Eine Ölpest wie diejenige im Golf von Mexiko ist im Nigerdelta seit Jahrzehnten Alltag. Der nigerianische Umweltaktivist Nnimmo Bassey, der mit dem Alternativen Nobelpreis 2010 ausgezeichnet wurde, kämpft gegen die Verschmutzung eines der bedeutendsten Feuchtbiotope der Welt.
BeobachterNatur: Herr Bassey, das «Time Magazine» hat Sie letztes Jahr als «Hero of the Environment», als Held im Umweltschutzbereich, ausgezeichnet. Sind Sie ein Held?
Nnimmo Bassey: Ich sehe mich nicht als Helden. Ich bin ein Kämpfer, jemand, der sich mit der Bevölkerung vor Ort, den Leuten in den Dörfern, für mehr Gerechtigkeit in Umweltfragen einsetzt.
BeobachterNatur: Macht derartige Publizität Ihre Arbeit einfacher?
Bassey: Einfacher nicht. Aber es hilft, das Bewusstsein für unsere Anliegen zu schärfen. Dadurch erfahren immer mehr Menschen vom Überlebenskampf der Bevölkerung, die im Nigerdelta in unmittelbarer Nähe der Ölfelder lebt.
BeobachterNatur: Was hat Sie zum Umweltaktivisten gemacht?
Bassey: Es war keine Umweltkatastrophe, sondern ein Massaker, das nigerianische Regierungstruppen 1990 im Dorf Umuechem verübten und das 80 Menschen das Leben kostete. Das Dorf mit 500 Häusern wurde beim Überfall dem Erdboden gleichgemacht. Die Dorfbewohner hatten dem Ölkonzern Shell vorgeworfen, er verschmutze die Umwelt und entziehe ihnen, den Bauern und Fischern im Nigerdelta, die Lebensgrundlage. Offenbar wollte man von einem Dialog mit der lokalen Bevölkerung nichts wissen; die einfachen Leute sollten schweigen.
BeobachterNatur: Hat sich die Situation seither gebessert? Immerhin ist Nigeria in den letzten beiden Jahrzehnten demokratischer geworden.
Bassey: Man sollte es meinen. Doch noch im Mai letzten Jahres wurden Zivilisten von Regierungstruppen angegriffen – unter dem Vorwand, man wolle gegen militante Gruppierungen vorgehen. Auf der anderen Seite sind die Menschenrechtsbewegung und die Umweltschutzbewegung in Nigeria stärker und grösser geworden. Das lässt hoffen.
BeobachterNatur: Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt. Versprechen Sie sich nun mehr Verständnis für das Nigerdelta, dessen Bevölkerung seit Jahrzehnten gegen eine schleichende Verschmutzung durch Öl kämpft?
Bassey: Seien wir ehrlich: Würde das Öl nicht im Golf von Mexiko auslaufen, vor der Haustür der USA, sondern im Nigerdelta, hätte die Weltöffentlichkeit kaum davon erfahren. Doch solche Vorfälle zeigen uns, dass man den Ölmultis nicht trauen kann, und auch, dass solche Firmen zu viel Macht angehäuft haben, dass sie zu viel Druck ausüben auf die Politik – ob in den USA oder in Afrika. Wir haben auch gesehen, dass es den Ölfirmen nur ums Öl geht; was darum herum geschieht, interessiert sie nicht. Kritisiert man sie, hört man immer dieselben Argumente: dass sie schon seit über 50 Jahren offshore Öl förderten und schon wüssten, was sie tun.
BeobachterNatur: Im Nigerdelta liefen in den vergangenen 50 Jahren rund 13 Millionen Barrel Rohöl aus. Was bedeutet das für die Bevölkerung, für die Fischer und Bauern vor Ort?
Bassey: Sehen Sie, im Nigerdelta geht es nicht um mehr oder weniger Umweltverschmutzung; die Bevölkerung dort kämpft ums nackte Überleben. Das sieht man an der Lebenserwartung: Mit 41 Jahren ist sie eine der tiefsten der Welt.
Die Fischbestände sind mehr oder weniger verschwunden; die Fischer müssen immer weiter ins Meer hinausfahren, um noch etwas zu fangen. Ähnliches gilt für die Bauern: Ihre Böden sind verseucht, ebenso das Wasser. Wälder sind zerstört, das natürliche Gleichgewicht, auf das die Menschen zum Überleben angewiesen sind, ist gestört.
