uns nicht als die Sünder sehen.
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Diese Bewegung existiert - ich bin ein Teil davon. Es ist ein klarer Trend zur Nachhaltigkeit und zum verantwortungsvollen Lebensstil erkennbar. Leider bin ich zur Erkenntnis gelangt, dass es für einen Durchbruch eine Katastrophe braucht: einen Katalysator wie den Kollaps der globalen Wirtschaft oder eine Umweltkatastrophe von verheerenden Ausmassen. Ich bin zum Realisten geworden oder vielleicht sogar zum Fatalisten.
Was lässt Sie zu diesem Urteil kommen?
Ich habe an das Gute im Menschen geglaubt und daran, dass man ihm nur die Zusammenhänge erklären muss, um ihn zu bewegen, etwas zu unternehmen. Aber jetzt haben wir den Gegenbeweis: Alle Welt weiss über den Treibhauseffekt Bescheid, alle haben Al Gores Film gesehen; wir wissen, dass die Polkappen schmelzen und dass wir 2048 die Ozeane leer gefischt haben werden - und all diesen Beweisen zum Trotz, dass die Menschheit gegen eine Wand fährt, passiert immer noch nichts. Das macht mich wütend.
Und nun stellen sich die Konzerne schon fast auf Ihre Seite. Können Sie sich vorstellen, mit ihnen zusammen etwas zu bewegen?
Darauf können wir uns nicht verlassen. Die Aufgabe der Wirtschaft ist immer noch, Geld zu verdienen, daran ändert sich nichts, auch wenn sie einen Lifestyle- und Ökomarkt aufzieht. Der Effort muss von den Bürgern geleistet werden. Aber es gibt Silberstreifen am Horizont: Erstmals wird der grenzenlose Konsum in Frage gestellt. Als vor 15 Jahren der «Buy Nothing Day» ins Leben gerufen wurde, war er kaum mehr als ein nachdenklicher Scherz. Heute wird öffentlich diskutiert, ob es gerecht und sinnvoll ist, dass 20 Prozent der Menschheit 80 Prozent der Ressourcen für sich beanspruchen. Forscher und Wirtschaftsführer beginnen zu fragen, welche ökologischen, psychologischen und politischen Konsequenzen diese Ungleichheit zur Folge hat. Die Menschen wachen auf und erkennen, dass nicht ihre Lieblingsmarken die Umwelt retten werden, sondern dass sie das selber tun müssen. Bleibt die Frage, ob sie bereit sind dazu.
Könnten sich Wirtschaft und Konsumenten gegenseitig hochschaukeln?
Um das zu bewirken, nehme ich ja inzwischen beide aufs Korn. Es steht ausser Frage, dass das Interesse der Wirtschaft kein anderes ist, als Geld zu verdienen. Und dabei muss sie von uns, den Bürgern, kontrolliert und in gewissen Schranken gehalten werden. Aber genau das passiert nicht - weil wir uns lieber verführen lassen und Fakten verdrängen. Wir hängen an unseren Autos, am billigen Kaffee und am 24-Stunden-Shopping. Die Aussicht, dass unser Leben härter wird, dass unsere Kinder einen anstrengenderen Lifestyle werden pflegen müssen als wir, die behagt uns nicht. Lieber lassen wir uns einlullen von den kleinen Schritten ins Grüne. Ist es nicht grossartig, dass Ford ein Hybridfahrzeug baut? Oder dass Wal-Mart nachhaltiger produzierte Waren verkauft? All das erinnert mich an die Zeit, als ich noch geraucht habe und mich jedes Mal besser fühlte, wenn ich irgendwo lesen durfte, dass Rauchen möglicherweise doch nicht gefährlich sei - weil ich gar nicht aufhören wollte.
Welche Rolle spielen da das Internet und die freie Kommunikation, die es ermöglicht?
Der Einfluss dieser Mittel könnte gigantisch sein, aber im Augenblick ist er bescheiden. Wenn Sie es mit der TV-Gesellschaft vergleichen, in der mächtige Leute mit ihren Kanälen und Werbemilliarden die Werte produzierten, aus denen unsere geistige Umgebung bestand, hat sich viel geändert. Heute kann jeder, der etwas zu sagen und eine Videokamera hat, auf YouTube riesige Konzerne lächerlich aussehen lassen. Das Internet ist das stärkste Revolutionsinstrument, das uns zur Verfügung steht.
Aber es wird nicht genutzt.
Wissen Sie, man kann sich auch hier selber betrügen. Die Culture-Jammers stehen am Morgen auf und finden eine E-Mail mit einem Video von Al Gore in ihrem Computer. Das begeistert sie, und jetzt schicken sie es an zehn ihrer Freunde und lehnen sich zurück im wohligen Gefühl, Aktivisten zu sein... Aber ein paar Mausklicks machen keinen Aufstand. Wirkliche Veränderungen setzen die Energie voraus, auf die Strasse zu gehen - stattdessen sitzen die Leute vor ihren Bildschirmen und denken, sie seien Revolutionäre, weil sie ein paar E-Mails zu den Milliarden hinzufügen, die bereits rund um den Erdball kreisen.
Dieses Interview ist die überarbeitete Fassung eines Gesprächs, das im Herbst 2007 in der Zeitschrift «GDI Impuls» erschienen ist.
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© BeobachterNatur Ausgabe 4 vom 20. Feb 2008 - Alle Rechte vorbehalten









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