Energiewende Viel Schaden für wenig Strom

Böses Ende? Die Lammschlucht im Entlebuch soll verbaut werden.

Für «nachhaltige» Energie sollen an den letzten unverbauten Bächen Kleinkraftwerke entstehen. Das zerstört oft mehr, als es bringt.

Spaziergänger verirren sich nicht hierher: Die Lammschlucht wirkt wild und unberührt. Richi Stadelmann zeigt auf eine seichte Stelle am Rand des Flüsschens Waldemme: «Hier laichen die Forellen. Wenn das Kraftwerk gebaut würde, wäre der ­Lebensraum der Jungfische stark gefährdet.» Er schüttelt den Kopf: «Das Projekt ist der Wahnsinn!»

Stadelmann trägt nicht die typisch funktionale Kleidung der Ökobewegten, sondern eine Arbeitshose mit ­Meterstab in der Seitentasche. Der Holzbauunternehmer aus Hitzkirch LU ist ein Naturbursche. Als Fliegen­fischer ist er oft hier im Entlebuch, beobachtet Fische und Insekten: «In der Lammschlucht leben eine einzigartige Forellenpopulation und vom Aussterben bedrohte Insektenarten wie Eintags-, Stein- und Köcherfliegen.»

Das geplante Kraftwerk, das 4500 Haushalte mit Strom versorgen soll, würde laut WWF den Grossteil des Wassers aus der Waldemme unterhalb von Flühli LU abzweigen. Auf einer Strecke von 4,5 Kilometern bliebe nur ein Rinnsal übrig: Das «Naturjuwel» Lammschlucht wäre bedroht.

Das will Richi Stadelmann nicht hinnehmen. Er mobilisiert gegen das Projekt der Centralschweizerischen Kraftwerke AG (CKW). Zusammen mit dem Fischer haben der WWF und ­weitere Umweltschutzorganisationen Einsprache erhoben. Der Entscheid des Kantons Luzern steht aus.

Karte: Hier liegt die Lammschlucht

Kleinkraftwerke sind Goldesel

Das Lammschlucht-Projekt ist nur eins von vielen. Landesweit sind 870 Kleinwasserkraftwerke geplant – realisiert wird wohl weniger als die Hälfte. Doch Kleinwasserkraft erlebt einen Boom, da der Bund die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien seit 2008 mit der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) unterstützt. Dank KEV erhalten Produzenten von Energie aus Fotovoltaik, Biomasse, Wind und Kleinwasserkraft ein Vielfaches des Marktpreises: Statt 4,5 Rappen pro Kilowattstunde sind es, je nach Art und Standort der Anlage, zehn bis ­maximal zirka 45 Rappen, garantiert für 20 bis 25 Jahre. Finanziert wird die KEV mit Konsumentenabgaben – total gegen 750 Millionen Franken im Jahr 2015. Die Produktion erneuerbarer Energie ist mehrheitsfähig, schliesslich soll man im Rahmen der Energiewende aus der Atomenergie aussteigen.

Gute Preise für zwei Jahrzehnte: Diese Aussicht ist komfortabel. Kleine wie grosse Stromfirmen, Gemeinden und Private versuchen, an die KEV-«Honigtöpfe» zu kommen, und bauen Kleinwasserkraftwerke.

Doch diese seien zum Teil völlig unsinnig, finden Umweltverbände. Zahlreiche unberührte Bäche würden verbaut und sensible Orte wie Landschaftsschutz- oder Auengebiete und Fischwanderkorridore unwiderruflich zerstört. Dabei seien die Kleinkraftwerke wenig rentabel und leisteten ­einen vernachlässigbaren Beitrag zur Gesamtstromproduktion.