Das Nigerdelta ist eines der zehn wichtigsten Feuchtbiotope und küstennahen Meeresökosysteme weltweit. Heute haben wir hier mittendrin Tausende von Erdölseen und brennende Ölgasfelder. Die Menschen erkranken an Krebs, Asthma, Bronchitis. Und die Regierung setzt immer neue Ultimaten, um das Abbrennen zu stoppen – ohne dass etwas geschieht. 2005 haben wir die Ölfirmen, insbesondere Shell, wegen illegalen Abbrennens von Gas verklagt. Wir bekamen vor Gericht Recht. Trotzdem geht die offene Gasverbrennung weiter – und die Ölfirmen übernehmen keine Verantwortung für die Schäden.
BeobachterNatur: Warum greift die Regierung nicht ein?
Bassey: Auch die Regierung profitiert von der Ölgewinnung. Es gibt keine Transparenz. Es existieren nicht einmal verlässliche Angaben darüber, wie viel Öl in Nigeria tatsächlich gefördert wird. Die Regierung ist schlicht nicht in der Lage, dies zu kontrollieren; sie verlässt sich auf die Angaben der Industrie. Das bedeutet: Wir wissen über die Ölreserven des Landes nicht Bescheid, wir wissen auch nicht, wann sie zur Neige gehen.
BeobachterNatur: Schafft die Ölindustrie nicht auch Arbeitsplätze im Land?
Bassey: Nein. Für Nigerianer gibt es nur wenige Jobs in Bereichen, die keine berufliche Qualifikation verlangen. Die Wertschöpfung für unsere Wirtschaft ist gleich null, die Ölfirmen operieren zu 95 Prozent ausserhalb Nigerias. Unserem Land ging es ökonomisch und politisch viel besser, als noch keine ausländischen Ölfirmen hier waren. Sie haben die Nation destabilisiert, das Nationalgefühl untergraben. Alles wegen der Abhängigkeit der modernen Welt vom Rohöl.
BeobachterNatur: Auch Nigeria ist massiv vom Öl abhängig, 90 Prozent aller Deviseneinnahmen stammen aus der Ölförderung im Delta. Gibt es denn überhaupt Alternativen?
Bassey: Wir haben der Regierung Vorschläge unterbreitet. Es ist nicht nötig, neue Ölfelder und -quellen zu erschliessen. Es bringt mehr, die illegale Ölgewinnung, sprich Öldiebstahl, zu stoppen. Der Slogan unserer Kampagne lautet: «Keep the oil in the soil» – «Lasst das Öl im Boden». Die Regierung und die früheren Militärjuntas haben immer eigenmächtig entschieden, ohne die Bevölkerung miteinzubeziehen. Das muss sich ändern: Die Menschen brauchen ein Mitspracherecht.
BeobachterNatur: Afrika pocht auch in Klimaschutzfragen auf mehr Mitsprache und setzt sich für mehr «Klimagerechtigkeit» ein. Wie sähe diese in Ihren Augen aus?
Bassey: Selbst ein geringer Temperaturanstieg hat in Afrika erheblich grössere Auswirkungen als im Norden. Das führt zu Ernteausfall und Dürre. Afrika wird regelrecht aufgeheizt, gekocht. Für uns ist der Klimawandel eine Frage des Überlebens – und der Überlebenskampf ist in vollem Gange.
Mit freiwilliger Reduktion des CO2-Ausstosses, wie sie in Kopenhagen gefordert wurde, kommen wir nicht weiter. Es braucht verbindliche Reduktionen. Ausserdem müssten die Industrieländer den gefährdeten Ländern im Süden sechs Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für Klimaschutzmassnahmen zur Verfügung stellen. Geld, das sich leicht bei den Militär- und Rüstungsausgaben einsparen liesse. Übertretungen müssten international geahndet werden, etwa durch ein Klimatribunal. Um die globale Erwärmung zu stoppen, müssen uns alle Mittel recht sein.
BeobachterNatur: Welche Themen ausser Ölverschmutzung und Klimagerechtigkeit stehen noch auf Ihrer Agenda?
Bassey: Wir kämpfen gegen die Abholzung von Wäldern, für die Erhaltung der Biodiversität, aber auch gegen die Freisetzung von Gentechpflanzen oder den illegalen Goldabbau. Allein in den letzten Monaten sind in Nigeria 163 Kinder an Bleivergiftung gestorben, weil sie in den Minen ausgebeutet wurden. Die meisten davon waren jünger als fünf Jahre. Wir kämpfen auch für mehr Demokratie, für mehr Menschenrechte, dafür, dass Umwelt- wie auch Menschenrechtsanliegen vor Gericht gebracht werden können.
BeobachterNatur: Der Widerstand gegen Ihre Anliegen muss vor allem in Regierungskreisen gross sein.
Bassey: Die nigerianische Regierung hat sich bisher tatsächlich kaum um Umweltanliegen oder Menschenrechte gekümmert. Dabei gäbe es unendlich viel zu tun. Stichwort Wasserverschmutzung, Umgang mit Abfällen. Glücklicherweise sind sich auch in Nigeria immer mehr Menschen bewusst, dass sie mit der Zerstörung der Natur ihre Lebensgrundlage vernichten. Wir sind derzeit daran, eine gesamtafrikanische Umweltbewegung aufzubauen, die sich für die fragilen und bedrohten Öko-systeme einsetzt.
BeobachterNatur: Hier in Mitteleuropa scheint die Umwelt noch intakt zu sein, hier ist es grün, hier kann man Wasser direkt ab Hahn trinken. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Bassey: Wann immer ich in den USA oder in Europa bin, erinnere ich mich daran, was Afrika in den vergangenen Jahrhunderten verloren hat, wie Afrika ausgebeutet wurde, wer vom Raubbau profitiert hat. Vom Erdöl, den anderen kostbaren Rohstoffen, dem Gold und den Diamanten, die in Afrika gefördert werden, wurden andere reich – nie das afrikanische Volk.
BeobachterNatur: Für Ihr Engagement sind Sie viel unterwegs. Hat Ihre Familie dafür Verständnis?
Bassey: Oh ja, das hat sie (lacht). Meine Frau – wir verdienen beide als Architekten unseren Lebensunterhalt – ist ebenfalls Aktivistin, und unsere drei Söhne unterstützen uns in unserer Arbeit. Aber die junge Generation hat ihren eigenen Zugang zu der Materie. Und das ist gut so.
Nnimmo Bassey
«Die Ölfirmen haben zu viel Macht»
Eine Ölpest wie diejenige im Golf von Mexiko ist im Nigerdelta seit Jahrzehnten Alltag. Der nigerianische Umweltaktivist Nnimmo Bassey, der mit dem Alternativen Nobelpreis 2010 ausgezeichnet wurde, kämpft gegen die Verschmutzung eines der bedeutendsten Feuchtbiotope der Welt.
Nnimmo Bassey, 52, ist Präsident der internationalen Umweltorganisation «Friends of the Earth». Der Architekt, der auch als Journalist, Illustrator, Sachbuchautor und Dichter arbeitet, ist seit 23 Jahren verheiratet und hat drei Söhne. Bassey lebt mit seiner Familie in Benin City im Süden Nigerias. Er fliege nur zu Geschäftszwecken, sagt der Redner, der auf der ganzen Welt gefragt ist. Und Ferien brauche er keine.
BeobachterNatur hat Nnimmo Bassey anlässlich eines Podiumsgesprächs von Friends of the Earth Österreich in Wien getroffen. (www.foei.org)
BeobachterNatur: Herr Bassey, das «Time Magazine» hat Sie letztes Jahr als «Hero of the Environment», als Held im Umweltschutzbereich, ausgezeichnet. Sind Sie ein Held?
Nnimmo Bassey: Ich sehe mich nicht als Helden. Ich bin ein Kämpfer, jemand, der sich mit der Bevölkerung vor Ort, den Leuten in den Dörfern, für mehr Gerechtigkeit in Umweltfragen einsetzt.
BeobachterNatur: Macht derartige Publizität Ihre Arbeit einfacher?
Bassey: Einfacher nicht. Aber es hilft, das Bewusstsein für unsere Anliegen zu schärfen. Dadurch erfahren immer mehr Menschen vom Überlebenskampf der Bevölkerung, die im Nigerdelta in unmittelbarer Nähe der Ölfelder lebt.
BeobachterNatur: Was hat Sie zum Umweltaktivisten gemacht?
Bassey: Es war keine Umweltkatastrophe, sondern ein Massaker, das nigerianische Regierungstruppen 1990 im Dorf Umuechem verübten und das 80 Menschen das Leben kostete. Das Dorf mit 500 Häusern wurde beim Überfall dem Erdboden gleichgemacht. Die Dorfbewohner hatten dem Ölkonzern Shell vorgeworfen, er verschmutze die Umwelt und entziehe ihnen, den Bauern und Fischern im Nigerdelta, die Lebensgrundlage. Offenbar wollte man von einem Dialog mit der lokalen Bevölkerung nichts wissen; die einfachen Leute sollten schweigen.