«Wir haben in den letzten Jahrzehnten viele Arten und Lebensräume verloren», sagt WWF-Gewässerexperte Dani Heusser. Doch diesen Verlust mit dem Wert eines Kraftwerks zu vergleichen sei praktisch unmöglich. «Wollen wir zerstören oder leben lassen?», das sei die Frage. Laut Heusser sind «etwa zehn Prozent der Kleinwasserkraftanlagen aus ökologischer Sicht inakzeptabel und richten grossen Schaden an. Es gibt aber auch sinnvolle Projekte.»

Richi Stadelmann, Umweltaktivist: «Dieses Kraftwerkprojekt ist der Wahnsinn!»

Das Bundesamt für Energie hält 
die Umweltwirkung von Kleinwasserkraftwerken für «vertretbar». Beim Bau müssten die Gewässerschutzbestimmungen eingehalten werden, teilweise würde renaturiert und Gewässerschutz oder Fischgängigkeit verbessert. Für eine Situationsverbesserung sei es «zielführender und ehrlicher, das Gewässerschutzrecht anzupassen, statt die Förderung der erneuerbaren Energien zu bekämpfen». Die Kleinwasserkraft habe im Vergleich mit ­anderen erneuerbaren Energien ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis und sei langfristig konkurrenzfähig.

Lieber grosse Anlagen ausbauen

Oft werde brachliegendes Potenzial wieder genutzt, sagt Martin Bölli, Geschäftsführer des Interessenverbands Schweizerischer Kleinkraftwerk-Besitzer: «Wir hatten früher 10000 Kleinwasserkraftwerke in der Schweiz, viele im Besitz von KMU wie Sägereien oder Spinnereien. Die meisten wurden stillgelegt. Dank der KEV wurden sie ­wieder in Betrieb genommen.» Hinzu kämen Anlagen, die aus Trinkwasser oder Abwasser Strom erzeugten – ­ohne ökologischen Schaden.

Die Kleinwasserkraft produziert mit einem Anteil von rund fünf Prozent an der Gesamtstromproduktion in etwa so viel wie Fotovoltaik, Wind und Biomasse zusammen. «Um bei der Stromproduktion unabhängig gegenüber dem Ausland zu sein, ist ein Kompromiss zwischen Nutzung und Schutz der Gewässer nötig», sagt Bölli.

Man würde besser in die grossen Anlagen an den Stauseen investieren, finden Umweltschützer. Die Grosswasserkraft produziert mehr als die Hälfte des gesamten Stroms. Durch Zu-bauten und Effizienzsteigerung könnte man laut Industrieangaben ihren Anteil um fünf Prozent steigern – etwa der Anteil der Kleinwasserkraft. Bei der Grosswasserkraft schaue pro investierten Franken viel mehr Strom heraus, so ein unabhängiger Experte. Und das bei geringeren ökologischen Schäden. Fazit: «Besser ein einziges grosses Kraftwerk als 1000 kleine!»

Wegen der tiefen Strompreise investieren die bedeutenden Stromfirmen wie Axpo oder Alpiq aber derzeit nicht in ihre Grosskraftwerke, für die sie keine finanzielle Unterstützung ­bekommen. Die Stromlobby setzt sich nun dafür ein, dass auch Grosskraftwerke subventioniert werden, was die zuständige Ständeratskommission befürwortet. Der Ständerat entscheidet in der aktuellen Session.

Weil die Aussichten generell un­sicher sind, investieren die Firmen vorderhand in neue, KEV-geförderte Kraftwerke. Wie in der Entlebucher Lammschlucht. Der dortige Investor CKW sagt, der Umweltverträglichkeitsbericht zeige, dass «weder die Fischpopulation noch andere Lebe­wesen und Pflanzen durch den Kraftwerkbetrieb gefährdet sind». Entgegen den WWF-Berechnungen sei das – von der lokalen Bevölkerung unterstützte – Kraftwerk langfristig rentabel. «Sobald die Konzessions- und Baubewilligung vorliegt, wird CKW das Projekt mit vollem Elan vorantreiben.»

Autor:
  • Daniel Bütler
Bild:
  • Simon Iannelli

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