BeobachterNatur: Hat sich die Situation seither gebessert? Immerhin ist Nigeria in den letzten beiden Jahrzehnten demokratischer geworden.
Bassey: Man sollte es meinen. Doch noch im Mai letzten Jahres wurden Zivilisten von Regierungstruppen angegriffen – unter dem Vorwand, man wolle gegen militante Gruppierungen vorgehen. Auf der anderen Seite sind die Menschenrechtsbewegung und die Umweltschutzbewegung in Nigeria stärker und grösser geworden. Das lässt hoffen.
BeobachterNatur: Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt. Versprechen Sie sich nun mehr Verständnis für das Nigerdelta, dessen Bevölkerung seit Jahrzehnten gegen eine schleichende Verschmutzung durch Öl kämpft?
Bassey: Seien wir ehrlich: Würde das Öl nicht im Golf von Mexiko auslaufen, vor der Haustür der USA, sondern im Nigerdelta, hätte die Weltöffentlichkeit kaum davon erfahren. Doch solche Vorfälle zeigen uns, dass man den Ölmultis nicht trauen kann, und auch, dass solche Firmen zu viel Macht angehäuft haben, dass sie zu viel Druck ausüben auf die Politik – ob in den USA oder in Afrika. Wir haben auch gesehen, dass es den Ölfirmen nur ums Öl geht; was darum herum geschieht, interessiert sie nicht. Kritisiert man sie, hört man immer dieselben Argumente: dass sie schon seit über 50 Jahren offshore Öl förderten und schon wüssten, was sie tun.
BeobachterNatur: Im Nigerdelta liefen in den vergangenen 50 Jahren rund 13 Millionen Barrel Rohöl aus. Was bedeutet das für die Bevölkerung, für die Fischer und Bauern vor Ort?
Bassey: Sehen Sie, im Nigerdelta geht es nicht um mehr oder weniger Umweltverschmutzung; die Bevölkerung dort kämpft ums nackte Überleben. Das sieht man an der Lebenserwartung: Mit 41 Jahren ist sie eine der tiefsten der Welt.
Die Fischbestände sind mehr oder weniger verschwunden; die Fischer müssen immer weiter ins Meer hinausfahren, um noch etwas zu fangen. Ähnliches gilt für die Bauern: Ihre Böden sind verseucht, ebenso das Wasser. Wälder sind zerstört, das natürliche Gleichgewicht, auf das die Menschen zum Überleben angewiesen sind, ist gestört.
Das Nigerdelta ist eines der zehn wichtigsten Feuchtbiotope und küstennahen Meeresökosysteme weltweit. Heute haben wir hier mittendrin Tausende von Erdölseen und brennende Ölgasfelder. Die Menschen erkranken an Krebs, Asthma, Bronchitis. Und die Regierung setzt immer neue Ultimaten, um das Abbrennen zu stoppen – ohne dass etwas geschieht. 2005 haben wir die Ölfirmen, insbesondere Shell, wegen illegalen Abbrennens von Gas verklagt. Wir bekamen vor Gericht Recht. Trotzdem geht die offene Gasverbrennung weiter – und die Ölfirmen übernehmen keine Verantwortung für die Schäden.
BeobachterNatur: Warum greift die Regierung nicht ein?
Bassey: Auch die Regierung profitiert von der Ölgewinnung. Es gibt keine Transparenz. Es existieren nicht einmal verlässliche Angaben darüber, wie viel Öl in Nigeria tatsächlich gefördert wird. Die Regierung ist schlicht nicht in der Lage, dies zu kontrollieren; sie verlässt sich auf die Angaben der Industrie. Das bedeutet: Wir wissen über die Ölreserven des Landes nicht Bescheid, wir wissen auch nicht, wann sie zur Neige gehen.
BeobachterNatur: Schafft die Ölindustrie nicht auch Arbeitsplätze im Land?
Bassey: Nein. Für Nigerianer gibt es nur wenige Jobs in Bereichen, die keine berufliche Qualifikation verlangen. Die Wertschöpfung für unsere Wirtschaft ist gleich null, die Ölfirmen operieren zu 95 Prozent ausserhalb Nigerias. Unserem Land ging es ökonomisch und politisch viel besser, als noch keine ausländischen Ölfirmen hier waren. Sie haben die Nation destabilisiert, das Nationalgefühl untergraben. Alles wegen der Abhängigkeit der modernen Welt vom Rohöl.
BeobachterNatur: Auch Nigeria ist massiv vom Öl abhängig, 90 Prozent aller Deviseneinnahmen stammen aus der Ölförderung im Delta. Gibt es denn überhaupt Alternativen?
Bassey: Wir haben der Regierung Vorschläge unterbreitet. Es ist nicht nötig, neue Ölfelder und -quellen zu erschliessen. Es bringt mehr, die illegale Ölgewinnung, sprich Öldiebstahl, zu stoppen. Der Slogan unserer Kampagne lautet: «Keep the oil in the soil» – «Lasst das Öl im Boden». Die Regierung und die früheren Militärjuntas haben immer eigenmächtig entschieden, ohne die Bevölkerung miteinzubeziehen. Das muss sich ändern: Die Menschen brauchen ein Mitspracherecht.
BeobachterNatur: Afrika pocht auch in Klimaschutzfragen auf mehr Mitsprache und setzt sich für mehr «Klimagerechtigkeit» ein. Wie sähe diese in Ihren Augen aus?
Bassey: Selbst ein geringer Temperaturanstieg hat in Afrika erheblich grössere Auswirkungen als im Norden. Das führt zu Ernteausfall und Dürre. Afrika wird regelrecht aufgeheizt, gekocht. Für uns ist der Klimawandel eine Frage des Überlebens – und der Überlebenskampf ist in vollem Gange.
Mit freiwilliger Reduktion des CO2-Ausstosses, wie sie in Kopenhagen gefordert wurde, kommen wir nicht weiter. Es braucht verbindliche Reduktionen. Ausserdem müssten die Industrieländer den gefährdeten Ländern im Süden sechs Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für Klimaschutzmassnahmen zur Verfügung stellen. Geld, das sich leicht bei den Militär- und Rüstungsausgaben einsparen liesse. Übertretungen müssten international geahndet werden, etwa durch ein Klimatribunal. Um die globale Erwärmung zu stoppen, müssen uns alle Mittel recht sein.
BeobachterNatur: Welche Themen ausser Ölverschmutzung und Klimagerechtigkeit stehen noch auf Ihrer Agenda?
Bassey: Wir kämpfen gegen die Abholzung von Wäldern, für die Erhaltung der Biodiversität, aber auch gegen die Freisetzung von Gentechpflanzen oder den illegalen Goldabbau. Allein in den letzten Monaten sind in Nigeria 163 Kinder an Bleivergiftung gestorben, weil sie in den Minen ausgebeutet wurden. Die meisten davon waren jünger als fünf Jahre. Wir kämpfen auch für mehr Demokratie, für mehr Menschenrechte, dafür, dass Umwelt- wie auch Menschenrechtsanliegen vor Gericht gebracht werden können.
BeobachterNatur: Der Widerstand gegen Ihre Anliegen muss vor allem in Regierungskreisen gross sein.
Bassey: Die nigerianische Regierung hat sich bisher tatsächlich kaum um Umweltanliegen oder Menschenrechte gekümmert. Dabei gäbe es unendlich viel zu tun. Stichwort Wasserverschmutzung, Umgang mit Abfällen. Glücklicherweise sind sich auch in Nigeria immer mehr Menschen bewusst, dass sie mit der Zerstörung der Natur ihre Lebensgrundlage vernichten. Wir sind derzeit daran, eine gesamtafrikanische Umweltbewegung aufzubauen, die sich für die fragilen und bedrohten Öko-systeme einsetzt.
BeobachterNatur: Hier in Mitteleuropa scheint die Umwelt noch intakt zu sein, hier ist es grün, hier kann man Wasser direkt ab Hahn trinken. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Bassey: Wann immer ich in den USA oder in Europa bin, erinnere ich mich daran, was Afrika in den vergangenen Jahrhunderten verloren hat, wie Afrika ausgebeutet wurde, wer vom Raubbau profitiert hat. Vom Erdöl, den anderen kostbaren Rohstoffen, dem Gold und den Diamanten, die in Afrika gefördert werden, wurden andere reich – nie das afrikanische Volk.
BeobachterNatur: Für Ihr Engagement sind Sie viel unterwegs. Hat Ihre Familie dafür Verständnis?
Bassey: Oh ja, das hat sie (lacht). Meine Frau – wir verdienen beide als Architekten unseren Lebensunterhalt – ist ebenfalls Aktivistin, und unsere drei Söhne unterstützen uns in unserer Arbeit. Aber die junge Generation hat ihren eigenen Zugang zu der Materie. Und das ist gut so.
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© BeobachterNatur Ausgabe 6 vom 11. Aug 2010 - Alle Rechte vorbehalten